ARD-alpha - alpha-Campus


11

Ich trete auf, also bin ich Der Drang zur Selbstinszenierung

Berühmt werden, ein Star sein – diesen Traum scheint sich heute jeder erfüllen zu können: Mit Videos auf Youtube, Profilen und Fotos in sozialen Netzwerken oder Blogs im WWW - überall können die User selbst Hauptakteur oder Model sein.

Von: Anette Kolb

Stand: 10.08.2017

Selbstinszenierung in der Öffentlichkeit, in den Medien, das sehen gerade junge Menschen immer mehr als Normalfall an. Dass sich Menschen im Alltag in verschiedenen Rollen inszenieren, ist nicht neu. Durch Beziehungen, Begegnungen, Gespräche und Bilder arbeiten sie an ihrer Selbstdarstellung - ob in der Familie, bei Freunden oder mit dem Chef. Neu ist aber, dass sich Menschen im Internet mit ihrer Selbstdarstellung potentiell jedem zeigen können. Und sehr viele nutzen diese neue Möglichkeit: Im Dezember 2012 sind in Deutschland mehr als 25 Mio. Nutzer auf Facebook aktiv, auf Youtube werden pro Minute mehr als 60 Stunden Videos hochgeladen, die meisten von Amateuren. Allerdings lässt sich auch beobachten, dass viele Menschen ihre Selbstinszenierung professionalisieren wollen, um sich in den Medien oder in der Berufswelt besser vermarkten zu können.

Campus Doku forscht nach, ob heute nur noch diejenigen erfolgreich sind, die sich richtig in Szene setzen können - mit unzähligen Klicks, Styling oder Training. Und Campus Doku fragt: Werden wir alle zu Profis der Selbstinszenierung?

Coaching für den perfekten Aufritt

Vom Styling über die Gestik bis zur Stimme: Immer mehr Menschen lassen sich coachen, um möglichst professionell zu wirken, alles für den perfekten öffentlichen Auftritt als Redner, Präsentator oder in den Medien. Castingshows im Fernsehen geben die Schlagworte vor: Wer es schafft, seine "Ausstrahlung zu verstärken" und mehr "Persönlichkeit zu zeigen", wird beachtet und kann prominent und erfolgreich werden.

Doch offenbar gelten dafür auch enge Regeln. Der Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen hat die Mechanismen der Selbstinszenierung in Castingshows untersucht und konstatiert:

"Wer sich für die Medien inszeniert, muss vielleicht besonders provozierend auftreten, einen kleinen Skandal auslösen, witzig, trampelig in Erscheinung treten, aber auf jeden Fall diesen Gesetzen gehorchen. Selbstinszenierung unter den Bedingungen der modernen Medienwelt ist eine massiv gesteuerte Inszenierung."

(Bernhard Pörksen)

Margit Gruber mit Coachee Noha | Bild: BR

Die Doku begleitet die Münchner Medientrainerin Margit Gruber, wie sie als Coach versucht, ihre "Coachees" Noha und Julian gezielt auf Gefahren vorzubereiten, die beim öffentlichen Auftritt lauern. Die "Coachees", die von Karrieren als Moderatorin und Schauspieler träumen, müssen sich selbst gut kennen lernen, ihre Schwächen und ihre Wirkung auf andere einschätzen können. Im Moderationstraining, in Schauspielübungen oder beim Make-up bekommen sie das Handwerkszeug dazu – das "richtige" Maß ihrer Selbstinszenierung müssen sie letztendlich selbst herausfinden. Denn beim Medienauftritt vor einem vielfach größeren Publikum wirkt oft gerade, was wir im Alltag nicht wahrnehmen, darauf macht Margit Gruber aufmerksam:

"Selbstinszenierung ist nie zwecklos, man möchte beim Gegenüber ein Gefühl, ein Empfinden erreichen, deshalb inszenieren wir uns immer. Wir können gar nicht nicht wirken, wir wirken immer."

(Margit Gruber)

Ein Star werden im Netz

Modebloggerin Luisa | Bild: BR

Jenseits der Fernsehwelt und der Castingshows, in den neuen Medien, gelten andere Regeln. Die Modebloggerin Luisa, die sich zuhause mit der eigenen Kamera filmt, bestimmt selbst, wie sie bei ihrem Publikum rüberkommen will. Luisa gehört zu den so genannten "Digital Natives", für die es völlig normal ist, sich im Internet mit selbstgedrehten Videos zu präsentieren. Sie hat sich nie coachen lassen - ihr Bauchgefühl sagt ihr, dass sie die Spielregeln der Selbstinszenierung im Netz beherrscht: Wer etwas gut kann und das zeigt, wird beachtet.

Luisa hat schon eine kleine Fangemeinde, gehört aber noch nicht zu den Stars, die das Internet mittlerweile hervorgebracht hat, die dank Millionen Klicks berühmt werden und damit Geld verdienen. Ein Star werden, das ist auch im Internet schwer und vor allem harte Arbeit. Mit einem Video auf Youtube fünf Minuten weltberühmt werden, das scheint heute möglich zu sein. Aber auf langfristigen Erfolg hoffen kann nur, wer bei seinen Followern ständig präsent bleibt und für das, was er macht, Kompetenz ausstrahlt.

Sucht nach Aufmerksamkeit?

Luisa im Video | Bild: BR

Immer mehr Menschen betreiben immer professionellere Selbstinszenierung, um in den Medien vorzukommen. Alles, was sie tun, findet vor einem sichtbaren oder virtuellen Publikum statt. Welche Auswirkungen hat es, dass sich sehr viele Menschen heute im Netz sehr viele Stunden mit ihrer Selbstdarstellung beschäftigen, ihr Facebook-Profil aktualisieren oder das nächste Youtube-Video drehen? Das kann die Forschung erst in einigen Jahren klären, wenn Entwicklungsverläufe über einen längeren Zeitraum untersucht werden konnten, gibt die Medienpsychologin Dr. Astrid Carolus zu bedenken.
Doch den Druck, sich zu inszenieren, fühlen immer mehr Menschen. Und sie erzeugen ihn offenbar immer auch selbst: Wir wollen Aufmerksamkeit – oft um jeden Preis.

Buchtipps und Links

  • Bernhard Pörksen, Wolfgang Krischke (Hg.): Die Casting-Gesellschaft: Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien. Köln 2010
  • Birgit Richard, Jan Grünwald, Marcus Recht, Nina Metz: Flickernde Jugend - rauschende Bilder. Netzkulturen im Web 2.0. Frankfurt a.M./New York 2010

11