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30 Jahre Biogas Von den Anfängen bis zur Gegenwart

Rund 8.000 Biogasanlagen stehen in Deutschland, über 2.300 davon in Bayern. Seit 30 Jahren gibt es Biogasanlagen im großen Stil, und seit 30 Jahren wird darüber diskutiert, ob solche Anlagen ein Fluch sind oder ein Segen.

Von: Ulrich Detsch

Stand: 13.02.2015 | Archiv

Johann Sedlmeier zählt zu den führenden Biogas-Experten in Deutschland. Bereits in den 80er Jahren konzipierte er an den Landwirtschaftlichen Lehranstalten in Triesdorf eine Biogasanlage. Heute ist sie ein Technologie-Denkmal und ein kleines Museum. Aber damals war sie vor allem eins: revolutionär.

Idealismus statt Kapitalismus

"Diese erste Ära war überhaupt nicht von Geld geprägt, sondern von Idealisten."

Johann Sedlmeier, ehem. Leiter der Landmaschinenschule Triesdorf, Lkr. Ansbach

Mehr als eine "Furz-Idee"

Zum Teil abenteuerliche Konstruktionen prägen die Anfänge der Biogasproduktion.

Die ersten Biogasanlagen sind gewissermaßen der Funktionsweise eines Kuhpansens nachgeahmt. Sie produzieren in den 80er Jahren tatsächlich brennbares Methan. Zunächst wird diese Form der Energieerzeugung jedoch vielerorts als bloße "Furz-Idee" abgetan, als Spinnerei von ein paar wenigen Tüftlern.

Biogaspionier der ersten Stunde: Johann Sedlmeier

Aber die Pioniere von damals sind überzeugt, dass sich aus der Gülle ihrer Rinder Energie gewinnen lässt, zum Teil mithilfe abenteuerlicher Konstruktionen. Der Erfolg gibt ihnen recht: Schon damals erzeugt ein Bauer mit 130 Bullen pro Tag 100 Kubikmeter Biogas und kann damit rund 70 Liter Heizöl ersetzen. Öl und Erdgas sind seinerzeit allerdings vergleichsweise billig - das Biogas weckt daher nur bei wenigen Bauern Interesse. Da hilft es auch nichts, dass die Gülle nach der Vergärung weniger stinkt.

Umdenken in den 90er-Jahren

"Wir hatten zu diesem Zeitpunkt Flächen, die nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion gebraucht wurden. Wir hatten die Zeit der Stilllegungsflächen über die EU, usw. Das hatte im ländlichen Raum zur Folge, dass immer weniger produziert und verkauft werden konnte. Und da kam eben diese Biogas-Geschichte hinein ..."

Johann Sedlmeier

Die Bauern geben Gas

Die Anlagen werden moderner ...

Das Biogas wollen die Bauern seit den 90ern endgültig zu Geld machen. Bald experimentieren sie mit Grüngut von Straßenrändern, ebenso wie mit anderen organischen Reststoffen und Abfällen. Ob energiereiche Reststoffe bis hin zu Schlachtabfällen und Bratfett: Erlaubt ist fast alles, was die Methanbakterien zu immer mehr Leistung antreibt. Nun gaben die "Energiewirte" buchstäblich richtig Gas. Nur bei der Verwendung von Getreide - Stichwort: 'Biogas statt Brot' - kommen bei vielen Landwirten und auch Verbrauchern Skrupel auf. Doch das Geschäft läuft auch ohne Getreide bestens: Seit Mitte der 90er Jahre gibt es gesetzlich garantierte 15 Pfennige für jede Kilowattstunde.

Nahrungsmittel nur zweite Wahl

"Das Grundproblem war, dass die Landwirte mit der Lebensmittelproduktion kein Geld verdient haben. Er will aber überleben mit seinem Betrieb und hat danach gesucht. Und dann waren diese Köder, diese Ansätze natürlich ein Sprungbrett, wo jeder versucht hat, darauf aufzuspringen."

Johann Sedlmeier

Die "Vermaisung" beginnt

Nach der Jahrtausendwende wächst immer mehr Mais, mit dem die Biogas-Anlagen nun bevorzugt gefüttert werden - und die nun wie Pilze aus dem Boden schiessen. Das Energie-Einspeisegesetz, kurz EEG, wirkt als Subventionsköder. Der Staat zahlt bis zu 20 Cent pro Kilowattstunde Biogas-Strom, garantiert auf 20 Jahre - ab 2009 sogar 27 Cent. Das beschleunigt den Kampf der Landwirte um Pachtflächen. Bereits seit 2004 wachsen Biogasanlagen in gigantische Megawatt-Dimensionen, speisen Methan ins Erdgasnetz und heizen Wohnsiedlungen.

Es kriselt in den Dörfern

... und immer größer.

Doch die massive Erweiterung - nicht nur der Produktion, sondern auch der Arbeitszeiten - stört das Gesamtdorfleben in vielen Gemeinden empfindlich, erster Widerstand macht sich breit. Entspannung bringen Gemeinschaftsanlagen, wo große und kleine Bauern als Genossen Energie produzieren. Jetzt fördert der Staat auch die Nutzung der Abwärme, die bislang meist ungenutzt verpuffte. Die Landwirte versorgen Mitbürger und Gewerbebetriebe mit kostengünstiger Heizenergie. Langsam kommen sich Bauern und Dorfbevölkerung wieder näher.

2014: die große Kehrtwende

Dennoch: In Bayern werden immer noch zu viele Anlagen gebaut. Nach Fukushima 2011 will die Bayerische Staatsregierung Biogasanlagen intelligent vernetzen, als flexible Ergänzung zu Wind und Sonne. Aus dem Bayernplan wird aber nichts. 2014 dann der Schock: Die Zahl der Beschäftigten bei den Anlagenherstellern sinkt von 60.000 auf 40.000 - die Bundesregierung hat die Einspeisevergütung radikal gekürzt. Die Biogasproduktion rechnet sich nicht mehr, die Zeiten garantierter Traumrenditen sind vorbei.

Ungewisse Zukunft

Biogas: bald nur noch ein Schatten seiner selbst?

Kaum ein Landwirt wagt derzeit noch den Einstieg ins Biogas-Geschäft. Keiner weiß, wie es nach den 20 Jahren mit garantierter Einspeisevergütung weitergehen wird. Wer bereits eine Anlage hat, kann Pufferspeicher bauen, das sind zusätzliche Motoren, die sich je nach Bedarf an- und abschalten lassen. Nach jahrelanger Turbo-Subvention lässt die Politik die Energiewirte im Ungewissen, ob und wie man Energie aus Biogas in Zukunft honoriert: nach 30 Jahren Vollgas wurde die Biogasbranche politisch ausgebremst.  

Kontakte & Links:

Fachverband Biogas e.V.
Angerbrunnenstraße 12
85356 Freising,
Telefon: 08161 984660
Mail: info@biogas.org
www.biogas.org

Landwirtschaftliche Lehranstalten Triesdorf
Markgrafenstraße 12, 91746 Weidenbach
Telefon: 09826 18-0
Mail: lla@triesdorf.de


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