BR Fernsehen - Unter unserem Himmel


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Unter unserem Himmel Adventsingen in Benediktbeuern

Dieses Jahr findet das Adventsingen in der ehemaligen Klosterkirche in Benediktbeuern statt.

Stand: 07.11.2011 | Archiv

Bilder zum Film | Bild: Anton Hötzelsperger

Ein Film von Elisabeth Malzer

Liebhaber der alpenländischen Volksmusik sollten das Adventsingen im Bayerischen Fernsehen nicht versäumen: auch heuer findet es wieder an einem ausgesucht schönen Ort statt, in der ehemaligen Klosterkirche von Benediktbeuern, in der namhafte Bildhauer und Stuckateure ein einzigartiges barockes Innenleben geschaffen haben.

Hans Berger (re.) mit seinem großen Ensemble

Der bayernweit bekannte Volksmusikant und Kirchenmusiker Hans Berger aus Oberaudorf gestaltet das Adventsingen heuer mit einem großen Musikensemble und dem von ihm geleiteten Montini-Chor, dazu kommen die Tölzer Sänger sowie die Münsinger Sängerinnen.

Auf dem Programm stehen alpenländische Adventslieder und Instrumentalstücke, die Hans Berger großenteils selbst komponiert hat.

Dazu trägt der Schauspieler Peter Weiß Texte des Schriftstellers Gerd Holzheimer vor, die im wahrsten Sinne des Wortes besinnlich sind: sie verfallen keiner vorweihnachtlichen Sentimentalität, sondern fragen aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel nach dem Sinn der Adventszeit, womit sie auch Zuschauer ansprechen, die sich mit religiösen Themen schwer tun.

Text zum Adventsingen von Gerd Holzheimer:

Von München aus, wenn man in Richtung Berge fährt, erhebt sich schon bald der runde Rücken der Benediktenwand: wie ein Wal, der aus dem Meer auftaucht, das es hier einmal gegeben hat, ein Stein gewordener Buckel, riesig und langgestreckt.

Davor zeichnen sich die Umrisse eines Klosters ab. Es ist das Kloster Benediktbeuern, das sich mit seinen Formen in dieses Land einfügt, als hätte es die Natur selbst so gewollt und geschaffen – und ihm auch den Namen gegeben: „terra benedicta“, gesegnetes Land, benediktinisches Land. Ohne die Klöster der Benediktiner wäre Bayern nicht Bayern und nicht die Kultur entstanden, die wir haben und bis heute spüren.

Dem Heiligen Benedikt ist es geweiht, dem zu verdanken ist, dass es so etwas wie Mönche gibt im Abendland. Vom Monte Casino ging seine Idee aus und verbreitete sich über den ganzen Kontinent, so dass Benedikt auch als Patron Europas gilt, und Europa kann einen Patron gut brauchen in diesen Tagen. Seine besondere Bedeutung als Wallfahrtsort hat Benediktbeuern durch eine sogenannte Armreliquie des Heiligen Benedikt erfahren, die Karl der Große dem Kloster gestiftet hat: die Speiche seines rechten Unterarms, so dass er, wenn man so will, in gewisser Weise persönlich anwesend ist.

Christen haben es gut. Christen haben das ganze Jahr über Anlass, etwas zu feiern, jenseits von Alltag, Kummer und Sorgen, Routine und Terminplan. Das liturgische Jahr ist ein anderes als das des Kalenders, ein ganz anderes. Feste wechseln mit Fasten, Leiden, Passion mit froher Erwartung und Ankunft. Es folgt nicht den mechanischen Zeigern der Uhren, sondern den spirituellen Phasen im Jahr, mit den Höhepunkten Advent, Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Auf Weihnachten, die Geburt des Erlösers, warten wir im Advent, da wollen wir ankommen.

