BR Fernsehen - Unser Land


11

Statt Antibiotika Gesundduschen im Schweinestall

In vielen großen Schweine- und Geflügelställen ist der Einsatz von Antibiotika Routine - schon allein, um dem Tierschutzgesetz gerecht zu werden, das zur Behandlung kranker Tiere verpflichtet. 2014 wurden in deutschen Nutztierställen über 1.200 Tonnen Antibiotika verabreicht, knapp 500 Tonnen weniger als 2011. Doch das ist immer noch zu viel, darin sind sich alle einig. Gibt es Alternativen?

Von: Iris Rietdorf

Stand: 19.02.2016

Wo viele Tiere dicht an dicht gehalten werden, ist die Gefahr von Krankheiten groß. Um zu verhindern, dass sich Krankheitserreger auf den gesamten Tierbestand ausbreiten, behandeln viele Tierhalter oft die gesamte Gruppe mit einem Antibiotikum.

"Ein krankes Tier hat Anspruch auf Behandlung nach Tierschutzgesetz und muss deshalb auch vom Landwirt behandelt werden, dazu ist er verpflichtet. Wo ein Problem entstehen könnte, ist, wenn mangelhafte Stallbedingungen, Umweltbedingungen oder Lüftungsbedingungen durch Antibiotikagaben ausgeglichen werden. Das führt dann zu einem häufigeren Antibiotika-Einsatz, und dann können natürlich gegebenenfalls Resistenzen entstehen, die nicht gewünscht sind."

Dr. Lothar Richter, Tiergesundheitsdienst Bayern e. V.

Neue Wege in Mittelfranken

Auch die Schweinemast der Familie Michalk aus dem mittelfränkischen Burgbernheim ist ein Großbetrieb: Rund 2.000 Schweine werden in Gruppen zu je 300 Tieren gehalten. Landwirt Stefan Michalk möchte seinen Antibiotika-Einsatz und damit auch die Kosten reduzieren.

Probiotische Mikroorganismen

Um eine Lösung zu finden, durchforstete Stefan Michalk Fachzeitschriften, las alles, was sich mit Schweinegesundheit beschäftigt. Vor einigen Jahren stieß er auf einen Artikel, der die Wirkungsweise probiotischer Mikroorganismen in der Stallhygiene zum Thema hatte.

"Gute" und "schlechte" Bakterien

Das Prinzip: Herkömmliche Desinfektionsmittel bekämpfen schädliche und nützliche Mikroorganismen gleichermaßen. Auf den gereinigten Flächen setzen sich dann aber vor allem die Bakterien durch, die am wenigsten Widersacher haben (rot im Bild). Das sind aber meist auch die krankheitserregenden. Reinigungsmittel, die auf sogenannten probiotischen Mikroorganismen beruhen, setzen dagegen auf die "guten" Bakterien (grün im Bild). Sie werden mit der Reinigungssubstanz ausgebracht und sind dann in der Überzahl. So können sie die gefährlichen Bakterien in Schach halten.

Einfache Handhabung

Bakterien kontra Viren

Antibiotika helfen nur gegen Bakterien. Für die Behandlung mit den probiotischen Keimen gilt das Gleiche. Bei Erkrankungen, die auf Viren zurückgehen oder von Parasiten oder Schimmelpilzen ausgehen, helfen weder Antibiotika noch probiotische Keime.

Die Substanz mit den probiotischen Mikroorganismen wird in warmem Wasser aufgelöst und dann ausgebracht: ein einfaches Verfahren, das in jedem Stall mit relativ geringem Aufwand eingesetzt werden kann. Dazu wird im Prinzip nur ein Messbecher und eine Rückenspritze benötigt, mit der die Mixtur ausgebracht wird.

In der Praxis sprüht Stefan Michalk die Lösung, die die probiotischen Keime enthält, auf Wände, Fußboden und auch auf die Schweine. Dieses "Gesundduschen" praktiziert er regelmäßig einmal pro Woche, damit sich die hilfreichen Mikroorganismen dauerhaft ansiedeln können - in den ersten drei Tagen nach dem Einstallen neuer Ferkel wird sogar täglich gesprüht.

Hygiene ist oberstes Gebot

Mit dem Ausbringen der Mischung ist es jedoch nicht getan: Wichtig ist vor allem, dass erst gar keine Keime von außen in den Stall gelangen. Straßenkleidung hat im Stall prinzipiell nichts zu suchen. Weil Stallhygiene an oberster Stelle steht, gibt es sogar für jede Parzelle eigene Gummistiefel. Nur so lässt sich verhindern, dass Keime verschleppt werden.

Ungefährlich für Mensch und Tier?

Etwa 50 Cent pro Tier kostet der Einsatz der probiotischen Bakterien. Aber ist dieses Verfahren wirklich ungefährlich für die Schweine und für die Menschen, die das Fleisch dieser Tiere später verspeisen?

"Streng wissenschaftliche Untersuchungen aus Deutschland sind mir nicht bekannt. Es liegen verschiedene Erfahrungsberichte vor, die durchwegs positiv sind. Wundermittel gibt es in der Schweinemast grundsätzlich nicht. Der Einsatz dieser probiotischen Bakterien kann eine ansonsten gute Schweinehaltung zusätzlich unterstützen. Aber ansonsten müssen natürlich auch die restlichen Umweltbedingungen, insbesondere Lüftung, Haltung und Fütterung entsprechend optimiert werden, um wirklich erfolgreich Schweine mästen zu können."

Dr. Lothar Richter, Tiergesundheitsdienst Bayern e. V.

80 Prozent Antibiotika eingespart

Eine fachgerechte Haltung seiner Tiere ist für Stefan Michalk ohnehin selbstverständlich. Seit er allerdings Stall und Schweine mit den probiotischen Bakterien behandelt, braucht er kaum noch Antibiotika. Und wenn doch, dann nur für das betroffene Schwein, und nicht mehr für alle Tiere im Stall.

Kontakte:

Tiergesundheitsdienst Bayern e. V.
Dr. Lothar Richter,
Naglerstr. 50, 91522 Ansbach
Telefon: 0981 / 97201 - 0
E-Mail: an@tgd-bayern.de

Tiergesundheitsdienst Bayern e. V.
Dr. Hermann Niemeyer,
Senator-Gerauer-Str. 23, 85586 Poing
Telefon: 089 / 9091-275

Bezugsquellen für probiotische Bakterien:

MSH Moderne Stallhygiene
CHRISAL Vertriebs- & Beratungsbüro
PIP Agrar- & Anwendungstechnik
Eckehardt Brandt
Maybachstraße 38-42, 90441 Nürnberg
Telefon: 0911 / 362450

Glogar Umwelttechnik GmbH
Peterbauerstraße 6, A-4481 Asten bei Linz
Telefon: +43 (0)7224 / 66441- 0


11