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Stipendium für Syrer In Frieden forschen

Syrien blutet aus. An vielen Universitäten ist an Studieren nicht zu denken. Trotzdem braucht das Land Akademiker, vor allem für den Wiederaufbau. Der Deutsche Akademie Austauschdienst hat deshalb das Stipendienprogramm „Leadership for Syria“ gestartet

Von: Monika Haas

Stand: 04.01.2016

Akademisches Asyl: Syrische Studenten in Deutschland

5000 hatten sich beworben, 271 Stipendiaten konnten zum Wintersemester 2015/16 ihr Studium in Deutschland begonnen. Vor dem Semesterstart gab es für sie eine Einführung in das Programm und in den Lebensalltag sowie  einen achtwöchigen Sprachkurs.

Osama studiert in Aachen

Osama hat seinen Bachelor in Elektrotechnik an der Universität Damaskus gemacht. Danach arbeitete er drei Jahre in Jordanien und hat dort am Goethe-Institut auch etwas Deutsch gelernt. Osama studiert seit dem Wintersemester 2015/16 an der RWTH Aachen im Master „Electrical Power Engineering“.

Deutschland war bis Beginn des Bürgerkrieges einer der wichtigsten Handelspartner Syriens, der DAAD hat dort seit langem Austauschprogramme. Jetzt will der DAAD auch in Kriegszeiten helfen. Die Männer und Frauen aus Syrien werden in den nächsten zwei Jahren in Deutschland studieren oder promovieren. An welcher Universität oder Hochschule hängt davon ab, welche Fachrichtung sie gewählt haben.

DAAD - Stipendium "Leadership for Syria"

Wer darf kommen?

Die Bewerber mussten ein hartes Auswahlverfahren durchlaufen. Nur Kandidaten mit sehr guten Noten wurden überhaupt zu den Auswahlgesprächen eingeladen. Die Stipendiaten sind fast zur Hälfte Frauen, Religion, persönliches Schicksal oder politische Gesinnung waren für die Entscheidung der Gutachter nicht relevant. Die Stipendiaten sollen nach Kriegsende sobald wie möglich nach Syrien zurückzukehren und sich dort beim Wiederaufbau zu engagieren.

Wer finanziert das Stipendium?

Die Stipendiaten erhalten den üblichen Regelsatz der DAAD-Austauschprogramme: Für Bachelor-Studierende 650 Euro, Master-Studierende 750 Euro und Promovenden 1000 Euro monatlich. Dazu kommen Zuwendungen für Wohnung und Lebenshaltungskosten, sowie Studien- und Forschungsbeihilfen. Bis 2019 geben das Auswärtige Amt sowie die beiden Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, gute 16 Millionen Euro für das DAAD-Programm aus.

Reem studiert Umwelttoxikologie

Reem stammt aus Latakia. Sie studiert an der Universität Duisburg-Essen für den Master „Environmental Toxicology“. In Syrien machte sie ein herausragendes Abitur und einen hervorragenden Abschluss in Pharmazie. Mit dem „Leadership for Syria“-Programm hat sie jetzt ein Visum für zwei Jahre in Deutschland, für sich, ihr Baby und ihren Mann, der gerade Deutsch lernt. Baldmöglichst wollen sie zurück nach Syrien und nach dem Krieg am Wiederaufbau des Landes mitarbeiten.

Was will der DAAD erreichen?

Der jahrelange Krieg in Syrien macht ein Studium im Land schwer möglich. Es droht der komplette Exodus der akademischen Elite Syriens. Dabei werden Akademiker dringend gebraucht, um das Land nach Kriegsende wieder aufzubauen. Auch die sehr gut ausgebildeten jungen Schulabsolventen und die Studierenden, also die Elite von morgen, haben keine sichere Perspektive mehr für ein erfolgreiches Studium. Doch gerade auf ihre Generation kommt es an, wenn eines Tages wieder Frieden herrscht. Der DAAD will aber keine „akademische Fluchthilfe“ betreiben.Das Land soll also nicht noch zusätzlich ausbluten. Vielmehr will Deutschland über die Wissenschaft Kontakte zu dem Bürgerkriegsland aufrechterhalten.

"Mit dem Programm wird eine nach fachlichen Kriterien ausgewählte Elite des zukünftigen syrischen Führungspersonals mit einem Studien- oder Forschungsaufenthalt in Deutschland auf die Aufgabe vorbereitet, das künftige Syrien mitzugestalten."

Prof. Dr. Margret Wintermantel, DAAD-Präsidentin

Gab es solche Programme schon früher?

Der glückliche Moment als Osam die Stipendienzusage bekam.

Nach diesem Prinzip arbeitet der DAAD bereits seit langem und hat zuletzt für Studierende aus anderen  Krisenregionen spezielle Programme aufgelegt: Zum Beispiel für das frühere Jugoslawien, das während des Bürgerkriegs in Teilstaaten zerfiel, oder in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina. Auch in Afghanistan legte der DAAD 2002 das Sonderprogramm „Akademischer Wiederaufbau Afghanistan“ auf, zu dem unter anderem die Gründung einer Bergbauhochschule gehörte.

Das Besondere an diesen Stipendien:

Das Fachstudium, zum Beispiel an der RWTH Aachen, ist nur ein Teil des Stipendiums.

Die Stipendiaten sollen einen Abschluss machen. Daneben gibt es für sie ein das verpflichtende Begleitprogramm. „Gute Regierungsführung“ . Zu dem Kurs, der voraussichtlich Ende des Sommersemesters 2016 starten soll, gehören Fragen der Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Partizipation der Gesellschaft. Die Stipendiaten sollen Kenntnisse über ein funktionierendes, demokratisches Staatssystem erhalten, die sie im Idealfall nach ihrer Rückkehr in die Heimat dort anwenden können.

Brückenbauer für Morgen

Die deutschen Erwartungen an die Stipendiaten von „Leadership for Syria“ sind also sehr hoch. Sowohl fachlich, als auch hinsichtlich der Offenheit gegenüber europäischen Werten, etwa dem Ideal einer funktionierenden Zivilgesellschaft; zumal im gegenwärtigen Syrien jede politische Aktivität zu einer Gefahr für das eigene Leben und das der Familie werden kann, egal in wessen Herrschaftssektor, sei es in den sogenannten befreiten Gebieten der Aufständischen Milizen, im Sektor des IS oder im Einflussgebiets des Assad-Regimes.

Unterstützung auch in Jordanien

Im Auftrag der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) und mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) organisiert der DAAD seit Januar 2015 das Drittland- und Sur-Place-Stipendienprogramm „New Perspectives for Young Jordanians and Syrians“ in Jordanien durch.

Das New Perspectives-Programm richtet sich an qualifizierte syrische Flüchtlinge in Jordanien, die von den Vereinten Nationen registriert sind sowie an junge Jordanier aus den Regionen des Landes, mit einem hohen Zuwachs an Flüchtlingen. Sie sollen ein Masterabschluss in Jordanien machen können. Im Oktober 2015 nahmen die ersten 40 Stipendiaten an einem Orientierungsseminar mit Team-Building-Maßnahmen der GIZ teil. Seit Oktober 2016 studieren syrische und jordanische Stipendiaten gemeinsam an Hochschulen in Jordanien.


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