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Studieren als Arbeiterkind "Mit Nordamerika-Studien wird man doch Taxifahrer“

Katja Urbatsch und ihr Bruder waren die ersten, die in ihrer Familie studiert haben. Applaus gab es dafür nicht, eher skeptische Kommentare. Urbatsch hilft nun anderen, denen es ähnlich geht – mit ihrer Initiative ARBEITERKIND.DE.

Von: Monika Haas

Stand: 29.06.2015

Katja Urbatsch | Bild: privat

Katja Urbatsch hatte es nicht gerade leicht. 1999 bis 2006 hat sie an der Freien Universität in Berlin studiert, gemeinsam mit ihrem Bruder war sie die erste in der Familie. Für beide ist es schwierig, den Familienmitgliedern klar zu machen, dass sie weiterhin dazugehören wollen - auch wenn sich ihre Sprache verändert und sie sich mit Dingen beschäftigen, die den Verwandten ziemlich fremd sind.

Campus Magazin: Sie haben 1999 ihr Studium begonnen: Nordamerika-Studien, BWL und Publizistik. Wie hat Ihre Familie reagiert?

"Ich komme aus Nordrhein-Westfalen, aus einer Kleinstadt. Als mein Bruder und ich uns für ein Studium entschieden haben, habe ich gemerkt, dass es für viele in der Familie nicht selbstverständlich war."

Katja Urbatsch, Geschäftsführerin ARBEITERKIND.DE

Campus Magazin: Woran haben Sie das gemerkt?

"Da kommt eben auf jeder Familienfeier so etwas wie: Du liegst dem Steuerzahler auf der Tasche, warum hast du keine Ausbildung gemacht? Schau mal: Dein Cousin, der hat eine Ausbildung gemacht und der fährt jetzt in den Urlaub. Und du hast kein Geld. Und außerdem: Mit Nordamerika-Studien, da wird man doch Taxifahrer."

Katja Urbatsch, Geschäftsführerin ARBEITERKIND.DE

Campus Magazin: Die Botschaft war also: Eine Lehre ist mehr wert als ein Studium?

"Meine Eltern haben mich immer unterstützt – aber im weiteren Familienkreis habe ich genau dieses Phänomen festgestellt. Auch viele meiner Freunde haben Eltern, die nicht studiert haben. Viele hatten ein super Abi, haben dann aber nicht studiert, sondern zum Beispiel eine Banklehre gemacht. Bei meinem Studium an der Freien Universität in Berlin ist mir aufgefallen: Die meisten meiner Kommilitonen kamen aus Akademikerhaushalten."

Katja Urbatsch, Geschäftsführerin ARBEITERKIND.DE

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Campus Magazin: Spielt der familiäre Hintergrund im Alltag an der Universität wirklich eine Rolle?

"Ich hatte schon das Gefühl, ich bin irgendwie anders. Ich habe mich anfangs nicht richtig wohlgefühlt. Die anderen hatten mehr Fremdwörter auf dem Kasten, waren selbstbewusster, haben sich häufiger im Seminar gemeldet, das ist mir schon aufgefallen."

Katja Urbatsch, Geschäftsführerin ARBEITERKIND.DE

Campus Magazin: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

"Es fängt schon damit an, dass man etwas macht, was die Eltern toll finden, wenn diese selbst studiert haben. Da werden am Telefon Hausarbeiten diskutiert, da wird erzählt, worum es im Studium gerade geht, die Eltern machen mit Begeisterung mit. Das war bei mir natürlich ganz anders. Ich hatte  genug damit zu tun, zu übersetzen, was ich überhaupt an der Universität mache."

Katja Urbatsch, Geschäftsführerin ARBEITERKIND.DE

Campus Magazin: Inwiefern ist das eine zusätzliche Herausforderung im Studium?

"Zum Beispiel wussten einige Eltern, dass es Stipendien gibt und haben ihren Kindern empfohlen, sich für eines zu bewerben. Solche Informationen hätte ich gern früher gehabt, und nicht erst nach einigen Semestern. Wenn die anderen mal unsicher waren, haben sie eben zuhause angerufen. Dann haben die Eltern gesagt, das wird schon. Ich bin einmal durch eine Klausur gefallen und musste mir gleich anhören: Vielleicht doch lieber eine Ausbildung… Während die anderen halt hörten: Einfach weitermachen, ist mir auch schon passiert, das wird schon."

Katja Urbatsch, Geschäftsführerin ARBEITERKIND.DE

Campus Magazin: Wie ist es Ihnen nach dem Studium ergangen – haben Sie gleich einen Job gefunden?

"Ich hatte ziemlich schnell eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Gießen. Als Arbeiterkind.de so ein riesiger Erfolg wurde, habe ich mich als Geschäftsführerin einige Jahre darauf konzentriert. Ich plane nun, meine Promotion zu beenden. Auch das ist interessant: Ganz viele, die promovieren, haben Eltern, die selbst einen Doktortitel haben."

Katja Urbatsch, Geschäftsführerin ARBEITERKIND.DE

ARBEITERKIND.DE - Hilfe für Arbeiterkinder

Die Initiative soll Menschen zu einem Studium ermutigen, deren Eltern nicht selbst studiert haben. 6.000 ehrenamtliche Helfer erzählen dazu beispielsweise in Schulen, wie sie selbst es vom Arbeiterkind zum Akademiker gebracht haben. Außerdem gibt es 75 lokale Gruppen in Deutschland, die Sprechstunden und Stammtische veranstalten. Katja Urbatsch hat ARBEITERKIND.de vor sieben Jahren unter anderem mit ihrem Bruder Marc gegründet. Die Initiative wird von zahlreichen Ministerien und privaten Stiftern unterstützt und sucht laufend neue Mentoren.


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