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Gefährliche Altlast Pestizide im Trinkwasser

Am Mais scheiden sich die Geister, lukrativ ist er jedoch allemal. Doch weil der Mais im Frühjahr erst einmal vor sich hinkümmert, bevor er in die Höhe schießt, wird Unkrautvernichtungsmittel gespritzt. Und das hat Langzeitfolgen für die Umwelt ...

Von: Doris Fenske

Stand: 17.12.2015

Trinkwasser wird streng kontrolliert, bevor es aus den Leitungen der Verbraucher fließt. Die Wasserversorger müssen die vorgeschriebenen Grenzwerte einhalten - was mancherorts Kopfzerbrechen bereitet:

Grenzwertüberschreitung wegen Pflanzenschutzmitteln

"Wir haben bei den Pflanzenschutzmitteln vor drei Jahren diese Schutzbarriere des Gesetzgebers gerissen – das heißt, der Schadstoffanteil im Pflanzenschutzmittelbereich war höher als das die Grenzwerte vorgebeben. Daher ist einfach alles zu tun, um die Versorgung wieder unter die Grenzwertsituation zu bringen. Das ist für uns eine Riesenherausforderung ... das betrifft eigentlich ganz Niederbayern."

Hans Weinzierl, Zweckverband zur Wasserversorgung Rottenburger Gruppe, Lkr. Landshut

Krebserregende Stoffe aus der Vergangenheit

Dass die Rückstände an Pflanzenschutzmitteln ansteigen, stellt man im niederbayerischen Rottenburg schon seit einigen Jahren fest. Die stammen aus der Landwirtschaft. Im Fokus: das Unkrautvernichtungsmittel Atrazin und sein Abbauprodukt Desethylatrazin. Dass die Stoffe krebserregend sind, war lange nicht bekannt. Seit 1991 ist es bei uns verboten, doch bis dahin wurde das Mittel vor allem im Maisanbau tonnenweise versprüht. Das ist jetzt beinahe 25 Jahre her - allerdings kann es, abhängig von der geologischen Situation vor Ort, Jahrzehnte dauern, bis die Schadstoffe im Grundwasser ankommen.

Atrazin-Rückstände in ganz Bayern

Am Bayerischen Landesamt für Umwelt wird Grundwasser bayernweit analysiert. Gesucht  wird nach Atrazin, seinem Abbauprodukt sowie 150 anderen derzeit zugelassenen Pestiziden.

"Wir betreiben, leiten und koordinieren das bayerische Grundwasser-Monitoring an 600 Grundwassermessstellen ... Wir finden noch an 20 Prozent der Landesfläche in Bayern Rückstände von Atrazin."

Claus Kumutat, Bayerisches Landesamt für Umwelt, Augsburg

Wasser auf lange Sicht belastet

Rund 20 Prozent der Landesfläche in Bayern weisen Rückstände von Atrazin auf.

Vor allem Regionen mit intensivem Ackerbau sind stark betroffen. Was aber passiert mit dem Atrazin, wenn es im Grundwasser angekommen ist? Das wird am Helmholtz-Zentrum München erforscht. Chemiker Martin Elsner und Geo-Ökologe Armin Meyer analysieren seit Jahren Wasserproben aus einem Problemgebiet im Altmühltal. Was den beiden am meisten Sorge bereitet, ist, dass das Atrazin nur langsam abgebaut wird, also noch geraume Zeit im Trinkwasser verbleibt.

Was bewirken aktuelle Pflanzenschutzmittel?

Heutzutage sind die Wirkstoffe weniger wasserlöslich. Dann bleiben die Chemikalien im Boden und werden dort abgebaut. Alle Mittel müssen darüber hinaus ein strenges Zulassungsverfahren bestehen - ob das ausreicht, ist ungewiss: Denn Abbauprodukte stellen sich immer wieder als gefährlicher heraus als der ursprüngliche Stoff und sind für die Forscher oft nicht vorhersehbar.

Dauerbrenner Glyphosat

Könnte auch das umstrittene Glyphosat zu einer Gefahr für das Grundwasser werden? Es wird im Boden zu dem Stoff  "AMPA" abgebaut, und der gilt als unbedenklich - bislang.

