BR Fernsehen - Unser Land


19

Herrmannsdorfer Landwerkstätten Sauereien im Bio-Stall?

Artgerechte Schweinehaltung – dafür steht der Name Herrmannsdorf. Für viele Münchner ist das ein Grund, in den Herrmannsdorfer Filialen Fleisch und Wurst zu kaufen. Zahlreiche Kunden haben sich vor Ort von dem glücklichen Schweineleben überzeugen können. Das wird jetzt von Tierrechtlern in Frage gestellt. Auf einer Pressekonferenz diese Woche hagelt es schwere Vorwürfe – zum ersten Mal gegen einen Bio-Betrieb.

Von: Eva Casper, Doris Fenske

Stand: 06.02.2016

"Unsere Recherche hat im Jahr 2014 begonnen, nachdem wir Hinweise aus der Bevölkerung bekommen haben. Natürlich hat uns auch persönlich interessiert, wie es bei Herrmannsdorfer zugeht. Nach zwei Jahren war es möglich, sehr viele Informationen zu bekommen In Bezug auf eine sehr hohe Sterblichkeitsrate, in Bezug auf regelmäßigen Antibiotika-Einsatz."

Friedrich Mülln, SOKO Tierschutz

Käfighaltung und erdrückte Ferkel

Letzte Woche wurden der Öffentlichkeit heimlich gedrehte Bilder aus dem Abferkelstall des Bio-Betriebs präsentiert: Die Mutterschweine sind in Käfige gesperrt, haben angeblich nur zwei Stunden Freigang. Trotzdem werden immer wieder Ferkel erdrückt. Der Unternehmenschef in Herrmannsdorf, Karl Schweisfurth, reagiert mit Offenheit und empfängt kurz darauf den BR. Es gehe ihm um Transparenz und Aufklärung der Vorwürfe. In seinen Ställen gäbe es nichts zu verbergen.

Die Säugezeit bei Hermannsdorfer ist doppelt so lange wie in der konventionellen Ferkelproduktion. Die Käfige, die in der Kritk stehen, wurden laut Karl Schweisfurth bis Ende letzten Jahres genutzt. Jetzt können sich die Mutterschweine zur Geburt und in den Tagen danach frei bewegen, haben die Wahl zwischen einem 7 Quadratmeter großen Innenbereich und einer mit Stroh eingestreuten Terrasse.

Nichts verbotenes passiert

Um den Nachwuchs zu schützen, ist es gemäß den Bio-Richtlinien in den ersten Tagen erlaubt, den Käfig zu schließen - "so kurz wie möglich". Das wurde in Herrmannsdorf die letzten Jahre so praktiziert. Auch, wenn der Käfig mittlerweile nicht mehr allerneuester Stand ist. Vor wenigen Tagen sind die Gestänge komplett ausgebaut worden – Planungen, den Stall auf eine freie Abferkelung nach neuestem Vorbild umzubauen, gibt es bereits seit einem Jahr. In Herrmannsdorf ist also nichts Verbotenes passiert.

Verbrauchertäuschung in früheren Jahren

Ein Problem gibt es trotzdem: die Verbraucherinformation. Schaut man heute auf die Homepage, wird zugegeben, dass es einen Käfig oder Kastenstand gab:

"Maximal die ersten sieben Tage ist die Sau zum Schutz der Ferkel gegen Erdrücken in einen sogenannten Kastenstand, den sie zwei Mal am Tag verlassen kann."

Homepage der Herrmannsdorfer Landwerkstätten

Hat man dieselbe Seite aber im vergangenen Sommer aufgerufen, war zu lesen, dass:

"...das Muttertier sich frei bewegen kann und nicht im  Zwangsstand stehen muss."

Homepage der Herrmannsdorfer Landwerkstätten

Dies entsprach nicht den Tatsachen.

Antibiotika im Biobetrieb

Auch der heimliche Blick in den Medikamentenkühlschrank empörte die Tierschützer: Friedrich Mülln kritisiert, dass die gesamte Bio-Branche nicht offen legt, dass auch hier Tiere mit Antibiotika behandelt werden:

"Herrmannsdorfer mag vielleicht 2012 mal kurz das Wort Antibiotika fallen lassen, aber warum ist erst jetzt nach unserer Aufdeckung eine Auflistung der ganzen Antibiotika-Einsätze auf der Homepage?"

Friedrich Mülln

Karl Schweisfurth verschweigt nicht, dass im Kühlschrank regelmäßig Antibiotika lagern. Einzelne Schweine werden -  nach Absprache mit dem Tierarzt - damit behandelt, aber nur wenn sie krank sind. Und dann ist es Pflicht, sie mit wirksamen Medikamenten zu versorgen, gerade bei Krankheiten wie Milchfieber, wenn schnell reagiert werden muss.

Schwerste Infektionen bei den Tieren

Infektionen beim Schwein

Der Medikamentenschrank sowie Fotos von Soko Tierschutz lassen aber auch noch einen Schluss zu: In Herrmannsdorf müssen Ferkel wie Muttertiere unter schweren Infektionen gelitten haben, sagt Friedrich Mülln: "Wir haben festgestellt, die Tiere haben Durchfall, dann gibt es Entzündungen, Pilzerkrankungen – das ganze Spektrum, was Tiere so bekommen können."

Diese Erkrankungen stehen sehr wahrscheinlich auch im Zusammenhang mit der teils hohen Ferkelsterblichkeit. Immer wieder gehäuft Totgeburten oder mehrere erdrückte Tiere in einem Wurf, Karl Schweisfurth räumt ein:

"Wir haben jetzt etwa 16 bis 18 Prozent Ferkelsterblichkeit. Wir waren über 25 Prozent. So ein Ferkel sollte etwa 1,6, bis 1,8, Kilo haben. Entweder sie sind relativ schnell von selbst verendet oder sie sind nicht weg gekommen, wenn die Sau sich hingelegt hat."

Κarl Schweisfurth, Herrmannsdorfer Landwerkstätten, Lkr. Ebersberg

Grobes Fehlverhalten ist nicht nachweisbar

Erreger wie Streptokokken und  aggressive  E-Coli-Keime haben einzelnen Tieren zu schaffen gemacht. Grobes Fehlverhalten  im Umgang mit seinen Schweinen kann man nach derzeitigem Stand dem Bio-Betrieb jedoch nicht anlasten.

Kontakte und Links:

Herrmannsdorfer Landwerkstätten Glonn GmbH & Co. KG
Herrmannsdorf 7, 85625 Glonn
Telefon: 08093 / 9094 - 0
www.herrmannsdorfer.de

SOKO Tierschutz e.V.
Jakober Str. 57, 86152 Augsburg
www.soko-tierschutz.org


19