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Überall ist Mittelalter Wie Minnesang noch heute klingt

In unserem heutigen Deutsch steckt viel Mittelalter, meint Professor Hans Ulrich Schmid. Er muss es wissen. Der Sprachwissenschaftler leitet das Institut für Germanistik an der Uni Leipzig. Und: er spricht Althochdeutsch.

Von: Matthias Rex

Stand: 21.02.2015

Hans Schmid beschäftigt sich intensiv mit den Wurzeln der heutigen Sprache. Eine seiner Thesen lautet: Das Lateinische liefert einen wichtigen Teil des aktuell gebräuchlichen Wortschatzes. Vieles wurde in den mittelalterlichen Jahrhunderten aus dem Lateinischen entlehnt oder nach lateinischen Mustern aus deutschen Wortbausteinen gebildet. Der lateinische Einfluss auf germanische Vorstufen des Deutschen beginnt, so Hans Ulrich Schmid, schon in der Antike. Vor allem Wörter der Steinbautechnik wurden übernommen: Mauer, Fenster, Söller, Estrich und anderes. Im Frühmittelalter waren es dann Wörter, die mit dem kirchlichen und klösterlichen Leben in Zusammenhang standen.

Der Leipziger Sprachwissenschaftler betont, dass das Lateinische auch das sechsstufige deutsche Tempussystem maßgeblich beeinflusst hat. Erst die Auseinandersetzung mit dem Lateinischen, das diese Struktur vorgab, zwang Deutsch schreibende Autoren des Mittelalters förmlich dazu, sprachliche Mittel zu entwickeln, um dieser Vorgabe gerecht zu werden. Und deswegen haben wir in der deutschen Hochsprache der Neuzeit genau das System, das im Mittelalter, vom Althochdeutschen über das Mittelhochdeutsche bis hin zum Frühneuhochdeutschen allmählich entwickelt worden ist.

Gliederung des Vortrags

  • Mittelalterliches im heutigen Deutschen
  • •Lautverschiebung
  • •Diphthongierung
  • •grammatische Formen
  • •das Nibelungenlied
  • •das Lateinische als Bauplan
  • •Lehnbildungen


"Wir Heutigen haben unsere deutsche Sprache nicht erfunden. Wer in die deutsche Sprachgemeinschaft hineingeboren wird oder als Jugendlicher oder Erwachsener Deutsch lernt – aus welchen Gründen auch immer – findet eine hochkomplexe Sprache vor, die in Jahrhunderten, ja in Jahrtausenden gewachsen ist. Und diese Jahrtausende haben in der deutschen Sprache - wie in jeder alten Kultursprache - ihre Spuren hinterlassen. Von Hugo von Hofmannsthal stammt das Diktum: „Wenn wir den Mund aufmachen, reden immer zehntausend Tote mit.“ Man muss diese Einsicht nicht unbedingt wie Hofmannsthal ins Sprachskeptische wenden. Es ist ähnlich wie mit Gesteinsschichten: Auch in der Geologie hat die Zeit ihre Geschichte in Stein geschrieben: Topologische Gegebenheiten an der Oberfläche, auf der wir uns bewegen, Berge, Täler, Seen, Flussläufe, finden ihre erdgeschichtliche Ursache oft in der unsichtbaren Tiefe."

Prof. Dr. Hans Ulrich Schmid

Forschung und Lehre

Prof. Hans Ulrich Schmid

Prof. Dr. Hans Ulrich Schmid, Jahrgang 1952, hat zunächst Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Passau, später Germanistik und Katholische Theologie an der Universität Regensburg studiert. Seine wissenschaftlichen Arbeiten brachten ihn von der Uni Regensburg über die Universität Frankenfurt a. Main bis an die Universität Leipzig. Dort lehrt Prof. Dr. Hans Ulrich Schmid seit 2003 „Historische deutsche Sprachwissenschaft“ am Institut für Germanistik. Er ist ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied der Kommission für die Herausgabe der Deutschen Inschriften des Mittelalters und der frühen Neuzeit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Außerdem hat er als Projektleiter maßgeblichen Anteil an der Herausgabe des Althochdeutschen Wörterbuchs. Seine Leidenschaft gehört auch der Erforschung des Bairischen. Kein Wunder: Hans Ulrich Schmid ist gebürtiger Niederbayer. 

Buchtipps

  • Einführung in die deutsche Sprachgeschichte (von Hans Ulrich Schmid), Verlag J.B. Metzler 2013,
  • Die 101 wichtigsten Fragen: Deutsche Sprache (von Hans Ulrich Schmid), C.H.Beck 2010,
  • Bairisch: Das Wichtigste in Kürze (von Hans Ulrich Schmid), C.H.Beck 2012

Sendereihe "Überall ist Mittelalter"

Dome, Burgen und alte Stadtmauern gehören zu den sichtbaren Zeugnissen des Mittelalters. Doch das Erbe dieser Epoche ist viel größer. Es beeinflusst den Alltag der heute lebenden Menschen auf vielfältige Weise: Institutionen und Strukturen des politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens, Wortschatz und Sprachmuster, Typen von Kunst und Literatur sowie Ordnungsformen des Wissens – all das hat mittelalterliche Wurzeln. Mittelalterforscher, Kunst- und Philosophiehistoriker sowie Philologen gehen bei der Ringvorlesung „Überall ist Mittelalter“ auf Zeitreise. Sie nehmen ihr Auditorium mit in die Zeit des Minnesangs, der Ritter und des schwarzen Todes. Veranstaltet wurde die Vortragsreihe an der Universität Würzburg. Campus Auditorium hat sechs ausgewählte Vorträge mitgeschnitten.

Als besonderen Online-Service bietet alpha-Campus die vollständige Langfassung des Vortrags, der im Fernsehen in einer gekürzten 30-min-Fassung zu sehen ist.


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