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Bildungspanik oder Bildungslust? Akademisierungswahn - pro und contra

In Deutschland ist die Zahl der Studienanfänger so hoch wie noch nie. Die einen reden vom Akademisierungswahn, die anderen begrüßen die höhere Bildungsbeteiligung. Wie viele Studenten braucht das Land? Ein Streitgespräch zwischen den Bildungsexperten Julian Nida-Rümelin und Manfred Prenzel.

Stand: 15.07.2015

Die Rede von der Akademikerschwemme ist vermutlich so alt wie die Universität selbst und die Klage über zu viele Studenten und deren zunehmende "Verdummung" gab es schon, als weniger als ein halbes Prozent des Jahrgangs studieren durfte. Später prägte Bismarck den Begriff des "akademischen Proletariats", das durch die "Überfüllung" der Universitäten entstehe.

Erste Bildungsexpansion in den 1960er - und 1970er Jahren

In den 1960er- und 1970er-Jahren, als es zum ersten Mal auch einer größeren gesellschaftlichen Gruppe möglich war, auf Gymnasien und anschließend auf die Hochschule zu gehen, gab es die erste tatsächliche Bildungsexpansion Deutschlands. Dann verlief die Entwicklung lange relativ konstant. Jahrelang wurde Deutschland deswegen von der OECD ermahnt, seine Akademikerquote zu erhöhen und auf internationalen Durchschnitt zu bringen.

Berufliche Bildung kommt zu kurz

Seit 2007 steigt die Zahl rapide, mittlerweile beginnen mehr als die Hälfte eines Jahrgangs ein Hochschulstudium, das sind über 500.000 Studenten pro Jahr. In seinem Essay "Der Akademisierungswahn" gibt nun der Bildungsphilosoph Julian Nida-Rümelin den Mahner: Er führt den Ansturm auf eine Ideologie zurück, die alles Akademische überhöht und dabei die berufliche Bildung vernachlässigt. Und erntet Widerspruch. Das Bundesinstitut für berufliche Bildung hat errechnet, dass von 2010 bis 2030 etwa vier Millionen frei werdende Stellen im Bereich der Facharbeiterschaft nicht besetzt werden können. Doch was bedeutet das für die Akademisierung der Bevölkerung?

Bietet das Studium genau die richtigen Lösungen für das demographische Problem, produziert die Uni genau das Personal, das unsere hochtechnisierte Wirtschaft braucht oder verstärkt die Ideologie sogar den Fachkräftemangel?

Prekäre Situation auf dem Arbeitsmarkt

Was bedeutet die Vielzahl an Studienanfängern für die Situation von Akademikern auf dem Arbeitsmarkt? Lange Zeit galt ein Hochschulabschluss ja quasi als Garant für einen gut bezahlten Job. Die Situation hat sich verschärft, und trotzdem liegt die Arbeitslosigkeit bei Akademikern (rund 2,6 Prozent) nach wie vor deutlich unter dem Durchschnitt. Ein Hauptgrund, warum viele Abiturienten ein Hochschulstudium anstreben, meint Bildungsforscher Manfred Prenzel. Julian Nida-Rümelin rechnet dagegen vor, dass ausgerechnet in den Ländern mit der niedrigsten Akademikerquote (Deutschland, Österreich und die Schweiz) auch die Jugendarbeitslosigkeit am geringsten ist.

Durch den Ansturm auf die Unis seien schon jetzt auch in Deutschland die Berufsaussichten für viele Studierte schlechter als für Gelernte. Ein Grund, Alarm zu schlagen?

Studierte ErzieherInnen - ein Muss?

Schon jetzt gehen etwa ein Drittel der Studenten in Deutschland auf eine Fachhochschule, studieren also sehr viel anwendungsorientierter und praxisnäher, oder auch in einen der vielen neuen dualen Studiengänge. Gleichzeitig werden auch in vielen Ausbildungsberufen die Anforderungen höher, die technischen oder diagnostischen Zusammenhänge immer komplexer. Stichwort: Mechatroniker statt KfZ-Mechaniker. Vor allem in vielen Gesundheits- und Betreuungsberufen ist eine Akademisierung oder Verwissenschaftlichung zu beobachten, teilweise auch, um mit Hochschulabschluss eine bessere Bezahlung zu bekommen.

Müssen Ergotherapeuten, Hebammen oder Erzieherinnen wirklich studiert haben?

Eignungstests als Lösung

Was muss nun passieren? Hat die Politik systematisch die falschen Anreize gesetzt? Sollen nun alle Studiengänge mit Numerus clausus belegt, die Zugänge zu den Hochschulen von Türstehern und Polizei beschränkt, die Universitäten wieder exklusiver werden? Bildungsphilosoph Julian Nida-Rümelin fordert zumindest ein politisches Umdenken und eine stärkere Regulierung, wofür ihm vor allem das Instrument der Eignungstests passend erscheint. Auch der Wissenschaftsrat, dem Manfred Prenzel vorsitzt, befasst sich mit dieser Idee. Der Bildungsforscher warnt aber vor hysterischem Reaktionen und möchte sich lieber darauf konzentrieren, potenzielle Studien- oder Berufsanfänger durch bessere Information und Beratung über die verschiedenen Bildungswege zu unterstützen.

Wo sich beide einig sind: Wir brauchen ein anderes Bildungsverständnis und mehr gesellschaftliche Anerkennung für den nichtakademischen Weg.


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