"Obwohl wir nach heutigem Wissensstand für viele dieser Stoffe keine Erkenntnisse haben, dass sie toxisch sind, müssen wir sorgfältig damit umgehen, müssen schauen, dass wir die Grenzwerte nicht überschreiten, müssen sehen, wie man in Zukunft verhindern kann, dass diese Konzentrationen weiter ansteigen."

Dr. Martin Elsner, Helmholtz-Zentrum München

Aufbereitung statt Vorsorge

Schutzgebiete sollten eigentlich dafür sorgen, dass Trinkwasser frei von Pestiziden ist. Doch in Rottenburg an der Laaber wiesen die Brunnen so hohe Atrazinwerte auf, dass es nur einen Ausweg gab: Das Wasser muss mit Aktivkohle gefiltert werden. Mittlerweile gibt es fünf entsprechende Aufbereitungsanlagen bei Wasserversorgern in Niederbayern und der Oberpfalz, zwei weitere sind in Planung. Hans Weinzierl vom Zweckverband zur Wasserversorgung Rottenburger Gruppe kritisiert, dass man sich vor Ort kaum noch um die Vorsorge kümmert, was die Trinkwasserqualität betrifft, inzwischen stünde die Nachbereitung im Mittelpunkt.

Die Verbraucher zahlen drauf

Rund 1,5 Millionen Euro hat die Anlage in Rottenburg gekostet. Umgelegt wird das in Rottenburg und Umgebung auf die Verbraucher. Dort ist das Trinkwasser deutlich teurer als anderenorts. Die Verursacher hingegen, also die Landwirte, bekommen für einen Hektar Ackerbewirtschaftung auch weiterhin Direktzahlungen von der EU. Schon lange wird darüber diskutiert, ob die Verursacher nicht durch eine Extra-Steuer mit in die Pflicht genommen werden sollten. In Dänemark, Frankreich und Schweden gibt es bereits eine solche Pestizidabgabe.

Aktuelle Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung

Eine Pestizidabgabe trüge wirksam dazu bei, Hersteller, Händler und Anwender an den ökologischen und gesundheitlichen Folgekosten zu beteiligen. Mit ihr ließen sich Schutzmaßnahmen sowie Forschung zu alternativen Pflanzenschutzkonzepten finanzieren und ein ökonomischer Anreiz zur kosteneffizienten Reduzierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln schaffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) im Auftrag des Ministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Schleswig-Holstein.

Wer meint, dass man hierzulande inzwischen weniger Pflanzenschutzmittel einsetzt, der irrt: 2014 wurden 35.000 Tonnen Pestizid-Wirkstoffe ausgebracht – zu  Zeiten, als Atrazin noch zugelassen war, waren es rund 10.000 Tonnen weniger. Pro Jahr werden auf einem Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche durchschnittlich etwa 9 Kilogramm Pflanzenschutzmittel beziehungsweise 2,5 Kilogramm Wirkstoffe eingesetzt. Ungefähr die Hälfte der Gesamtfläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2009).

Linktipp:

Bezüglich Pflanzenschutzmittel werden aktuell 38 von 258 oberflächennahen Grundwasserkörpern in den schlechten Zustand eingestuft. Eine Darstellung der Situation der Grundwasserkörper in Bayern für den Gesamtzustand Chemie sowie einzeln für die Komponente Pflanzenschutzmittel ist unter folgendem Link abrufbar (Karten 4.17 und 4.19):

Weitere Adressen und Links:

Zweckverband zur Wasserversorgung Rottenburger Gruppe
Ritter-Hans-Ebron-Str. 2, 84056 Rottenburg a. d. L.
Telefon: 08781/9413 - 0
www.rottenburger-gruppe.de

Bayerisches Landesamt für Umwelt
Bürgermeister-Ulrich-Str. 160, 86179 Augsburg
Telefon: 0821/9071 - 0
E-Mail: poststelle@lfu.bayern.de
www.lfu.bayern.de/index.htm

Helmholtz-Zentrum München
Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt
Institut für Grundwasserökologie
Ingolstädter Landstr. 1, 85764 Neuherberg
Telefon: 089/3187 - 2711
www.helmholtz-muenchen.de


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