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Angela Merkel in der Wahlarena Die verständnisvolle Kanzlerin

In der „Wahlarena“ im Ersten stellte sich Angela Merkel den Fragen der Bürgerinnen und Bürger. Sie kannte deren Anliegen vorher nicht, ließ sich aber trotzdem nicht aus der Ruhe bringen. Einen Mann forderte sie auf, ein „offenes Herz“ für Menschen zu haben, denen es schlecht geht.

Von: Wolfgang Kerler

Stand: 12.09.2017 | Archiv

Bundeskanzlerin Merkel im TV-Studio der "Wahlarena" in der Kulturwerft Gollan in Lübeck | Bild: Daniel Reinhardt/dpa

Der Begrüßungs-Applaus fiel freundlich aus. Doch die Bürgerinnen und Bürger – ein kleiner, aber möglichst repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung – schonten die Kanzlerin nicht. Die erste Frage stellte ein Erstwähler aus Würzburg. Sein Dilemma: Er finde Merkel und die CDU eigentlich ganz gut, könne in Bayern aber nur die CSU wählen.

"...und die CSU spaltet sich mit einem Bayernplan ab und den kann ich nicht unterstützen, auch die Obergrenze. Was soll ich jetzt machen als unerfahrener Wähler?"

Frage eines 18-jährigen Erstwählers aus Würzburg

Keine Obergrenze

Natürlich riet Angela Merkel ihm dazu, beide Stimmen der CSU zu geben und sich am gemeinsamen Wahlprogramm von CDU und CSU zu orientieren. Der junge Mann hakte aber sofort nach, wie sie es mit der Obergrenze für Flüchtlinge halte, und Merkel versicherte:

"Meine Haltung zu der Obergrenze ist ja bekannt. (...) Ich möchte sie nicht, ich halte sie auch nicht für praktikabel. Garantiert, ja."

Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin, in der ARD-Wahlarena

Dann ging es weiter durch die Themen: Sorgen um die eigene Rente, Ärger über hohe Kita-Gebühren, Verschmutzung der Ostsee.

Angela Merkel fragte interessiert bei den Bürgern nach, auch nach persönlichen Dingen. Erklärte ruhig, was sie in ihrer Regierungszeit alles unternommen hätte, um die Probleme zu lösen, und was sich die Union für die Zukunft vorstelle. Wusste sie nicht alle Fakten oder wollte nichts versprechen, gab sie es offen zu. 75 Minuten lang wirkte sie souverän.

Versöhnungs-Versuche der Kanzlerin

Trotzdem waren nicht alle Fragesteller mit den Ausführungen der Kanzlerin zufrieden, zum Beispiel ein junger Krankenpfleger in Ausbildung: Er beklagte den Personalmangel in Altenheimen und Krankenhäusern, berichtete von alten Menschen, die stundenlang in ihren Ausscheidungen liegen müssten, und warnte, dass die Personallücke in Zukunft noch weiter wachsen werde. Auch nach Merkels Ausführungen blieb er dabei:

"Das wird eine Katastrophe werden in den Krankenhäusern und in den Pflegeheimen."

Ein Pflege-Auszubildender

In Fällen solcher Unzufriedenheit versuchte Merkel in der Wahlarena dennoch einen versöhnlichen Abschluss hinzubekommen:

"Auch wenn Sie jetzt ein bisschen wütend sind, find' ich es toll, dass Sie auch als junger Mann diesen Beruf gelernt haben."

Angela Merkel in der ARD-Wahlarena

Merkel rutschte an diesem Abend oft in die Rolle der verständnisvollen Versöhnerin.

Merkel will sich gegen Diskriminierung stellen

Als sie gefragt wurde, warum sie die "Ehe für Alle" abgelehnt hat, sagte sie, sie sei zufrieden, dass deren Einführung zu einer "Befriedung" der Gesellschaft geführt habe - und dass sie, sollte es trotzdem noch Diskriminierung geben, an der Seite der Schwulen und Lesben stehen würde.

Als ein Bürger sich eine Erklärung wünschte, warum selbst beruflich erfolgreiche türkischstämmige Deutsche die Politik des türkischen Präsidenten Erdogan unterstützen, warb Merkel für den Zusammenhalt.

"Wir müssen den Menschen sagen, ihr seid uns willkommen, und wenn ihr hier lebt, dann seid ihr genauso wie wir."

Angela Merkel in der ARD-Wahlarena

„Haben Sie ein offenes Herz“

Einem Mann aus Thüringen, der über seine Angst vor "Überfremdung" berichtete, erklärte die Kanzlerin, dass sich das Jahr 2015, das Jahr der Flüchtlingskrise, nicht wiederholen werde. Damals sei eine humanitäre Notlage gewesen. Sozialleistungen oder Bildungsinvestitionen habe man wegen der Zuwanderung nicht gekürzt. Dann folgte wieder ein Versöhnungs-Versuch:

"Ich sage Ihnen zu, dass wir uns um alle kümmern, wir haben nichts gekürzt. Haben Sie auch ein offenes Herz für Menschen, denen es viel, viel schlechter geht."

