ARD-alpha - Campus Magazin


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Skandal Passauer Fensterlkönig - muss abdanken!

Ist Fensterln frauenfeindlich? Seit Jahrhunderten gibt es den Brauch Fensterln in Südbayern. An der Uni Passau steht deswegen die Welt seit Tagen Kopf.

Von: Monika Haas

Stand: 21.05.2015

Fensterln-Wettbewerb | Bild: picture-alliance/dpa

Fensterln-Skandal in Passau

Eigentlich sollte das Passauer Unifest mit einer großen Sport-Gaudi starten. Aber jetzt ist das Event "Fernsterlkönig" der „Campus Games“ abgesagt, auch, aber nicht nur, wegen schlechtem Wetter. Stattdessen lud die Uni zu einem Anti-Spaßprogramm, einer Podiumsdiskussionein: "Tradition und Gleichstellung – ein Widerspruch?“. Was ist da los, fragen wir Benedikt Zillner und Christina Schneider, Mitglieder im Organisationsteam der Sportstudenten.

Campus Games - die Planung

Das Team der Passauer Sportstudenten wollte für das Unifest in dieser Woche ein lustiges "warm up“ organisieren. Die Sportstudenten planten deshalb zum lockeren Auftakt des Unifestes den "Fensterlkönig“ und steckten viel Arbeit in die Organisation. Im Internet, mit Plakaten und einem riesigen Banner war das Event in Passau schon groß angekündigt. Ihre Idee: der Fensterlkönig ist die sportlich-witzige Variante eines früher typisch bayerischen Brauchs, das Fensterln, bei dem Männer ihrer Liebsten am Fenster auf hohen Leitern entgegen klettern. Das Ganze sollte ein moderner Wettkampf werden, zwischen je zwei Männern.

"Das Ganze war eigentlich schon vor einem Jahr mal angedacht, als Gaudi, aber das war zu viel Arbeitsaufwand, deshalb haben wir dann 2014 erstmal das Fischerstechen organisiert."

Benedikt Zillner

Fensterlkönig - der Konflikt

Die Studenten haben in ihrem Konzept nur Männer zu dem Sport-Wettklettern  eingeplant und aufgefordert. Mit einer "Herzensdame“ als Ziel, die oben am Fenster steht und dem Ersten, dem Sieger, vielleicht ein Busserl schenkt... Für die organisierenden Studenten war das überhaupt kein Problem, weil Tradition:

"Wir machen nur was, wo wir mit Herz und Seele dabei sind, was uns selbst Spaß macht. Und wo wir uns vorstellen können, kulturell, dass das auch andere gut finden: Teilnehmer beim Fensterlkönig sind Männer, das war gar keine Frage, sondern Selbstverständnis in dieser Disziplin. Außerdem, sollen ja auch keine Fotografen den Frauen unters Dirndl filmen."

Benedikt Zillner

"Ich hätte gerne zugeschaut und mich sicher nicht darüber beschwert, dass ich nicht mitklettern kann."

Christina Schneider

Aber genau diese Rolle der Frau beim "Fensterlkönig“ hat die Gleichstellungbeauftragten der Universität Passau, Dr. Claudia Krell, als gender-inkorrekt gewertet. Die Uni beschäftigt nicht umsonst eine Gleichstellungsbeauftragte, die auf korrektes Verhalten an der Hochschule achten soll. Deshalb hat sie die Sportstudenten aufgefordert, ein gender-korrektes Konzept für das Unifest vorzulegen.

"Wir haben das nicht verstanden, aber dann sofort direkt Kontakt zur Uni aufgenommen, wir waren da echt nicht unkooperativ. Also wir denken schon, wir waren kompromissbereit und haben den Dialog gesucht. Aber wir haben uns auch geärgert, wegen dieser Ansicht, unser Event sei nicht gendertauglich."

Benedikt Zillner

Verboten hatte die Universität das Event zwar nicht, aber die studentischen Organisatoren fühlten sich durch die Hinweise recht eindeutig aufgefordert, ihren "Fensterlkönig“ abzusagen.

"Ich find´s schon langsam lächerlich, die ganze Aufregung. Wir haben das geplant als lustige Auflockerung. Und ich bin schockiert, dass das so eine Riesenwelle auslöst, wir sind im Orgateam auch mehrere Frauen. Und haben ehrlich nicht daran gedacht, dass die Gleichstellungsbeauftragte da ein Problem haben könnte. Und ich finde es schlimm, dass sich jetzt der Niko dafür rechtfertigen muss. Wir konnten das erstmal nicht nachvollziehen, klar."

