BR Fernsehen - UNKRAUT


4

Unsichtbare Begleiter Hormonell wirksame Chemikalien

Unfruchtbarkeit, erhöhte Diabetes- und Krebsrisiken - diese und andere Erscheinungen werden mit hormonell wirksamen Chemikalien in Verbindung gebracht. Zu finden sind sie fast überall: in der Landwirtschaft, in Kosmetika, bei der Herstellung von Textilien. Doch bis heute gibt es keine Kennzeichnung belasteter Produkte.

Von: Bettina Dietrich

Stand: 26.01.2015

Es ist ein Feind, den man nicht sieht und nicht hört. Und doch ist er allgegenwärtig in unserer Umwelt: hormonell wirksame Chemikalien. Über das Abwasser gelangen die Substanzen auch in die Seen und Flüsse, belasten dort das Ökosystem.

Alexandra Caterbow kennt die Bedrohung durch die sogenannten Umwelthormone: Seit 2009 schon kämpft sie von München aus für deren Verbot. Gemeinsam mit anderen Umweltverbänden hat der WECF ("Women in Europe for a Common Future") die Politik zum Handeln aufgefordert gegen diese wie Hormone wirksamen Chemikalien: Im Dezember 2014 schrieben sie einen offenen Brief an die Minister für Umwelt, Gesundheit und Ernährung.
Alarmierend findet die Umweltaktivistin, dass bereits kleine Mengen dieser Substanzen einem Fötus in seinen sensiblen Entwicklungsphasen irreparable Schäden zufügen können:

Alexandra Caterbow

"Hormonell wirksame Chemikalien, auch endokrine Disruptoren genannt, können laut einer Studie der WHO hormonbedingte Erkrankungen wie Brust- und Hodenkrebs, Unfruchtbarkeit, Diabetes, Fettleibigkeit und Verhaltensstörungen bei Kindern hervorrufen. Das ist schon lange bekannt. Leider begegnen uns diese Stoffe heute immer noch fast überall, in Textilien, in Spielzeug, in Lebensmitteln, in Verpackungsmaterialien, es gibt kaum einen Bereich, wo diese Stoffe nicht sind."

Alexandra Caterbow, WECF e.V. Deutschland

Aufklärung über hormonell wirksame Chemikalien

Alexandra Caterbow ist immer im Einsatz im Kampf gegen diese Chemikalien, die unser Leben begleiten. Dabei will sie über die Wirkung dieser gefährlichen Substanzen aufklären und wie man sie im Alltag vermeiden kann.

Alexandra Caterbow berät junge Mütter in der "Beratungsstelle für natürliche Geburt und Elternsein".

Häufig hält sie Info-Veranstaltungen wie in der "Beratungsstelle für natürliche Geburt und Elternsein" in München. Die Umwelthormone gefährden am stärksten Schwangere und ihre ungeborenen Kinder, da sie in das Erbgut des Fötus eingreifen. Doch die meisten Frauen haben noch nie etwas von den hormonell wirksamen Chemikalien gehört.

Anders als bei anderen giftigen Stoffen reichen hier allergeringste Mengen, um irreparable Schäden bei Ungeborenen auszulösen. Treffen diese Substanzen etwa zum falschen Zeitpunkt auf einen männlichen Fötus, greifen sie in sein Hormonsystem ein. Die Folgen können Unfruchtbarkeit, Hodenhochstand, Unfruchtbarkeit sein - Schäden also für das ganze Leben.

Alexandra Caterbow ist enttäuscht über die Tatenlosigkeit seitens der Politik angesichts der Tatsache, dass die von diesen Substanzen ausgehende Gefahr seit langem bekannt ist:

"Die EU kann sich nicht einigen auf eine Definition und verschleppt die schon über Monate, wenn nicht gar Jahre und für die Verbraucher ändert sich nichts."

Alexandra Caterbow, WECF e.V. Deutschland

Ein Skandal auf Kosten von Mensch und Umwelt

Den Einsatz der sogenannten reproduktionstoxischen Substanzen in der Textilindustrie nimmt auch immer wieder das renommierte Magazin "ÖKO-TEST" unter die Lupe - und wird auch fündig. Es gibt zwar Firmen, die sich der Greenpeace-Kampagne verpflichten, ansonsten stellt Expertin Edigna Menhard einen sorglosen Umgang mit den Bioziden fest:

Edigna Menhard

"Das Schlimme ist, dass diese Stoffe in Textilien vorkommen, die direkt mit der Haut in Kontakt kommen. Wir haben sie in Fahrradhosen gefunden, in Arbeitshandschuhen, in Socken, aber auch in Matratzen, Bettdecken, Kissen und sogar Wickelauflagen. Die Hersteller verwenden diese Stoffe, weil sie als Bakterienkiller gelten und eben geruchshemmend sind."

Edigna Menhard, ÖKO-TEST

Ein Experte aus dem Umweltbundesamt warnt

Dieses Problem kennt auch Dr. Andreas Gies vom Umweltbundesamt. Er leitet die Abteilung Umwelt und Gesundheit. Auch ihm lassen die hormonell wirksamen Chemikalien keine Ruhe. Er prangert die Verschleppung einer klaren politischen Entscheidung des europäischen Parlaments an. Seit September 2013 sei die EU-Verordnung bindend, passiert sei bisher nichts.

Dr. Andreas Gies

"Diese Politik ist darauf zurückzuführen, dass natürlich die chemische Industrie ein Interesse hat, diese Stoffe zu vermarkten. Die größte chemische Industrie in Europa haben wir auch in Deutschland und so sehen wir heute die Situation, dass andere Länder sehr viel konsequenter in der Umsetzung sind, sehr viel konsequenter in der Politik - wie zum Beispiel Frankreich - als Deutschland."

Dr. Andreas Gies, Umweltbundesamt

Der Kampf geht weiter

Alexandra Caterbow setzt ganz auf Aufklärung der Verbraucher. Zum Schutz vor den gefährlichen Substanzen hat die Umweltaktivistin auf ihrer Website zuverlässige Ökolabels aufgelistet. Doch auch die Regulierung der hormonell wirksamen Substanzen verliert sie nicht aus dem Blick:

"Wir fordern von der Politik eine schnelle Umsetzung der Richtlinien, das heißt noch dieses Jahr, wollen gute Kriterien für hormonverändernde Stoffe. Langfristig möchten wir überhaupt keine hormonverändernden Stoffe mehr in Produkten sehen und bis das erreicht ist, brauchen wir unbedingt eine Kennzeichnungspflicht, damit die Verbraucher sich orientieren können."

Alexandra Caterbow, WECF e.V. Deutschland

Die Industrie verweist auf die Schwierigkeit der Festlegung kritischer Chemikalien und vertritt den Standpunkt, dass es schwierig sei, hormonelle Reaktionen eindeutig einem bestimmen Auslöser zuzuweisen.

Weitere Informationen:

Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany)

Nernstweg 32
22765 Hamburg
Susanne Smolka (Projektkoordinatorin)
Tel.: 040 / 3991910-0

Beratungsstelle für natürliche Geburt und Elternsein e.V.

Häberlstraße 17
80337 München
Tel.: 089 / 55 06 78-0

ÖKO-TEST Verlag GmbH

Postfach 90 07 60
60447 Frankfurt am Main
Tel.: 069 / 97 777-0

Umweltbundesamt

Abteilung Umwelt und Gesundheit
Corrensplatz 1
14195 Berlin
Tel.: 030 / 8903-1320


4