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Lactose, Fructose, Gluten Das Geschäft mit den Lebensmittelunverträglichkeiten

Essen war noch nie so kompliziert wie heute. Sich richtig zu ernähren, scheint für viele Menschen mittlerweile ein fast schon religiöser Akt zu sein - und eine willkommene Steilvorlage für die Lebensmittel-Industrie.

Von: Susanne Wimmer

Stand: 18.09.2015

Monika Bischoff ist als Ernährungswissenschaftlerin am Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP) in München tätig. Wird eine Lebensmittelunverträglichkeit diagnostiziert, erarbeitet die Ernährungswissenschaftlerin zusammen mit dem Patienten einen speziellen Diät-Plan.

Ernährungswissenschaftlerin Monika Bischoff

Doch in letzter Zeit kommen immer mehr Leute, die von sich aus auf vermeintliche Krankmacher im Essen verzichten wollen. Sie erkundigen sich, wie sie Weizen, Fructose oder Milchzucker vermeiden können - und das, obwohl sie keine gesundheitlichen Probleme haben.

Mit der Lactose fing es an

"Diese ganze 'Bitte mit ohne'-Sache hat begonnen mit laktosefreien Produkten, die gibt’s auch schon lange. Und so, glaube ich, hat sich die Lebensmittelindustrie stückchenweise gedacht: ah ja, die Leute springen drauf an. Und deswegen gibt’s jetzt auch eine riesige Palette. Ist ein Mords-Umsatz mit den ganzen 'Frei-von-Lebensmitteln.'"

Monika Bischoff, Ernährungswissenschaftlerin am Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP), München

Getreideunverträglichkeit: Liegt es wirklich am Gluten?

Besonders im Trend: glutenfreie Lebensmittel. Tatsächlich leidet jedoch nur jeder 250. in Deutschland an Zöliakie und muss sich daher strikt glutenfrei ernähren. Trotzdem haben immer mehr Leute das Gefühl, glutenhaltige Lebensmittel schlecht zu vertragen. Sie greifen daher oft auch ohne ärztliche Diagnose zu glutenfreien Lebensmitteln.

"Momentan wird das die 'Gluten-Sensitivität' genannt.  Auch viele Reizdarmpatienten haben diese 'Gluten-Sensitivität'. Es hat aber nichts mit dem Kleber-Eiweiß zu tun wie bei der Zöliakie, sondern mit bestimmten Enzymen, die im Weizen vorkommen, durch diese ganze Hochzüchtung."

Monika Bischoff

Ein ganzer Industriezweig boomt ...

Mit über 2.900 Produkten ist der Versandhandel Querfood in Putzbrunn bei München europaweit Marktführer im sogenannten Free-from-Markt. Im vergangenen Jahr konnte der Umsatz zweistellig gesteigert werden, die Nachfrage ist enorm:

... dank Modetrend:

"Ich merk's erstens an steigenden Umsätzen, zweitens ist in Supermärkten und anderen Läden mehr Ware vorhanden als früher, der Wettbewerb nimmt zu. Und auf der anderen Seite, dass Kunden teilweise nur einmal bestellen, d.h., die haben dann keine Zöliakie, sondern haben mitbekommen: glutenfrei, das ist der neue Modetrend."

Carsten Ax, Querfood Online-Versand, Putzbrunn, Lkr.  München

Stimmungsmache gegen die "Weizenwampe"

umstrittene Bestseller

In den vergangenen fünf Jahren ist der Markt für glutenfreie Produkte weltweit um 50 Prozent gewachsen. Aber warum schränken sich immer mehr gesunde Menschen derart ein? Zum einen liegt's am Image: Hollywood-Stars wie zum Beispiel Miley Cyrus preisen die positiven Effekte der glutenfreien Lebensweise auf Haut und Ausstrahlung. Auf der Publikumsmesse biofach im Februar in Nürnberg präsentierten sich "Free-from-Produkte" heuer sogar erstmals in einer Erlebnis-Welt. Daneben heizen umstrittene Bestseller wie 'Weizenwampe' oder 'Dumm wie Brot' die Stimmung auf. Fachleute sprechen vom Nocebo-Effekt, wenn sich jemand durch negative Erwartungen krank fühlt. Trend-Experte Jon Christoph Berndt formuliert es positiv:

Die selbsterfüllende Prophezeihung

"Das ist ein Wahrnehmungsphänomen. Und wenn ich dann sage, 'Gluten, ich muss es mal probieren und möchte auch gerne, dass es bei mir wirkt wie bei meinen Freundinnen und Freunden und Bekannten, ich möchte gern im Trend dabei sein', dann ist das eine selbsterfüllende Prophezeiung: 'Oh ja, ich hab' das Gefühl, es geht mir wirklich besser. Ich kauf' jetzt mein Müsli glutenfrei, zahl einen Euro mehr, aber das bin ich mir wert.' Und das ist genau das, was die Wirtschaft und die Hersteller wollen."

Jon Christoph Berndt, Trend-Experte aus München

Das Warenlager von "querfood.de"

Noch vor kurzem war "Free-from" ein uninteressanter Nischenmarkt. Heute werben große Hersteller mit speziellen Internet-Seiten für ihre glutenfreien Produkte. Monika Bischoff missfällt daran, dass solche Lebensmittel dem Verbraucher vorgaukeln, gesünder zu sein als herkömmliche. Das Gegenteil sei der Fall: Sie sind weniger natürlich.

Zusatzstoffe statt Gluten

"Viele Verbraucher denken gar nicht daran, was dann da als Ersatz reinkommt, in diese vermeintlich gesünderen Produkte. Oft sind das natürlich Zusatzstoffe, Emulgatoren, einfach künstliche Lebensmittel, die den Ersatz für diese Natürlichkeit suggerieren."

Monika Bischoff

Laktosefrei, glutenfrei - für die meisten bringt das keinen gesundheitlichen Vorteil. Regionale und unverarbeitete Produkte wären wohl die gesündere Variante.

Weitere Adressen und Linktipps finden Sie auf unserer Seite "Adressen zur Sendung".


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