Christina Schneider

Niko Schilling, Sportstudent und Mitorganisator hatte sich, wie seine Mitorganisatoren, über die Intervention der Uni geärgert, weil das schon so lang geplante Event erst fünf Tage vor dem Termin zur Debatte stand. Und postete die Absage des "Fensterlkönigs“. Er begründete diese Absage mit der Kritik der Gleichstellungsbeauftragten der Universität. Und brach damit ein deutschlandweites Thema los. Denn der Post entwickelte sich zum Lauffeuer und wurde zum Medienhype: zunächst in der Passauer Neuen Presse, dann in fast allen großen Print- und Onlinemedien.

Der Medienhype um den Fensterlkönig

Ein echter Aufreger mit dem Tenor: Übertriebene Gendercorrectness verhindert eine  bayerische Studentengaudi. Auf Facebook startete eine hitzige Debatte, die schnell in persönliche Angriffe abglitt: auf die Gleichstellungsbeauftragte und auf die Studentischen Organisatoren. Die Diskussionsforen wurden mit immer fragwürdigerem und extremistischerem Gedankengut für die Sportstudenten des Organisationsteams ein echter Alptraum:

"Von unseren beiden Seiten, Studenten und Uni, war das erstmal eigentlich gar kein größeres Problem, das kam dann eher von außen mit persönlichen Anschuldigungen gegen uns Sportler, den Niko Schilling und auch gegen die Frau Krell. Dass Studenten nicht wissen, wie man diskutiert, das finde ich schade, schlimm, in was für Positionen der Niko aber auch Frau Krell da gedrängt wurden. Und was da für üble Sachen geschrieben wurden."

Christina Schneider

"Wir sehen das einfach anders als die Uni, beim Fensterlkönig die Frau als 'Objekt' - gegen den Vorwurf haben wir uns gewehrt und das tun wir auch jetzt noch! Aber uns hat noch mehr überrascht, die Heftigkeit, Größe und der Umfang der Genderdebatte, die da losgebrochen ist. Uns ist ganz wichtig: Wir haben nichts dagegen, hier den 'Stein des Anstoßes' zu geben, über Gender-Correctness zu diskutieren. Nur: Genderfragen - das ist nicht unsere Hauptaufgabe! Also deshalb versuchen wir den Thread zu moderieren und haben das Anstößige und Hetzerische rausgenommen. Wir sehen uns hier als Sportzentrum und nicht als Genderzentrum, und sowieso alles Extreme lehnen wir ab!"

Benedikt Zillner

Diese Sicht der Studenten teilt auch ihre Universität. Und beschließt eine Podiumsdiskussion mit Brauchtumsforschern, Unimitgliedern und Studenten zu organisieren um live die Positionen im Streitfall "Fernsterlkönig“ zu klären - und auf die sachliche Ebene zurückzuführen: ihre Position ist bereits klar.

Fakt beim Fensterln ist:

Bei diesem Brauch steigen die jungen Burschen mit einer Leiter zum Fenster ihrer Liebsten hoch und machen ihrer Angebeteten ihre Aufwartung. Frauen haben diesen Brauch in Bayern nie praktiziert.

Wie weit darf also Brauchtum gehen, wie weit darf Gender gehen?

Abstimmung

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2,1 %
27,7 %
70,2 %

Diese Abstimmung ist keine repräsentative Umfrage. Das Ergebnis ist ein Stimmungsbild der Nutzerinnen und Nutzer von BR.de, die sich an der Abstimmung beteiligt haben.

Die Sportstudenten wollen einen Schlussstrich ziehen

Die Sportstudenten haben sich in ihrer Facebook-Erklärung von sämtlichen verletzenden und extremen Positionen distanziert. Sie wollen damit nichts zu tun haben. Und sie beteiligten sich an der Abenddiskussion mit dem Ziel, für sich einen Schlussstrich unter das Streitthema "Fernsterlkönig“ zu ziehen. Ihr Team hatte sich zum Thema Fensterlkönig/Genderdiskussion erstmal einen "Maulkorb“ verordnet – die Studierenden wollen nach der ganzen Diskussion in diesen Tagen endlich wieder Zeit haben für ihre eigenen Ziele: Ihr Studium und die Organisation eines Ersatzes für das verschobene Sport-Event - in welcher Form auch immer - optimalerweise eins mit "trendigem“ Brauchtums-Charakter, das allen Spaß macht.

Gemeinsame Gaudi für Männer und Frauen versprach erstmal ein anderes Event: die Sportlerparty!


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