ARD-alpha - Campus Magazin


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Studium in Frankreich Politikwissenschaften an der Elitehochschule Science Po Grenoble

Ob Côte d'Azur oder Hochgebirge: Von beidem ist Claire Carlson nicht weit weg. Sie macht gerade ihr Erasmus-Auslandssemester in Grenoble. Die Stadt im Südosten Frankreichs liegt am Fuß der Alpen und hat einiges zu bieten.

Von: Claire Carlson

Stand: 24.11.2015

Clairs Carlson am hafen von Marseille | Bild: Claire Carlson

Ich studiere an der Sciences Po Grenoble Staatswissenschaften – Sciences Po ist eine der elf sehr renommierten Politikuniversitäten Frankreichs. Hier nahmen die Karrieren der meisten französischen Politiker ihren Anfang. François Hollande, Jacques Chirac und Georges Pompidou – so ziemlich jeder, der in Frankreich in die Politik geht, tut es mit einem Diplom der Sciences Po Paris. Deswegen hatte ich sehr hohe Erwartungen das akademische Niveau betreffend. Das trifft vielleicht auf Paris zu, aber weniger auf Grenoble. Die Kurse unterscheiden sich – soweit ich das erkennen kann - was die Anforderungen betrifft nicht groß von denen an meiner Universität in Passau.

Allerdings wird den Erasmus-Studierenden auch „Welpenschutz“ gewährt – wir dürfen Prüfungen teilweise in Englisch schreiben oder mündlich ablegen. Die französischen Studierenden haben hingegen einen sehr straffen Stundenplan von frühmorgens (was für mich alles vor 10 Uhr bedeutet) bis abends. Ich dagegen habe nur ein bis zwei Veranstaltungen am Tag. Allerdings wird es wohl nicht ganz so entspannt bleiben, da die ersten Prüfungen bald anstehen. Natürlich gibt es auch Erasmus-Studierende mit einem größeren Arbeitspensum  – je nachdem, wieviel sie sich in der Heimatuni anrechnen lassen wollen.

Zwischen Grenoble und Turin - Lac du Mont Cenis

Ich stehe meistens verboten spät auf (den einen 8-Uhr-Kurs, den ich hatte, habe ich nach zwei Woche geschmissen) - ein Luxus, den ich mir zuhause in dem Ausmaß nicht leisten kann. Ich habe am Tag nur ein bis zwei Veranstaltungen, das lässt reichlich Zeit für andere Dinge. So habe ich tatsächlich angefangen zu joggen -  was auch der Natur Grenobles verschuldet ist. Die Stadt ist umgeben von Bergmassiven, was einen atemberaubenden Blick bietet, gleich wo man sich befindet. Im Gegensatz zu Passau habe ich hier auch nicht jeden Abend eine Hochschulgruppe, sodass ich zweimal die Woche Volleyball spiele und ansonsten immer etwas mit Freunden unternehme. Das Nachtleben in Grenoble ist allerdings nicht so berauschend – aber vielleicht bekommen wir ja noch ein paar gute Geheimtipps. Was die Sprache oder die Kultur betrifft: Ich hatte keine großen Probleme mich einzuleben. Frankreich kommt Deutschland von der Kultur her doch sehr nahe und das studentische Umfeld ist im Endeffekt das Gleiche.

"Es ist eine Herausforderung, nicht in der sogenannten „Erasmus“-Blase zu landen."

Claire Carlson

Ich war anfangs ängstlich bemüht, Franzosen kennenzulernen und mich bloß nicht zu viel mit Erasmus-Leuten abzugeben. Das Problem ist, dass die französischen Studierenden natürlich unimäßig sehr viel eingespannter sind - Ich kenne zwar einige Franzosen aus Volleyball und der Uni, aber meine besten Freunde hier sind ebenfalls im Erasmus-Programm. Andererseits ist das auch toll – so lerne ich neben der französischen Kultur auch noch etwas über den Militärdienst in Südkorea oder studentische Proteste in Griechenland.

Mit Freunden in Turin

Eine kleine Herausforderung gab es dann doch: An Frankreich besonders (aber natürlich auch an Italien oder an Spanien) sind die Bises, die Wangenküsse, die man sich zur Begrüßung und zum Abschied gibt. Da ich es aus Deutschland gewohnt bin, dass Freunde sich umarmen oder einfach begrüßen, war es für mich sehr ungewohnt, jeden, den ich im Gang der Science Po traf, zu küssen. Vor allem wenn zwei Gruppen aufeinanderstoßen wird damit erstmal eine Menge Zeit verbracht. Viel Kopfzerbrechen bereitete mir außerdem die Anzahl der Bises (in Frankreich zwei, in Italien zum Beispiel aber drei) und mit welcher Seite man anfängt. Nach dem ein oder anderen peinlichen Kopf-Aneinander-Stoß-Moment, habe ich mich mittlerweile aber einigermaßen daran gewöhnt.

"Anfangs war ich wild entschlossen, auf gar keinen Fall ein typisches Erasmus-Semester zu haben…"

Claire Carlson

Vor dem Mailänder Dom

Ich wollte anfangs nur Kontakt zu Franzosen, perfekt die Sprache lernen und am besten noch 30 ECTS machen. Mittlerweile habe ich diese Ziele etwas relativiert. So habe ich gemerkt, dass ein typisches Erasmus-Semester nicht umsonst beliebt ist. Ich habe tolle Leute vieler verschiedener Nationalitäten kennengelernt und dadurch viel über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern gelernt. Ich bin mir über Privilegien klargeworden, derer ich mir davor gar nicht bewusst war, gleichzeitig hinterfrage ich bestimmte Sachen, die mir immer als gegeben erschienen. Abgesehen vom kulturellen Austausch, sind da noch die ganz profanen Freuden des Erasmus-Lebens: wir haben die Zeit, viel auszugehen und auszukatern. Wir haben einige Reisen unternommen, zum Beispiel nach Marseille, wo wir im Oktober noch im Meer waren. Außerdem sind wir eine Woche durch Italien gereist, nach Turin, Mailand, Verona und Venedig.

Länderinfo: Frankreich

  • Über 260 Millionen Menschen auf der ganzen Welt sprechen Französisch und in etwa 70 Staaten ist es sogar eine der offiziellen Landessprachen.
  • Das Hochschulsystem in Frankreich ist ein wenig komplizierter als in Deutschland: Grandes Ecoles sind Elitehochschulen, die sich auf eine sehr spezifische Fachrichtung spezialisiert haben. Sie haben meist ein eigenes strenges Auswahlverfahren. Die Institutes Universitaires de Technologie bieten kurze Studiengänge von in der Regel zwei Jahren an. Sie dienen meist Technikern und Arbeitern der Industrie- und Dienstleistungssektoren. Die eigentlichen Universitäten in Frankreich haben wie in Deutschland ein breiteres Spektrum an Fächern und Studienrichtungen.
  • An den Universitäten findet man, entsprechend den Departments und und Fakultäten in Deutschland, verschiedene facultés oder auch Unité de Formation et de Recherche.  
  • Die Studiengänge unterteilen sich in drei Studienabschnitte (1er cycle, 2ème cycle, 3ème cycle). Seit 2006, nach den Bologna-Abkommen in Europa, haben die jeweiligen Abschlüsse landesweit einheitliche Namen: Licence, Master und Doctorat(entspricht Bachelor, Master und Doktorat).

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