Advent: ankommen auch bei sich selbst, ein etwas häufig gebrauchter Begriff, leicht abgegriffen: „bei sich selbst“- woher soll man denn wissen, wer man ist? Wir wissen aber auch nicht, was „ankommen“ in einem höheren Sinne bedeuten könnte, ankommen bei etwas, was wir nicht einmal beim Namen nennen sollten, so unbegreiflich ist uns sein Wesen: wir nennen es Gott. Ankommen, das hört sich natürlich gut an, aber der Weg dazu, ist kein geradliniger. Da gibt es Krummes, Krudes, Irritationen, Abirrungen, gar Abstürze, Verweiflung. Wer ankommen will, muss sich bewegen, kann nicht still stehen. Wer unterwegs ist, erlebt etwas, unweigerlich. Tolles. Großartiges. Banales. Phantastisches. Aber auch nicht so Gutes. Fremdes. Verstörendes. Irritierendes.

Wieviele Wege gibt es zu Gott, fragt der Heilige Vater, Papst Benedikt. Die erstaunliche Antwort: So viele, wie es Menschen gibt. Es gibt nur einen falschen Weg, einen einzigen wirklich falschen Weg: der eigene Glaube, die eigene Sicht wäre die einzig richtige!

Ein berühmtes Fresko Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle zeigt die Erschaffung des Menschen. Gott schaut Adam an, gibt ihm seine Hand, Adam will ihm auch die seine geben, doch ist er noch nicht ganz bei Kräften, aber das kommt schon noch. Zwischen diesen beiden Händen ziehen sich Risse, nicht von Michelangelo gemalt, sondern aus Alterungsgründen im Putz entstanden, aber wir können sie symbolisch nehmen. Sie zeigen, dass in der Beziehung zwischen Gott und den Menschen Risse denkbar sind. Glauben kann immer wieder Krise heißen, Zweifel, Verletzungen, Risse, das darf schon sein. Brüche wegzuschieben, Schwäche zu leugnen, kann man versuchen. Dann kommen sie noch heftiger. Genau in solchen Situationen begegnet uns Gott ganz unmittelbar.

Mit Gott ist es wie mit der Liebe. Vielleicht kennt, wer den Zweifel nicht kennt, auch die Liebe nicht, den Glauben nicht in der Tiefe. Je tiefer  eine Liebesbeziehung, je tiefer die Gottesbeziehung, desto gefährdeter ist sie allerdings, scheinbar paradoxerweise, anfechtbarer, verletzlicher. Wir haben da keinen Abstand mehr, wir wollen ihn auch nicht mehr. Darin liegt eine ungeheure Kraft, aber eben ein riesiges Risiko. Doch kann im Grunde nichts schief gehen, bei wahrer Liebe. Da, wo unsere Schwäche offenbar wird, da zeigt sich Gott mindestens so gegenwärtig wie in seiner Schönheit - die uns freilich auch umhaut.

Maria haut es nicht um, in einer unglaublichen Begegnung, als ihr der Erzengel Gabriel erscheint, und damit die Schönheit Gottes, allerdings mit einer schwer fassbaren Zumutung, über die man leicht hätte schwach werden können. Aber Maria sagt zwei Buchstaben, ein Wort aus zwei Buchstaben: „Ja!“, sagt sie, sie sagt „ja“ zum Erzengel Gabriel, ja zur Verkündigung, ja zum Schicksal, zur Liebe, zum Leben, ja zur Schwangerschaft, zu einer Schwangerschaft, über die sich manche wundern werden. Sie sagt aber nicht resignierend „ja und Amen“, weil´s halt so ist, und, damit die arme Seele eine Ruh hat, nein, in vollem Bewusstsein , freudig, jubelnd, sagt sie „JA!“

Zur Information:
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Form von Veröffentlichung (einschließlich öffentlicher Lesung) und schriftlicher Verbreitung (z.B. in Form von Fotokopien) ist nur mit Genehmigung des Autors Gerd Holzheimer und des Bayerischen Fernsehens möglich.


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