ARD-alpha - Campus Magazin


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Erfahrungsberichte Wie Flüchtlinge das Studium in Deutschland erleben

Javad, Farouk* und Maryam sind Flüchtlinge, die in Deutschland studieren. Zu Semesterbeginn erzählen sie über ihr Studium und die Herausforderungen, die es mit sich bringt.

Von: Linda Zahlhaas

Stand: 09.10.2015

Javad im Gespräch | Bild: Fabian Mader

Javad, 30, stammt aus Afghanistan

Javad muss schon als Kind aus Afghanistan in den Iran fliehen. In Teheran schließt er sein Bachelor-Studium ab. Aber mit dem Ende seines Studiums kann er seine Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängern. Mit seiner Mutter macht er sich daraufhin 2010 auf den Weg nach Deutschland. Sein Ziel: In Deutschland das Studium bis zum Master fortzusetzen.  

Javad stammt aus Afghanistan

"Wenn ich gewusst hätte, wie steinig mein Weg in Deutschland werden würde, wäre ich nicht nach Deutschland gekommen. Ich habe so viele Probleme hier. Deutsche könnten mit so vielen Problemen, wie ich sie habe, nicht mehr studieren. Als ich vor fünf Jahren in Deutschland angekommen bin, hatte ich viele Schwierigkeiten mit der Sprache, denn ein Sprachkurs wurde mir, bis mein Aufenthaltsstatus geklärt war, verwehrt. Also habe ich zuhause gelernt. Es kostete mich drei Jahre, bis ich die Deutsch-Prüfung ablegen konnte und meine Uni-Zeugnisse anerkannt wurden. Ich besitze mein Bachelor-Zeugnis nicht mehr im Original, sondern konnte es nur Online im Internet vorzeigen. Ich darf jetzt wohl studieren, aber mein Uni-Abschluss wurde nicht anerkannt. Deswegen studiere ich jetzt also nochmals im Bachelor Mechatronik an der Hochschule in München. Vor einem Monat habe ich dann erfahren, dass mein Bachelor aus Teheran doch anerkannt wird. Zu spät, um sich für das kommende Semester für einen Master-Studiengang einzuschreiben. Den begonnenen Bachelor abbrechen, das möchte ich auch nicht. Ein weiteres Problem ist, dass ich auch nicht weiß, wie ich mein Studium in Zukunft überhaupt finanzieren soll. Mit dem Beginn meines Studiums habe ich einen BAföG-Antrag gestellt, nach neun Monaten kam die Antwort per Post: Antrag abgelehnt. Ich erkläre mir das so: Weil mein Studium aus dem Iran jetzt anerkannt wurde und ich deswegen schon einmal studiert habe, kann ich jetzt kein BAföG bekommen. Ich bekomme keine sozialen Leistungen, kein Stipendium, kein BAföG. Ich lebe allein von der Luft. Bis heute bin ich nur wegen des schlechten Gesundheitszustands meiner Mutter geduldet in Deutschland. Ich wohne in einer Gemeinschaftsunterkunft, dort habe ich kein eigenes Zimmer, wo ich lernen kann. Ich wohne dort mit tausend anderen Leuten und eigentlich kann ich dort gar nicht lernen. Dort lernt niemand und alle sind betrunken und rauchen und machen, was sie wollen. Trotzdem habe ich es bis ins 3. Semester geschafft. Zwei Drittel der deutschen Studenten haben es nicht geschafft, die benötigten 40 ETCS Punkte in den ersten beiden Semestern zu sammeln. Ich schon. Ich habe mich, um die deutsche Sprache zu lernen, fast umgebracht, natürlich möchte ich nach den ganzen Anstrengungen in Deutschland bleiben und ich weiß, irgendwann werden sich alle meine Mühen auszahlen."

Javad, 30 Jahre

Maryam, 29, ist gelernte Informatikerin

In Teheran hat sie in einer Bank gearbeitet. Nachdem sie vom Islam zum Christentum konvertiert ist, wurde sie von der Regierung verfolgt. Im Januar 2013 ist sie in Deutschland angekommen.

