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Harmonie oder Taktik? Die CSU macht Wahlkampf für Angela Merkel

Schwestern hassen sich, Schwestern unterstützen sich – so auch CSU und CDU. Auch wenn an der Basis nicht wenige Christsoziale gegen Merkels Flüchtlingspolitik sind, jetzt wird diszipliniert und geschlossen Wahlkampf für die Unions-Kanzlerkandidatin gemacht. Echte Harmonie oder von oben verordnete Taktik?

Von: Susanne Betz, Regina Kirschner, Eva Lell

Stand: 20.08.2017

Im Idyll Rott am Inn, wo die Landschaft wie ein Werbeplakat für Ferien in Bayern aussieht, lebt Forian Lemmrich, 49, Halbglatze, bodenständig. Der CSU-Ortsvorsitzende ist Urgestein seiner Partei, zudem Mitglied der Gruppe "konservativer Aufbruch".  Lemmrich, von Beruf Unternehmensberater, steht nur sehr bedingt hinter Kanzlerkandidatin Merkel. Vor allem ihre Flüchtlingspolitik sieht er kritisch. Trotzdem setzt er sich derzeit mit ganzer Energie für weitere vier Jahre Kanzlerin Merkel ein.

An jeder Haustür klingeln

Florian Lemmrich (l.) und Wolfgang Kinzer beim Häuserwahlkampf in Rott am Inn

Zusammen mit seinem Parteifreund Wolfgang Kinzer klappert er  Straße für Straße, Neubaugebiet für Neubaugebiet ab. Klingeln an jeder Haustür, den sogenannten Bayernplan der CSU übergeben, Gespräche führen – Merkel verteidigen – letztlich um jede einzelne Stimme werben. Mühsam, zeitraubend  und anstrengend ist solch ein Häuser-Wahlkampf.  Seine Motivation ist, dass die CSU im Bund mitregiert, Einfluss ausüben kann und rot-rot-grün verhindert wird. Da schluckt auch ein Ur-Konservativer wie Lemmrich die Kröte Merkel:

"Es ist uns egal, wer unter der CSU Bundeskanzler wird."

Florian Lemmrich, CSU-Ortsvorsitzender in Rott am Inn

Merkels Ansehen in der Welt wird gelobt

Angela Merkel bei einer Wahlkampfveranstaltung der CSU in Trudering im Mai 2017

Ende Mai trat Angela Merkel im Festzelt in Trudering aus. Davor skandieren AfD-Anhänger "Merkel muss weg", drinnen halten Besucher Plakate hoch, auf denen "Klar für Merkel" steht. CSU-Chef Horst Seehofer begrüßt Angela Merkel fast übertrieben herzlich. Nach dem heftigen Streit zwischen den Schwester-Parteien, der im Herbst 2015 begann, wirkt das etwas seltsam. Doch jetzt wird offiziell wieder auf Eintracht gesetzt. Wegen der Flüchtlings-Obergrenze agierte die CSU gegenüber der CDU eher wie eine Opposition. Jetzt wird große Eintracht. demonstriert.  Als Außenpolitikerin kommt die Kanzlerin in Trudering jedenfalls bei allen sehr gut an. So wird sie auch gezielt von der Partei vermarktet: unsere Welt-Politikerin. Von Flüchtlingspolitik ist möglichst wenig die Rede. Merkel wiederum umgarnt die CSU emotional:

"Ich glaube, wenn ich sage, ich hole mir Rat bei Franz Josef Strauß, bin ich auf der richtigen Seite."

Angela Merkel, in Trudering im Mai 2017

Viel Kritik auf Facebookseite der JU

Felix Schönherr liest Kommentare zu Angela Merkel auf der JU-Facebookseite

In einem hochsommerlichen Biergarten in München-Milbertshofen macht ein junger Mann Mittagspause, trinkt Spezi und starrt dabei auf sein Smartphone. Felix Schönherr, 30, CSU-Mitglied und Mitarbeiter in einer Werbeagentur interessiert, was gerade so los ist auf der Facebookseite der Jungen Union München Nord. Auf dieser Seite wird z.B. der österreichische Außenminister und Hardliner in der Flüchtlingspolitik, Sebastian Kurz, deutlich häufiger gelobt als die Unions-Kanzlerkandidatin. Für deren Flüchtlingspolitik gibt es im Netz viele negative Kommentare. Felix Schönherr selbst hofft, dass es nach der Wahl keine große Koalition mehr gibt, sondern ein Bündnis der Union mit der FDP. Eines allerdings bedauert Schönherr sehr:

"Ich höre oft von langjährigen CSU-Wählern, dass sie aufgrund der politischen Entwicklungen mit der Union gebrochen haben."

Felix Schönherr, CSU-Mitglied

Einsatz für die Bundestagskandidatin aus der Region

Kreisdelegiertenversammlung der CSU im Landkreis Bamberg in der Steigerwaldhalle in Burgebrach

Burgebrach südwestlich von Bamberg. In der Steigerwald Halle wählt der CSU-Kreisverband Bamberg Land Mitte Juli einen neuen Vorstand. Eine Routinesache. Vor allem geht es um die Einschwörung der über hundert Delegierten auf den Wahlkampf.       

Manche sind ausgesprochene Merkel-Anhänger, andere sind eher kritisch. Dass der Streit zwischen CDU und CSU vorbei ist, erleichtert die meisten. Gleichzeitig betonen viele Delegierte, dass sie in erster Linie für ihre Bundestagsabgeordnete vor Ort Wahlkampf machen. Andrea Weigler, Vorsitzende der CSU in Baunach, erklärt manche Dissonanzen damit:

"Die CSU hat es insofern einfacher, sie ist nur in einem Bundesland. Die CDU hat Mitglieder in Sachsen und Hamburg und ist nicht so homogen wie wir in Bayern."

Andrea Weigler, CSU-Vorsitzende in Baunach

Seehofer will die AfD aus dem Bundestag raushalten

Horst Seehofer

In Tutzing am Starnberger See ist an einem Mittwochabend Anfang Juli der halbe Ort auf den Beinen. Alle wollen zu dem weiß-blauen Festzelt gegenüber der Kirche. Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef, Horst Seehofer, kommt. Viele stehen bereits in Dirndl und Lederhosen Spalier. Mit von der Partie eine 98-Jährige, die älteste Dame im Zelt und noch dazu Merkel-Anhängerin. Seehofer schafft bei seiner Rede schließlich die Quadratur des Kreises: er lobt die Kanzlerin überschwänglich, betont ihr Ansehen in der Welt – streicht aber auch ganz klar die CSU-Position in der Flüchtlingspolitik heraus:

"Ich trete nachdrücklich dafür ein, dass man die Zuwanderung jährlich begrenzen muss."

Horst Seehofer, CSU-Chef und Ministerpräsident in Bayern

Obergrenze mit anderen Worten also und ohne Zahlen. Den  Besuchern im Tutzinger Festzelt  reicht das offensichtlich, sie jubeln Seehofer begeistert zu. Die Parteistrategen hoffen, dass die Rechnung aufgeht: dass die einen CSU wählen wegen Merkel und die anderen trotz Merkel. Schließlich hat sich Seehofer noch ein großes Ziel gesetzt: er will die AfD im Bundestag verhindern.        

Die B5 Reportage

Harmonie oder Taktik? Die CSU macht Wahlkampf für Angela Merkel

Reportage am Sonntag, 20.8.2017, 14:35 und 21:35 Uhr, B5aktuell

Autoren: Eva Lell und Regina Kirschner
Redaktion: Susanne Betz


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