Angela Merkel in der ARD-Wahlarena

Nur Minuten später berichtete ein junger Mann mit Migrationshintergrund, der in München studiert, von seiner Angst vor Ausgrenzung.

Merkel plädierte daraufhin dafür, Menschen nicht nach ihrem Aussehen zu beurteilen, wünschte sich von ihm Mut, sich nicht den Schneid abkaufen zu lassen. Und dann wandte sie sich nochmal an den besorgten Mann aus Thüringen:

"Jetzt haben wir sozusagen die beiden Extreme, vielleicht können Sie sich nachher ein Wort unterhalten."

Angela Merkel in der ARD-Wahlarena

Freundlicher Applaus auch am Schluss

Egal ob zur Rente, zum Diesel, zur Pflege, zur Flüchtlingspolitik: neue Positionen gab es von Angela Merkel nicht. Aber sie konnte sich als sympathische Kanzlerin präsentieren, die die Probleme der Menschen kennt und ernst nimmt.

Dem Vorwurf, sie sei "abgehoben" konnte sie mit ihrem Auftritt in der Wahlarena also entgegenwirken. Auch zum Schluss fiel der Applaus der Bürger noch freundlich aus.

Die Kandidaten

Am Abend stellte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Fragen des Publikums. Für sie war es bereits die vierte "Wahlarena" in einem Bundestagswahlkampf. Eine Woche später steht ihr Herausforderer Martin Schulz (SPD) Rede und Antwort. Für ihn ist es die zweite "Wahlarena" nach 2014 im Europa-Wahlkampf. Das Erste sendete ab 20.15 Uhr live aus der "Kulturwerft" in Lübeck.

Das Format

Die 150 Wahlberechtigten können die Kandidaten unverblümt und direkt mit den Themen konfrontieren, die sie in ihrem Alltag betreffen und auf die sie Antworten fordern. Das Publikum entspricht dabei einem Querschnitt der Bevölkerung. Es moderieren Sonia Seymour Mikich (WDR) und Andreas Cichowicz (NDR). Das Townhall-Format nach US-amerikanischem Vorbild läuft bereits seit 2005 bei Bundestags- und Landtagswahlen sowie vor der Europawahl erfolgreich im Ersten.


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Hannah, Dienstag, 12.September, 14:26 Uhr

41. Merkel stellt sich

Ich habe es mir angeschaut und ich bin entsetzt mit wieviel leeren Aussagen man Menschen zufrieden stellen kann. Es waren alles Erwachsene und außer den jungen Altenpfleger, den Mann aus Thüringen ( der nach Überfremdung fragte und gleich beleidigt wurde) wollte keiner der Kanzlerin schaden,
Ich kann den Hippe um Frau Merkel nicht verstehen, für mich redet sie viel, sagt aber wenig. Sie hat nur rum geiert, ständig wiederholt, das meiste verschob sie auf weitere Jahre, darüber muss man nachdenken, nochmals besprechen. Mein Eindruck ist dass sie überhaupt keinen Plan hat, sie entscheidet nach Situation. Merkel muss für Geschäftspartner eine richtige Offenbarung sein, sie verspricht jeden was er will, ob er es dann auch bekommt ist fraglich.
Ich würde Frau Merkel niemals wählen! Es hängt unser aller Zukunft und Lebenssituation von dem ab die wir wählen und da sollten wir genau hinhören und hinschauen. .

Ars, Dienstag, 12.September, 14:08 Uhr

40. Kommentarschreiber

Stellen Sie sich vor, die Hobbyschreiber schreiben Kommentare und keiner liest sie.

Urs, Dienstag, 12.September, 13:03 Uhr

39. Wahlarena

Stellen Sie sich vor, die Kanzlerin spricht, und keiner geht hin.

thorie, Dienstag, 12.September, 12:25 Uhr

38. ...Die verständnisvolle Kanzlerin....

lieber BR-schreiberling....

die jobs als regierungssprecher sind vergeben !!!

verständnis ist für mich, wenn man es nicht nur heuchelt! verständnis heisst, sich danah zu richten!

und nicht weiterzumachen wie seither!

die gottgewählteeinzigartigeimmerrechthabende allesignorierendeschöpferin der afd !

thorie, Dienstag, 12.September, 12:18 Uhr

37. haben sie ein offenes herz...

...wir haben nichts gekürzt ! blabla...

richtig! noch nicht !

aber bisher konnte man nur beobachten, dass man auf einmal geld hatte ( das wurde vorher immer bestritten) für mehr polizei, justiz, wohnungsbau,..... etc ...

  • Antwort von winfried, Dienstag, 12.September, 12:43 Uhr

    Ganz Recht >> Wir haben (NOCH) nichts gekürzt << ... aber es könnten durchaus mehr als 7 Hartz IV - Euro-plus sein, wenn die für die "Neuen" in 2017 verplanten 30 Mrd. Euro (20 Bund / 10 Länder) nicht wären.