"Im Iran hatte ich alles, was man braucht: eine Arbeit und eine Wohnung. In Deutschland angekommen, war alles fremd für mich ich kannte niemanden und konnte kein Wort Deutsch sprechen. Ich konnte mich nicht ausdrücken, was sehr schlimm für mich war, weil ich eigentlich eine sehr kommunikative Person bin. Auch im Wohnheim für Asylbewerber habe ich mich nicht wohl gefühlt, es ist zu eng und schmutzig dort gewesen. Nach neun Monaten in Deutschland wurde ich zum Interview eingeladen. Bis heute habe ich keine Antwort über meinen Asylstatus erhalten. Im Wintersemester 2014/2015 konnte ich dann an der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen (FAU), finanziert durch die Initiative „BLEIB“, einen Sprachkurs belegen, die Abschluss-Prüfung mit C1-Niveau habe ich bestanden. Durch den bestandenen Sprachkurs, meinen Bachelor aus dem Iran und nach vielen Diskussionen mit den deutschen Behörden und der Uni wurde ich dann an der FAU akzeptiert und eingeschrieben. Im ersten Semester war es wirklich schwierig für mich, im Stoff mitzukommen. Ich habe meinen Bachelor 2008 abgeschlossen, das ist schon so lange her, mir haben für den Master viele Grundlagen gefehlt. Auch kann ich mich nicht komplett auf das Studium konzentrieren, weil ich so viele andere Dinge im Kopf habe, wie zum Beispiel mein ungeklärter Aufenthaltsstatus. Aber ich habe mich daran gewöhnt und habe Freunde gefunden und Initiativen, die mir helfen. Von einer christlichen Gemeinde erhalte ich Unterstützung.  Ich bin zufrieden. Aufgrund meiner schlechten gesundheitlichen Verfassung wurde mir im April 2014 eine Wohnung vom Sozialamt gestellt, dort finde ich Ruhe. Natürlich habe ich Zukunftsängste und es gibt viele Dinge, die mich noch belasten, aber ich werde niemals vergessen, was Deutschland für mich getan hat. Ich fühle mich hier frei und konnte meine Traurigkeit hinter mir lassen. Ich würde nach meinem Studium gerne in Deutschland bleiben, hier arbeiten, Steuern zahlen und Deutschland meinen Teil zurückgeben."

Maryam

Farouk* möchte seinen wahren Namen nicht nennen.

Farouk* ist seit drei Jahren in Deutschland. In seiner Heimat, dem Iran, hat er seinen Master in Mathematik abgeschlossen und dort sieben Jahre an der Uni als Dozent gelehrt. In Deutschland findet er mit seinem iranischen Abschluss keinen Job, deswegen beginnt er jetzt zum WS 2015/2016 an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen den Master in Mathematik.

"Als Gast erscheint es wohl unhöflich zu sagen, dass ich mit den mir gegebenen Bedingungen in Deutschland nicht zufrieden bin. Aber mein Weg als Asylbewerber zum Studium ist hart und steinig. Besonders, weil ich mich nicht einfach auf mein gelerntes Fach und meine Berufserfahrung aus meinem Heimatland stützen kann. Ich muss mir alles neu aufbauen und erarbeiten. Vor drei Jahren habe ich meinen Asylantrag gestellt. Zu Beginn wurde ich mit zwölf Iranern in ein abgelegenes kleines Dorf geschickt. Wir waren ganz isoliert und hatten keinen Kontakt mit anderen Menschen. Mir wurden zwei Sprachkurse ermöglicht, vom Ökumenischen Verein in Hersbruck und dem BeruflichenFortbildungszentrum BFz. Leider war der Unterricht im BFz nicht sehr effizient. Alle Teilnehmer wurden gleich bewertet und auch diejenigen, die die Prüfung nicht geschafft hatten, wurden in den nächst höheren Kurs versetzt. Am Anfang war ich sehr motiviert Deutsch zu lernen, aber mit der Zeit wuchs in mir die Angst, dass das Erlernen der Sprache ganz umsonst gewesen sein könnte, solange ich nicht weiß, ob ich morgen noch in Deutschland bleiben darf. Ich wohne in einer Gemeinschaftsunterkunft in Behringersdorf. Dort kann ich mich nicht auf mein Studium konzentrieren, der Lärmpegel ist zu groß. Mein Nachbar hat mir ein Praktikum bei „Mission eine Welt“ in Nürnberg vermittelt. Durch dem Kontakt zu dem Teilprojekt „BLEIB in Nürnberg“ des „FIBA - Flüchtlinge in Beruf und Ausbildung Oberbayern“ wurde mir mein Sprachkurs finanziert sowie eine Fahrkarte bereitgestellt. Ohne deren Hilfe hätte ich die hohe und für mich alleine unüberwindbare Hürde zum Studium nicht bewältigen können. Ich biete ehrenamtlich Mathenachhilfe an, um wieder etwas von der Unterstützung, die ich empfangen habe, zurückzugeben."

Farouk (Name geändert).

* Name von der Redaktion geändert


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