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Interview mit Dr. Stefan Hagel Woher wissen wir, wie Musik im Altertum klang?

Dr. Stefan Hagel erforscht an der Universität Wien die Musik des Altertums. Aber was lässt sich darüber überhaupt mit Sicherheit sagen? Im Interview erklärt er, wie sich das Notationssystem der alten Griechen entziffern lässt.

Stand: 12.08.2015

Akademientag | Bild: BR

Campus: Herr Hagel – woher wissen Sie denn, wie beispielsweise die alten Griechen einst Musik gemacht haben? Aufnahmen gibt es ja keine.

Dr. Stefan Hagel: "Da gibt es drei verschiedene Arten von Quellen. Zum einen gibt es Überlieferungen, die auf Stein gemeißelt wurden – das kam relativ selten vor, hält sich dafür sehr gut. Wir haben zwei sehr schöne Beispiele in Delphi, Kulthymnen aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Außerdem eine Gedenkstatue aus dem Gebiet der heutigen Türkei mit einem kleinen Liedchen drauf. Die weitaus größte Zahl der Fragmente sind allerdings Papyri, oft nur teilweise erhalten mit Fragmenten von Melodien. Es gibt aber auch eine Handvoll Lieder, die handschriftlich abgeschrieben wurden und sich so bis ins Mittelalter hinein erhalten haben. Konkret ist das ein Corpus weniger Hymnen eines einzigen Dichterkomponisten aus der römischen Kaiserzeit: Mesomedes. Er hat am römischen Kaiserhof gelebt und dürfte so etwas herausgegeben haben wie einen Schule für Leierspieler. Jedenfalls sind diese Lieder im Leierunterricht verwendet worden und haben so die Popularität erlangt, die es gebraucht hat, um abgeschrieben zu werden. Für das byzantinische Mittelalter ist das bereits keine lebende Musik mehr, man schreibt das aus Interesse ab und so kommt es in die europäische Renaissance."

Campus: Aber wie genau sind diese Quellen? Die Griechen werden ja sicher keine Partituren heraus gegeben haben, wie wir sie heute kennen?

Hagel: "Nein, aber es gab durchaus eine Notenschrift, in der Melodien wiedergegeben wurden. Ein komplexes System, sie können in einem bestimmten Bereich damit sogar Vierteltöne wiedergeben."

Campus: Sind darin auch die Notenwerte vorgegeben – also die Länge der einzelnen Töne?

Hagel: "Der Rhythmus ist teilweise vorgegeben durch den Sprachrhythmus. Bei einfacheren Stücken kennen wir durch die Länge und Kürze der Silben die genaue Unterteilung in der Zeit. Wo es komplizierter wird, gibt es ein eigenes rhythmisches System, in dem die Aufteilung von einzelnen Silben auf mehrere Noten ausgedrückt werden kann, das wir zumindest im Groben sehr gut verstehen."

Campus: Können Sie aufgrund solcher wirklich Notationen wissen, wie ein Lied im alten Griechenland geklungen hat?

Hagel: "Man kann die Melodie in jedem Fall wiedergeben, die Singstimme. Die kann man eins zu eins übernehmen. Wenn wir ein Lied haben, das auch instrumental begleitet wurde, kann man mit einiger Sicherheit sagen, mit welcher Art von Instrument es begleitet wurde. Die Begleitung konnte, je nach Fähigkeiten des Instrumentalisten, schon komplex sein, sie wurde aber im Einzelnen nicht notiert. Da müssen wir uns dann auf Textzeugnisse verlassen und uns dann mit unserem Verständnis von Tonrelationen eine plausible Begleitung ausdenken."

Campus: Da haben Sie aber ein Problem. Sie sind dann im freien Feld unterwegs.

Hagel: "Wir sind im gleichen freien Feld unterwegs wie auch der antike Instrumentalist. Aber wir haben durchaus ein Verständnis davon, wie das funktionieren kann. Wir  haben Beschreibungen von verschiedenen Techniken zu den Instrumenten. Wir können also historisch informiert dazu spielen." Dr. Stefan Hagel, Privatdozent an der Universität Wien

Campus: Was wäre eine solche Information?

Hagel: "Wir kennen beispielsweise von der Leier die typische Art, sie zu spielen. Die Saiten, die nicht klingen sollen, sind mit der linken Hand abzudämpfen und mit dem Plektron dann nur die gesamten Saiten zu streichen. Das ist nicht nur ikonographisch gut belegt, das ist auch aus den Texten gut herauszulesen. Dazu zupft die linke Hand Zusatztöne in aufsteigender oder absteigender Reihenfolge, oder auch in Intervallen. So in etwa laufen die Textinformationen."

Campus: Gibt es noch Original-Instrumente aus dieser Zeit, die erhalten sind?

Hagel: "Was ich beispielsweise untersucht habe, sind virtuose Blasinstrumente aus Pompeji. Sie sind sehr gut erhalten, mit einem Mechanismus aus drehbaren Ringen, mit denen man modulieren kann. Wir haben einiges aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus und bis in die Römerzeit, von dem ich einiges musikalisch interpretieren konnte. Das war wichtig, um festlegen, was sind das für Tonleitern, wie passen die zur Theorie? Wir haben jetzt ein ziemlich gutes Bild schon davon."

Campus: Welche Rückschlüsse erlaubt Ihnen die Bauweise der Originalinstrumente?

Hagel: "Die Frage ist doch: Wo liegen die Finger? Was kann ich überhaupt greifen? Ein Großteil der früheren Forschung krankt daran, dass man spekuliert hat, ohne die Physik und die menschliche Biologie zu berücksichtigen. Mit einer Leier, die aus Darmsaiten gleicher Länge besteht, kann man nur einen begrenzten Tonraum abdecken. Dann ergibt es keinen Sinn über Instrumente zu spekulieren, die mehr als zwei Oktaven bespielt haben. Die Entwicklung der antike Musiktheorie hat oft praktische Gründe, die man nie verstehen wird, wenn man die Instrumente nicht kennt und selbst nicht spielen kann."

Campus: Sie lassen Instrumente nach den Originalvorbildern nachbauen und spielen auch darauf – wie leicht sind solche Instrumente zu rekonstruieren?

Hagel: "Ich habe nach vielen Jahren in Zusammenarbeit mit der Middlesex University in London einen spielbaren Nachbau eines Aulos, der in Pompeji gefunden wurde. Einfach war das nicht, weil die antike Metalltechnik sehr ausgereift ist. Da geht es um Metallringe, die sich umeinander drehen. Die müssen zugleich drehbar und luftdicht sein, das ist nicht einfach zu machen. Wir werden für ein neues Projekt gegossene Teile brauchen, die ziemlich schwer herzustellen sind. Die brauchen eine Gießtechnik, die heutzutage nicht so leicht zu erreichen ist."

Campus: Kann es sein, dass uns die alten Griechen in diesem Handwerk überlegen waren?

Hagel: "Sie hatten sehr viel Erfahrung in diesen Dingen. Wir arbeiten nicht mehr viel mit Bronze. Natürlich ist da einiges an Wissen verloren gegangen, das ist klar."


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