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Alles auf Anfang Haben Traditionen noch eine Zukunft?

Das "Bayerische" hat Hochkonjunktur: Tracht, Dialekt und Musik treffen den Zeitgeschmack. In Städten boomen Dirndlverkauf und Volkstanzseminare, bayerische Bands feiern mit tanzbarem Tradi-Mix Erfolge.

Von: Monika Haas

Stand: 07.09.2017

Gerade Junge identifizieren sich bei Volksfesten, im Traditionsverein oder beim gemeinsamen Musizieren mit bayerischem Brauchtum und sorgen so für das Weiterleben ihrer Heimattraditionen, entwickeln sie dabei auch weiter.

Rettet diese neue Lust nach Traditionen das Brauchtum? Campus DOKU will herausfinden, ob diese neue Entwicklung tatsächlich von Dauer und kulturell nachhaltig ist oder nur ein kurzer Hype, der auch zu mehr Kommerz, Verkitschung und Verfälschung alter Bräuche führen kann.

Neuer Trend zu Traditionen?

Nicht nur in neueren Filmproduktionen hat das Bayerische Konjunktur - ob neue Heimatkrimis oder das Brauchtumsmagazin „Muh“: Tradition trifft heutzutage durchaus den Zeitgeschmack. In Städten schießen flippige Trachtenshops aus dem Boden, sogenannte „Volx-Musik“ Bands feiern mit tanzbarer Blasmusik Erfolge und nicht nur bei Volksfesten identifizieren sich Jugendliche durch ihre Trachten und den Dialekt, den sie sprechen, offen mit bayerischem Brauchtum. Tradierte gesellschaftliche Rituale und das traditionelle Vereinsleben verändern sich jedoch. Gerade diese Entwicklung beflügelt offenbar einen aktuellen Gegentrend in der Gesellschaft: Eine Renaissance der Traditionen, die sich von einer Graswurzelbewegung zum messbaren Gesellschaftsphänomen in ganz Europa entwickelt und dabei die Einstellung der Menschen zum Brauchtum und den Traditionen selbst verändert.

Immer mehr Menschen vermissen verbindliche Zugehörigkeit und verlässliche Gemeinschaft und suchen nach einem echten Heimatgefühl. Sie entdecken dabei alte Traditionen neu und entwickeln sie weiter. Diesen Trend beobachten und untersuchen Brauchtumsforscher und Soziologen in ganz Bayern. In ihren Studien erweisen sich gerade Menschen zwischen 14-29 Jahren als erstaunlich konservativ in ihren Wertvorstellungen, auch wenn ihr Lebensstil das nicht auf den ersten Blick verrät. Immer mehr Menschen identifizieren sich mit dieser neuen Bewegung: Offenbar braucht gerade die Gesellschaft im 21. Jahrhundert den Kitt von Brauchtum und Dialekt, um Zusammengehörigkeitsgefühle neu aufleben zu lassen. Darin spiegelt sich aber auch ein scheinbar paradoxes Phänomen, dem Campus DOKU nachgeht: Gerade in zeitgemäßer Form erfüllen Traditionen das wachsende Bedürfnis junger Menschen nach Individualität und authentischem Lebensstil.

Campus DOKU geht der Frage nach, was Menschen in neu auflebenden Traditionen suchen. Die Dokumentation zeigt, wie individuell Tradition heute verstanden und gelebt wird und welches gemeinsame Bedürfnis nach Identität dabei die treibende und verbindende Kraft in der Gesellschaft darstellt. Brauchtumsforscher und Soziologen erklären die Bedeutung dieses Trends zu Traditionen für die Gesellschaft und geben einen Ausblick auf die künftige Entwicklung eines neuen kulturellen Phänomens: Traditionen in zeitgemäßer Form.

Brauchtum in der modernen Welt?

Der Kulturwissenschaftler Dr. Manuel Trummer von der Regensburger Universität untersucht den Wandel von Bräuchen: Ihn interessiert besonders, wie sich die oberpfälzische Kirwa trotz Strukturwandel auf dem Land behauptet. Und welche Impulse von ihr ausgehen. Mit ihm besuchen wir für Campus DOKU zur Kirwa in Kallmünz, die abwechselnd von den drei Ortsvereinen ausgerichtet wird. Und entdeckt: gelebte Tradition ist hier wichtig, aber wirkt wenig historisierend. Auf den ersten Blick.

Ganz anders der Forschungsansatz von Evelyn Gillmeister-Geisenhofer: Sie ist Expertin für Heimatkunde und leitet die Trachtenforschungs- und Beratungsstelle Mittelfranken. Sie veranstaltet mit dem bayerischen Landesverein für Heimatpflege jährlich den Gredinger Trachtenmarkt, einen Höhepunkt für die „Trachtler-Szene“, weit über Bayerns Grenzen hinaus. Evelyn Gillmeister-Geisenhofer setzt sich ganz praktisch für das Weiterleben traditioneller Kleidung ein: Mit dem Label „Pro Tracht“, für dessen Fertigung ausschließlich traditionsbewusste Betriebe aus Bayern tätig sind. Mit Schnitten, die auf historische Vorbilder zurückgehen, setzt sie der Landhausmode und dem Wiesndirndl eine bezahlbare, „echte“ Tracht entgegen. Und sie will die Menschen aufklären über die Geschichte, die mit Tracht verbunden ist und die oftmals auch die eigene Biografie betrifft.

