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Blick in die Zukunft Englands Unis nach dem Brexit

Der Schock nach dem Brexit sitzt in ganz Europa tief. Das Campus Magazin wollte wissen: Wie ist die Stimmung an den Britischen Unis? Und was bedeutet der Brexit für den zukünftigen Austausch?

Von: Moritz Pompl

Stand: 06.07.2016

Rund 40.000 Menschen haben sich letzten Samstag in London versammelt, um gegen den Brexit zu demonstrieren. Auffällig dabei: Es waren viele junge Leute dabei. Kein Wunder eigentlich, denn gerade die (75 Prozent der 18 bis 24-Jährigen) hatten beim Referendum vor zwei Wochen für „remain“ gestimmt, also für den Verbleib Großbritanniens in der EU.

Deutliches "Ja“ zur EU in den Unistädten

Besonders die Bevölkerung der Unistädte wie Cambridge oder Oxford hatte sich mit überwiegender Mehrheit für die EU ausgesprochen. Dort können die allermeisten Studenten und Dozenten es immer noch nicht fassen, dass sie die EU aller Voraussicht nach innerhalb der nächsten zwei Jahre verlassen werden.

"Man kann nur hoffen, dass es nicht so schlimm wird, wie viele das jetzt befürchten."

Katie Pringle, Politik-Studentin Uni Cambridge

Kultureller Austausch in Gefahr

Keiner der englischen Studenten weiß etwa, ob es in Zukunft überhaupt noch einen Erasmus-Austausch mit anderen Unis in der EU geben wird. „Ich werde nächstes Jahr in Leipzig studieren“, sagt eine Studentin des Pembroke College in Cambridge, „und ich habe Angst davor, dass ich nicht sehr viel Geld bekommen werde.“ Einige sehen vor allem auch den kulturellen Austausch innerhalb Europas in Gefahr – zum Beispiel Sprach-Student Paul aus Cambridge. Er hat zuletzt selbst ein Jahr mit Erasmus in München gelebt.

"Das war für mich so eine riesengroße Erfahrung, das hat für mich das Leben total geändert. (..) Was jetzt passiert ist dass so viele britische Studenten die Möglichkeit verlieren werden, in Deutschland, Spanien, Frankreich zu studieren. Was für sie nur ein Nachteil sein kann."

Paul Hyland, Student Uni Cambridge

Uni-Projekte auf der Kippe

Und nicht nur die Studenten sehen den Brexit als Desaster, sondern auch die Uni-Leitungen: Sie stehen vor großen finanziellen Herausforderungen. Bislang bekommen sie ein Siebtel ihres Forschungs-Etats von der EU, und damit deutlich mehr, als Großbritannien in den Fördertopf einzahlt. Mit dem Brexit stehen viele Projekte plötzlich auf der Kippe, und tausende ausländischer Wissenschaftler an den britischen Unis wissen nicht, wie es mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung weitergeht.

"Jetzt sieht man sich plötzlich damit konfrontiert, dass man sein Leben in Großbritannien eingerichtet hat als deutscher Staatsbürger, und durchaus auch langfristig angelegt hat, Kinder sind in Schulen und so weiter, und plötzlich von einem Tag auf den anderen weiß man nicht ob das über zwei Jahre hinaus gehen kann."

Prof. Dr. Katrin Kohl, Germanistin Uni Oxford

Isoliertes England

Deshalb hat Katrin Kohl zusammen mit vielen internationalen Wissenschaftlern einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgesetzt - damit die Brexit-Verhandlungen die Wissenschaft schonen. Viele englische Studenten aber glauben nicht, dass der Uni-Austausch ungeschoren davonkommt und befürchten, dass England sich isoliert. Paul überlegt sogar, auszuwandern.

"In zwei Jahren wenn ich meine freie Bewegung verloren habe dann muss ich eine Entscheidung treffen. Dann muss ich mir denken, in welcher Gesellschaft will ich jetzt wohnen?"

Paul Hyland, Student Uni Cambridge

Studentin Katie hofft dagegen auf eine ganz andere Lösung des Problems.

"Es gibt ja keine verfassungsmäßige Verpflichtung für uns, Europa zu verlassen. Und dann gibt es die Forderung nach einem zweiten Referendum."

Katie Pringle, Politik-Studentin Uni Cambridge

Was bedeutet der Brexit für deutsche Studenten, die nach England wollen?

Was passiert mit Erasmus?

EU-Studenten, die mit Erasmus für ein oder zwei Semester nach England kommen, zahlen bislang keine Studiengebühren, und die Studienleistungen werden von der Heimat-Uni in der Regel anerkannt.

"Ob das in Zukunft noch so möglich wäre, ist eine große Frage."

OT Dr. Henning Grunwald, DAAD Lecturer University of Cambridge

Keiner kann derzeit sagen, ob das auch nach einer möglichen Abwicklung des Brexit in zwei Jahren noch möglich sein wird. Und das, wo Großbritannien eines der beliebtesten Ziele für deutsche Studenten überhaupt ist.

Was bedeutet der Brexit für Studis, die komplett in England studieren wollen?

Für alle EU-Studenten, die komplett in England studieren, könnten die Studiengebühren in Zukunft richtig teuer werden. EU-Studenten zahlen zurzeit 9.000 Pfund im Jahr, rund 11.000 Euro – wie Einheimische auch. Für Nicht EU-Studenten sind es aber bis zu 34.000 Pfund, je nach Uni. Und genau das könnte nach dem Brexit jetzt auch deutschen Studenten drohen.

"Ich hab hier zum Beispiel den Bachelor gemacht, und musste dafür keine 20.000 Pfund bezahlen. Ich weiß nicht ob ich das für 20.000 Pfund auch machen würde. Ich glaube nicht. Ich glaube, dass Erasmus nicht mehr weiter existieren wird, sobald England bzw. UK austritt aus der EU."

Kya Shoar, deutscher Doktorand in Oxford


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