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Alte Welt heute Bewahren vor Vergessen

Das Wissen über die antiken Wurzeln Europas gerät immer mehr in Vergessenheit. Wie wichtig ist es, die Alte Welt zu verstehen und wie kann unser kulturelles Erbe vor dem Vergessen bewahrt werden?

Stand: 28.10.2015

Griechen und Römern hat Europa seinen kulturellen Sonderweg zu verdanken, erläutert der Alt-Historiker Christian Meier: Die Griechen gründeten ihre Kultur weniger auf Herrschaft als auf Freiheit unter den Römern bildete sich der republikanische Bürgerbegriff heraus. Obwohl die Weltgeschichteheute zu Recht eine größere Rolle spielt als früher, plädiert Christian Meier dafür, auch der jüngeren Generation Verständnis für den Sonderweg Europas zu vermitteln – keine leichte Aufgabe in einer Zeit, in der man, wie er sagt, „nicht mehr weiß, sondern wissen lässt.“

„…es ist weder möglich noch erträglich, alles zu bewahren und nichts zu vergessen – das wäre das Ende der Geschichte“ konstatiert der Kulturtheoretiker Hartmut Böhme. Er weist darauf hin, dass Vergessen, Verfallen und Zerstören in Bezug auf die Vergangenheit wahrscheinlicher sind als das Bewahren und Erinnern. Vergangenheit wird durch ihre Transformationsprozesse gebildet. Sie wird abgewandelt, angereichert, aber auch verfemt oder vergessen– eine nach J.A. Schumpeter „kreative Zerstörung“, die, so Hartmut Böhme, durchaus auch für die gelehrte Erforschung der Antike gilt.

Dass es „neue Mythen“ überhaupt gibt, ist nicht ganz selbstverständlich, verbinden wir mit einem Mythos doch eine Erzählung aus alter Zeit, merkt die Literaturwissenschaftlerin Monika Schmitz-Emans an. Für neue Mythen muss es einen zeitspezifischen Bedarf geben und sie entstehen nicht einfach, auchsie werden gemacht und verändert.

Während J.R.R. Tolkiens mythische Welten aus dem Bedürfnis nach Orientierung in einer von Krieg und Totalitarismus geprägten Zeitgeschichte zu verstehen sind, sind die Mythen von H. P. Lovecraft Ausdruck der Verunsicherung über eine sich verändernde Weltsicht (Darwinismus, Relativitätstheorie, ökologische Katastrophen). Ob die neueren Mythen ältere verdrängen oder ersetzen können, lässt sich nicht eindeutig sagen.

In der anschließenden Gesprächsrunde sprechen die Teilnehmer u.a. darüber, wie das Wissen darüber, „wer wir [in Europa] sind“, aufrecht zu erhalten ist und dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Antike auch gezeigt hat, dass sie uns manchmal nichts mehr zu sagen hat, wie Hartmut Böhme feststellt.

Prof. Dr. Christian Meier
Der emeritierte Professor für Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Prof. Dr. Hartmut Böhme
Der emeritierte Professor lehrte Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Prof. Dr. Monika Schmitz-Emans
Die Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft ist seit 1995 an der Ruhr-Universität Bochum tätig.

Moderation: Heike Schmoll
Die Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschäftigt sich u.a. mit Schul- und Hochschulpolitik.

Sendereihe "Alte Welt"

Der “Akademientag“, die jährliche Gemeinschaftsveranstaltung der acht in der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften zusammengeschlossenen Einrichtungen, widmete sich 2015 dem Thema "Alte Welt heute". In Vorträgen und Diskussionen, aber auch mit Ausstellungen und interaktiven Angeboten präsentieren sich altertumswissenschaftliche Forschungsvorhaben der Akademien.


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