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Digitale Psychometrie im Wahlkampf Wie Microtargeting Wahlentscheidungen beeinflusst

Wir wissen es aus dem Wahlkampf in den USA: Parteien und sogar Staaten können mithilfe des Internets Wähler beeinflussen. Manche Menschen behaupten sogar, das sogenannte Microtargeting gefährde unsere Demokratien. Aber warum?

Von: Alina Fichter

Stand: 14.09.2017

Was genau steckt nochmal hinter dem Begriff Microtargeting?

"Microtargeting ist eine Methode aus US-Wahlkämpfen und bezeichnet ein Instrument, um einzelne Wählergruppen oder bestenfalls einzelne Wähler zu identifizieren, die für die Wahl entscheidend sein können. Es geht hier vor allem um Stammwähler und mögliche Wechselwähler."

André Haller, Experte für Wahlkampfkommunikation an der Universität Bamberg

Die Wahl beeinflussen mithilfe von Facebook

Alexander Nix, Geschäftsführer von Cambridge Analytica, der Firma, die Trump im Wahlkampf unterstützt hat.

Parteien sprechen also besonders diese beiden Gruppen mit personalisierten Informationen an, um ihre Stimmen zu bekommen. Diese Technik hat während des vergangenen US-Wahlkampfs eine neue Dimension erreicht: Donald Trump, damals noch Präsidentschaftskandidat, hatte eine Datenanalysefirma namens Cambridge Analytica angeheuert. Mit ihrer Hilfe schaffte er es, eine Menge Spenden - und wohl auch Stimmen zu sammeln.

"Das psychometrische Verfahren erlaubt es, die Persönlichkeit von Wählern zu vermessen, und das funktioniert so, sagt der Cambridge Analytica-Chef, Alexander Nix, dass Daten von Facebook-Profilen gesammelt wurden, öffentlich einsehbare Daten, und dass aufgrund dieser Daten Persönlichkeitsmuster herausgefunden wurden. Das hat dazu geführt, dass aggressive Wähler andere Sachen angezeigt bekommen haben als andere."

André Haller, Experte für Wahlkampfkommunikation an der Universität Bamberg

Je mehr Daten, desto präziser die Wahlwerbung, und desto effektiver. Das kann so weit gehen, dass Zwillinge mit gleichem Beruf und ähnlichen Ansichten unterschiedliche Wahlwerbung bekommen, etwa, weil einer von ihnen extrovertierter ist.

Microtargeting erstmals auch im deutschen Wahlkampf

In diesem Bundestagswahlkampf nutzen erstmals auch deutsche Parteien die zielgenaue Wähleransprache intensiv. Die Grünen zum Beispiel. Robert Heinrich ist ihr Wahlkampfmanager.

"Wir wenden uns in sozialen Netzwerken natürlich an alle und dann spezifisch an manche, von denen wir ausgehen, dass sie dieses Thema besonders interessiert. Das heißt zum Beispiel, das Thema Küken schreddern besonders an diejenigen auszuspielen, die sich für das Thema Agrarwende interessieren."

Robert Heinrich, Wahlkampfmanager der Grünen

Deutsche Parteien sprechen Gruppen mit gemeinsamen Interessen gezielt an. Trump war weiter gegangen. Er ließ Einzelne durchleuchten und individuelle Profile von Wählern erstellen, um jeden bestmöglich überzeugen zu können.

Ganz persönliche Wahlwerbung ist auch in Deutschland im Kommen

Hierzulande ist das wegen des Datenschutzes schwieriger. Dennoch ist Kommunikationswissenschaftler Haller überzeugt, dass der personalisierten Wahlwerbung auch hierzulande die Zukunft gehört.

"Was aber meine Einschätzung ist, dieses Verfahren wird in den nächsten Wahlkämpfen zunehmen, ganz einfach, weil immer mehr Daten verfügbar sind. Und wenn diese Daten genutzt werden können, weil das Datenschutzrecht das erlaubt, dann werden diese Daten auch genutzt."

André Haller, Experte für Wahlkampfkommunikation an der Universität Bamberg

Wie Microtargeting die Wirklichkeit auslöscht

Hannes Grassegger war der erste Journalist im deutschsprachigen Raum, der auf die Gefahren des Microtargeting hinwies.

Bloß.. was sind die Folgen? Hannes Grassegger war der erste Journalist im deutschsprachigen Raum, der auf die Gefahren des Microtargeting hinwies: "In der Politik sprechen wir ja über das, was allen gemein sein soll", sagt Grassegger. Wenn nun jedem von uns ein anderes, personalisiertes Bild von einem Politiker gezeigt wird, eine andere Angela Merkel, dann gibt es eben kein allgemeingültiges Bild mehr von ihr. Damit löst sich der öffentliche Raum auf, sagt Grassegger. Niemand weiß mehr, was nun wirklich ist – und was andere für wirklich halten.

Dossier Politik, 13.9.2017, 21:05 Uhr, Bayern2

Thema:
Aufbruch ins digitale Zeitalter – was wird aus unserer Gesellschaft?

Yvonne Hofstetter, Studiogast im Dossier Politik

Studiogast: Yvonne Hofstetter
Juristin, Essayistin, Sachbuchautorin, Chefin eines Technologieunternehmens

Moderation: Andrea Herrmann
Redaktion: Henryk Jarczyk

Themen der Beiträge:

  • Wie sieht die digitale Bildung der Zukunft aus? (Gabriele Knetsch)
  • Mensch versus Maschine - Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf unsere Werte (Sebastian Öl)
  • Digitale Psychometrie - wie Wahlentscheidungen beeinflusst werden (Alina Fichter)
  • Code ist Gesetz - von der Herausforderung des Staates, sich in der Digitalisierung zu behaupten (Christoph Fuchs)

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