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Bildung im Nord-Irak Studieren mit Stromausfall und ohne Internet

Im Flüchtlingslager Domiz im Nordirak leben 30.000 Syrer. Sie sind über die Grenze gekommen, um in Sicherheit zu sein. Immer wieder gibt es Wassermangel und Stromausfälle. Trotzdem laufen Englischkurse und Online-Seminare. Zwei der Teilnehmer sind Khalaf Hassan und Wafa Fadel. Campus Magazin hat sie besucht.

Von: Johannes Reichart

Stand: 20.07.2017

Khalaf Hassan

20 Jahre, geboren in Syrien, wohnt momentan im Domiz-Flüchtlingslager bei Dohuk im Nordirak. Er floh mit seiner Familie vor den Kämpfen in Syrien. In seiner Heimat hat er einen Schulabschluss gemacht und wollte Medizin studieren. Jetzt ist er seit drei Jahren im Camp und nimmt an den Englischkursen von "Jesuit Worldwide Learning" teil. Dafür hat er Textbücher und einen Mp3-Player bekommen.

"Englisch ist für uns kompliziert zu lernen, wir haben nicht oft die Gelegenheit, zu sprechen."

(Khalaf Hassan).

Khalaf Hassan | Bild: BR

Khalaf Hassan

Die meisten Fernsehsender sind auf Arabisch, im Nordirak sprechen die Menschen auch Kurdisch, da ist es für ihn nicht leicht, Gesprächspartner zu finden, die Englisch sprechen.  Hinzu kommen die Stromausfälle im Lager: Manchmal fällt der Unterricht aus, weil im Lerncontainer kein Licht ist. Dann hört er sich die Sprechübungen auf seinem Mp3-Player an, sagt der junge Syrer. Wenn er das Sprachlevel B2 erreicht hat, möchte er an die Universität gehen und Kardiologe werden, in Erbil oder in Dohuk.

Wafa Fadel

34 Jahre, zwei Kinder, verheiratet, syrischer Flüchtling, wohnt mittlerweile außerhalb des Domiz-Lagers. Wafa hat in Syrien Zahntechnik studiert und in einer Zahnarztpraxis gearbeitet. Nach ihrer Flucht 2014 in den Nordirak kann sie nur noch bedingt arbeiten, da in ihrer Heimat Arabisch gesprochen wird und in Dohuk Kurdisch.

Wafa Fadel | Bild: BR

Wafa Fadel

Darum schaut Wafa nach weiteren Möglichkeiten und hat das Studium in "Liberal Arts" bei den Jesuiten angefangen. Sie ist in ihrem zweiten Semester und lernt Abends, wenn ihre Kinder im Bett sind. Alle Diplomstudierenden haben zu Beginn des Studiums ein Tablet bekommen, hierauf liest sie die Texte.

"Das ist für mich praktisch, weil ich auch tagsüber manchmal lernen kann für ein paar Minuten, wenn die Kinder mit den Nachbarn spielen"

(Wafa Fadel)

Leider fällt die Internetverbindung oft aus, darum lädt sie sich die Texte immer gleich auf ihr Tablet. Bedingungen, die sich Studierende in Deutschland kaum vorstellen können.

Studieren im Nordirak

Jesuitenpater Peter Balleis

Bis zur Machtergreifung des IS gab es in Mossul mehrere Universitäten und christliche Gemeinden. Die Bevölkerung war aber schon damals islamisch konservativ geprägt und dementsprechend offen gegenüber der Einrichtung eines Islamischen Staates. Die Christen sind aus der Stadt geflohen. Die Chance, dass sie zurückkehren, tendieren gegen Null, sagen Vertreter der christlichen Minderheit.

"Die Christen fühlen sich in Mossul nicht mehr sicher, sie trauen niemandem mehr, nicht mal ihren muslimischen Nachbarn von früher"

. (Father Emmanuel von der christlichen Hilfsorganisation CAPNI der assyrischen Kirche im Irak)

Flüchtlingslager Domiz im Nordirak

Zu offen sei der IS im Empfang genommen worden in Mossul, sagt Father Immanuel. Die jungen Leute gingen zum Studieren eher in die kurdischen Städte Erbil, Dohuk oder Sulaimaniyya, so der Geistliche. "Und wer genügend Geld besitzt, der schickt seine Kinder ohnehin ins Ausland", erklärt er. Der Weg zum Frieden, im Irak wird er noch ein langer sein.

"Jesuit Worldwide Learning"

"Jesuit Worldwide Learning" ist ein Bildungsprogramm des Jesuitenordens. Die Kurse der Teilnehmer werden über Stipendien aus der ganzen Welt finanziert, auch der Bayerische Landtag finanziert Kurse im Nordirak. Die Teilnehmer bekommen Englisch-Unterricht in verschiedenen Niveaus und können daraufhin ein Onlinestudium im Diplomstudiengang "Liberal Arts" aufnehmen.
Dabei handelt es sich um ein dreijähriges Studium mit Basismodulen wie Algebra, Kommunikationstraining und Rhetorik. In einem zweiten Schritt spezialisieren sich die Studierenden dann in BWL, Pädagogik oder Sozialer Arbeit. Das Ziel: nach drei Jahren den Abschluss schaffen. Eine Universität in den USA betreut die Prüfungen online.


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