ARD-alpha - Campus Magazin


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Integrationsprojekt "Es gibt hier keine Grenzen"

Startschuss für eine außergewöhnliche WG: weg von der Familie, auf ins eigene Leben: das haben alle Bewohner der Kistlerhofstraße 144 gemeinsam. Der große Unterschied: Ein Teil von ihnen hat das nicht freiwillig getan. Denn in einem ehemaligen Bürogebäude im Münchner Süden leben junge Flüchtlinge und Studierende unter einem Dach. Das Wohnprojekt ist einmalig in Deutschland und spannend - für alle Beteiligten.

Von: Katharina Willinger und Moritz Pompl

Stand: 15.10.2015

Ich bin spät dran. Seit zehn Minuten bin ich mit Atiq verabredet. Wir kennen uns bislang nur über WhatsApp. "Ich komme zehn Minuten später. Es ist so viel Verkehr. Entschuldige bitte!", schreibe ich ihm. Er antwortet sofort: "Alles klar. Ich bin in meinem Zimmer und warte auf dich. Dann können wir reden."

Während ich mich beeile, dass aus den zehn Minuten nicht 20 Minuten werden, denke ich darüber nach, wie gut Atiq Deutsch spricht. Ich weiß nicht viel über ihn, nur dass er aus Afghanistan kommt und seit kurzem im Münchner Süden lebt. Er ist in ein Haus eingezogen, das quasi ein Experiment wagt: Flüchtlinge und Studierende unter einem Dach. Als das Projekt in die Bauphase gestartet ist, habe ich mich schonmal vor Ort umgesehen, habe schon einige Studenten getroffen, die einziehen wollten. Und heute lerne ich also Atiq kennen.

Vom Bürogebäude zum Integrationsprojekt

Münchner Bürogebäude umgebaut zum Wohnheim

Als ich am Wohnheim ankomme, regnet es. Trotzdem bleibe ich eine Weile vor dem Haus stehen. Als ich das letzte Mal hier war, sah es noch ganz anders aus. Überall Bauzäune und Handwerker. Alles wurde umgebaut. Aus einem ehemaligen Bürogebäude wurde eine Wohngemeinschaft, eine sehr große. Die Idee dazu hatte Condrobs e.V., ein sozialer Träger, der sich stark in der Jugendhilfe engagiert.  Und bald sollen hier 100 Leute wohnen: 60 junge Flüchtlinge und 40 Studenten.

Zwei von ihnen sitzen an der Pforte, als ich das Haus betrete. Pforte deshalb, damit nicht einfach jeder ins Wohnheim spazieren kann. Einen der beiden Pförtner kenne ich schon von einer Besichtigung im Sommer. Nils, er hat sich damals zusammen mit seiner Mutter das Haus angeschaut. Nun ist er tatsächlich eingezogen. An der Pforte schiebt er jetzt hin und wieder Dienste und verdient sich was zur Miete dazu. Das können hier alle Studenten machen.

Links wohnen die Studenten, rechts die Flüchtlinge

"Atiq müsste oben sein.Treppe hoch und dann rechts. Shafiq ist, glaub ich, auch schon da", sagt Nils. Wer Shafiq ist, weiß ich nicht, vielleicht ein Freund. Ich gehe in den ersten Stock. Nach rechts hat Nils gesagt. Stimmt, links ist der Flügel, in dem die Studenten wohnen. Das weiß ich noch von der Besichtigung im Sommer. Damals hat mir Melanie Contu, die Projektleiterin auch erklärt, warum die Studenten und die Flüchtlinge zwar in einem Haus, aber in verschiedenen Flügeln leben. "Das hat was mit den Vorschriften im Bereich der Jugendhilfe zu tun. Die schreiben vor, dass man Jugendliche, also in dem Fall die Flüchtlinge, in Gruppen unterbringen muss, also in einem Gruppenkonzept. Und es hat auch was mit der Pädagogik zu tun. Mit den Flüchtlingen arbeiten wir ja noch."

"Ich bin Atiq"

Atiq aus Herat in Afghanistan

Oben angekommen, steht ein junger Mann im Flur und schaut mich an. "Ich bin Atiq." "Ich bin Katharina.""Komm mit." Ich folge ihm, bleibe aber gleich wieder stehen, denn mir fällt ein, dass ich mich vielleicht bei seinen Betreuern vorstellen sollte. Die haben bereits mitbekommen, dass jemand Fremdes im Gang steht und winken mich in ihr Zimmer. Großes Hallo, sieben Leute geben mir die Hand und hören sich an, was ich ihnen zu erzählen habe: Journalistin, interessantes Projekt, Reportage, treffe heute zum ersten Mal Atiq. Alles okay.

Zwei Stunden fühlen sich an wie fünf Minuten

Dann folge ich Atiq auf sein Zimmer, knappe 20 qm, man sieht, dass er gerade erst eingezogen ist. In der Ecke sitzt ein Junge. "Ich bin Shafiq, Atiqs kleiner Bruder." Das wusste ich nicht. Aber ich weiß ja auch so gut wie nichts über Atiq. Also erzählen mir die beiden von sich. Atiq ist 18 Jahre alt, Shafiq 17. Sie kommen aus Herat, das ist in Afghanistan. Letztes Jahr sind sie aus ihrem Heimatland geflohen. Ihre Eltern sind immer noch dort, zusammen mit zwei Schwestern. Eine dritte Schwester lebt seit 15 Jahren in England. Wir sprechen über ihre Flucht, vage über die Hintergründe, über die Türkei, denn dort waren sie fast ein halbes Jahr und viel über Deutschland. Deutschlands Behörden, Deutschlands Bewohner, Deutschlands Sprache. Zwei Stunden, die sich anfühlen, wie fünf Minuten.

Kickern in der Küche

Kickern in der Gemeinschaftsküche

Zwei Tage später bin ich wieder da. Zusammen mit meinem Kollegen Moritz. Wir haben unsere Kameras dabei. Wir sind nicht die einzigen. Viele Menschen sind heute da. Das Wohnheim wird offiziell eröffnet. Die Studierenden und Flüchtlinge laufen durch die Gänge, lachen, rufen, verschwinden in ihren Zimmern. Wie jeden Tag, nur dass sie heute beobachtet werden. Von der Presse, von Spendern, die das Projekt unterstützen, von interessierten Menschen. Malte, einer der Studenten, den ich schon kenne, sieht uns: "Kommt doch zu uns in die Küche. Wir haben seit ein paar Tagen nen Kicker." Malte wohnt auch im ersten Stock, wie Atiq und Shafiq. Nur auf der anderen Seite. Wir laufen durch einen langen Flur, davon gehen die Zimmer der Studenten ab. Am Ende des Flurs ist die Gemeinschaftsküche. Und da wird gerade nicht gekocht, sondern gekickert. Drei Studenten sind da und Heermann. Er ist wie Atiq geflohen, jetzt lebt auch er hier im Wohnheim und geht zur Schule.

"Es gibt hier keine Grenzen"

Shafiq und Malte

Bislang läuft alles super hier, ist der Tenor der Kickerleute. Trotz räumlicher Trennung gäbe es einen großen Austausch zwischen Studenten und Flüchtlingen. Gemeinsames Lernen, Sport machen und kochen. Da fällt auch der Name Shafiq. Er koche am besten. Grenzen gäbe es jedenfalls bislang keine. "Studenten und Flüchtlinge haben ja auch viel gemeinsam. Wir haben alle irgendwie kein Geld und kennen am Anfang kaum Leute in der Stadt. Also kann man sich doch zusammentun", sagt Malte.

Word.

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