Tradition wozu?

Campus DOKU geht auf Spurensuche und trifft Menschen, die ihre Existenz und ihr Leben mit Tradition verbinden: Säcklermeister Ludwig Krammer aus Pöttmes, der maßgeschneiderte Hirschlederhosen fertigt, und bei dem die Trachtenvereine den festen Kundenstamm bilden. Den Sohn des Säcklermeisters, Ludwig Krammer, der einen anderen Berufswunsch hat und Lehramt studiert. Zugleich aber beim Pöttmeser Trachtenverein Vorplattler ist und sich weiter für die Verjüngung und Weiterentwicklung seines Traditionsvereins einsetzt. Campus DOKU besucht auch dessen Cousin Georg Krammer, der bereits mit 14 Jahren eine feste Größe der traditionellen Gstanzl und altbayerischen Musikszene ist: Zusammen mit seinem gleichaltrigen Freund Christian hat er sich der echten bayerischen Volksmusik und der traditionellen Aufführungsform dieser urbayerischen Spottlieder verschrieben. Ihr Name ist Programm: „De Junga Oidboarischen“.

Brauch oder Event?

Im Gegensatz zur traditionsbewussten Familie Krammer aus dem Wittelsbacher Land begleitet Campus DOKU auch Fabiana und Sarah, zwei 17-jährige Schülerinnen aus dem bayerischen Oberland, die nicht viel mit dem engen Reglement von Tracht, Brauch und Dialekt anfangen können - und trotzdem eine Rolle für deren Weiterentwicklung spielen. Weil sie selbstverständlich ein Dirndl zu Hochzeiten oder Dorffesten tragen wollen und besonders die großen Volksfeste wie das Oktoberfest lieben. Fabiana und Sarah finden den Dirndlboom großartig – werden aber doch nachdenklich bei der Frage, ob Tracht tatsächlich ein Konsumgut sein sollte. Die Freundinnen vertreten die wachsende Mehrheit der jungen Bayern, die lieber als „Publikum“ auf traditionellen Festen Spaß hat, als sich bei Vereinen regelmäßig zu engagieren. Und die am ehesten noch bei neuen Bräuchen, wie die auf dem Land grassierenden Feier-Events, mitmacht: So besucht Campus DOKU mit ihnen den Dirndl-Weltrekordversuch auf dem Gäubodenfest in Straubing und spürt einem weiteren Trend nach: dem der neu aufkeimenden Volkstanz-Bewegung.

Echt bayerisch?

In Bamberg blüht die Szene des Tradimix, was auch dem Musiker und Musikethnologen David Saam zu verdanken ist. Der Gründer des „Antistadl“ und Mitglied weiterer bayerischer Voixmusikgruppen wie Kellerkommando setzt sich ein für eine zeitgemäße musikalische Tradition. Ein Mix aus traditionell bayerischer Musik, gespielt auf traditionellen Instrumenten, gepaart mit Weltmusik wie Klezmer oder Samba und dazu original bayerische oder deutsche Texte: Beim Publikum kommt das gut an. David Saam und seine Gruppe Boxgalopp beweisen beim herbstlichen Tanzabend: bayerischer Volkstanz begeistert viele Städter jenseits der historisch korrekten Aufführung durch Vereine. Und macht gleichzeitig auch wieder neugierig auf das Original. Das bestätigt auch der Redakteur der jungen bayerischen Kulturzeitschrift Muh, Josef Winkler. Auch, wenn es natürlich seinem eigenen Interesse und dem seiner Mitherausgeber, Stefan Dettl und Nicole Kling, entspricht: Josef Winkler ist erstaunt, wie stark sich seine - überwiegend jungen - Leser für traditionelle Themen, historische Bräuche und unkonventionell „Bayerisches“ interessieren. Eine Renaissance, ohne Kitsch und Kommerz, die der Zeitschrift Muh aus der Nische heraus zu steigender Auflage verhilft.

Vielfalt, Lebendigkeit und Enthusiasmus für die Tradition: überall trifft Campus DOKU auf ein wachsendes Bedürfnis nach Identität: Auf Menschen, die sich für alte Bräuche einsetzen, oder sie neu entdecken und interpretieren.

Die Erkenntnisse der Wissenschaft sind eindeutig: die eigene Heimat, ihre unverwechselbaren Rituale, Traditionen und Bräuche werden in Zeiten der Globalisierung immer wichtiger. Ihre wachsende Bedeutung für die Menschen gibt neue Impulse: immer mehr Bayern tragen bei zur Renaissance authentischer Traditionen und zu ihrer Weiterentwicklung. Trotz der einerseits unvermeidlichen Kommerzialisierung: solange auch der richtige Umgang und das Wissen über die eigene Herkunft und Geschichte gerade bei den Jungen wichtiger werden, bleiben bayerische Traditionen erhalten und entwickeln sich weiter. Denn Zukunft braucht Herkunft. Dann haben auch Traditionen eine neue Chance.


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