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Umstrittene Genmaisstudie Wissenschaft oder Lobbyismus?

Ist grüne Gentechnik gefährlich? Oder etwa nicht? Schadet sie der Umwelt, den Menschen oder den Tieren? Oder kann sie am Ende gar den Hunger auf der Welt lindern? Welche Standards braucht man, um das zu überprüfen? Das soll GRACE herausfinden, ein umstrittenes Forschungs-Projekt der EU, finanziert mit sechs Millionen Euro Steuergeldern.

Von: Christian Stücken

Stand: 09.01.2015

In der von Grace aktuell vorgestellten Fütterungsstudie sind unter anderem 64 Ratten 90 Tage lang mit Mon810 gefüttert worden, einem gentechnisch verändertem Mais von Monsanto. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass Mon810 bei den Ratten nicht zu toxikologisch relevanten Effekten führt. Doch andere sehen das kritischer. Bei Organisationen wie Testbiotech e.V. in München oder Lobby Control in Berlin stellt man immer wieder fest, dass die Industrie Wissenschaftler umwirbt. Denn Unternehmen haben ein großes Interesse, ihre Produkte als nicht gesundheitsschädlich oder nicht riskant darzustellen:

Verbindungen zur Industrie

"Wir hatten von Anfang an den Verdacht, dass da eine zu große Nähe zur Industrie herrscht. Wir kennen viele der Experten, wir wissen, dass sie entsprechende Verbindungen zur Industrie haben und wir haben das auch sehr früh kritisiert."

Christoph Then, Testbiotech e. V., München

Was ist relevant?

Christoph Then analysiert die Daten der Studie und stellt fest, dass der Eiweißgehalt im Blut der Tiere abgenommen hat. Liegt es an Mon810? Die Verfasser der Studie glauben das nicht, sie halten die gesunkenen Eiweißwerte für biologisch nicht relevant - Then hingegen ist da anderer Meinung. Anhand der Daten schlussfolgert er, dass eine direkte Verbindung besteht zwischen den gesunkenen Werten und der Mais-Dosis, die verfüttert wird. Darüber hinaus gibt es seiner Ansicht nach auch eine deutliche Häufung von sehr niedrigen Blutwerten in der Gruppe der Tiere, die den Mais gefressen haben.

Die Angst vor der Industrie

Then will Klarheit, er fährt nach Berlin zu einem Toxikologen. Der Spezialist hat für Pharmaunternehmen gearbeitet und selbst Tierversuche durchgeführt. Er möchte nicht erkannt werden. Auch ihm ist aufgefallen: Der Eiweißgehalt im Blut der Ratten ist zum Teil dramatisch gesunken.

Alarmierende Werte

"Fünf der Tiere, die mit gentechnisch verändertem Mais behandelt worden sind, befinden sich eindeutig im pathologischen Bereich, die liegen also bei 25 % unter dem Mittelwert, und noch niedriger."

Anonymer Toxikologe

Nur ein zufälliger Befund oder die Folge der Fütterung mit gentechnisch verändertem Mais? Der Toxikologe stellt weitere problematische Werte fest: Einige Versuchstiere haben erhöhte Blutzuckerwerte und das Gewicht ihrer Bauchspeicheldrüse hat abgenommen. Für ihn ein alarmierendes Indiz, denn das kann zu Diabetes führen.

Bei seinen Recherchen stellt Christoph Then außerdem fest, dass zumindest einige der Verfasser der Studie Interessenskonflikte haben könnten:

Christoph Then fordert jetzt, dass die Studie zurückgezogen wird. Er hat inzwischen die EU-Kommission informiert und hofft, dass endlich etwas passiert - damit ähnliche Studien in Zukunft nicht von Wissenschaftlern durchgeführt werden, die eine solch starke Nähe zur Industrie haben.


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