BR Fernsehen - UNKRAUT


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Expertenstreit Wie gefährlich ist Glyphosat wirklich?

Bis Sommer soll die EU entscheiden, ob das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat für weitere 15 Jahre zugelassen wird oder nicht. Das hängt vor allem von einer Frage ab: Wird der Wirkstoff als für den Menschen gesundheitsschädlich eingestuft oder nicht?

Von: Angelika Vogel

Stand: 15.05.2017

"Die Weltgesundheitsorganisation hält das Pestizid für krebserregend."

Tagesschau 12.11.2015

"Die EU Behörde für Lebensmittelsicherheit teilt diese Einschätzung nicht."

Tagesschau 12.11.2015

Viele sind verunsichert. Doch im März 2017 hat die entscheidende europäische Chemikalienagentur ECHA ein Machtwort gesprochen und Glyposat für unbedenklich erklärt. UNKRAUT hat beim Agrarkonzern Monsanto, dem Erfinder des Pestizids, nachgefragt und eine Antwort der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat, AGG, bekommen:

"Auf Grundlage der wissenschaftlich begründeten Schlussfolgerungen der ECHA sollte einer vollständigen Wiederzulassung von Glyphosat in der Europäischen Union nun nichts mehr im Wege stehen. Glyphosat erfüllt oder übertrifft sogar alle gestellten Anforderungen für die Wiederzulassung des Wirkstoffs nach europäischem Recht und Regulierung."

Arbeitsgemeinschaft Glyphosat (AGG)

Umweltverbände laufen Sturm und starten eine europaweite Unterschriftenaktion. Eine, die sich engagiert, ist Christine Vogt vom Umweltinstitut. Die Agrarwissenschaftlerin ärgert sich: Die meisten Studien sind nicht öffentlich. Auch sie darf sie nicht einsehen.

"Das Problem ist, dass die Ergebnisse nicht überprüft werden können. Und dass die unabhängigen Studien, die es auch gibt, die öffentlich zugänglich und einsehbar sind, zu dem Ergebnis kommen, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend ist. Die geheimen Herstellerstudien, die nicht überprüft werden können, kommen zu dem Ergebnis, dass Glyphosat nicht krebserregend ist."

Christine Vogt, Münchner Umweltinstitut

Vielen ist gar nicht bewusst, welche Auswirkungen der Chemiecocktail in ihrem grünen Paradies haben könnte. Andreas Becker leitet die Gartenakademie in Veitshöchheim. Er fürchtet Folgen für das Ökosystem.

"Wir bekommen die Rückmeldung, dass sich Glyphosat in den Kläranlagen anreichert, weil es dort in großer Konzentration ankommt. Vor allem jetzt - im beginnenden Frühjahr, wo viele gegen Unkraut Glyphosate einsetzen. Und das ist etwas, dass wir nicht wollen, weil sich Glyphosat in den Mikroben, in den Amphibien, in vielen Tieren anreichert und zu Schädigungen führt."

Andreas Becker, Leiter der Gartenakademie in Veitshöchheim

Über 90 glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel sind in Deutschland zugelassen. Auf 40 Prozent unserer Felder werden sie versprüht. In Deutschland wird es auch genutzt, um eine gleichmäßige Erntequalität zu erreichen. Die Entscheidung über die Wiederzulassung in der EU hat sich aufgrund von Protesten mehrfach verschoben. Was ist nach Meinung der Hersteller der Grund dafür, dass sich so viele Menschen gegen Glyphosat wehren?

"Die Bedenken rund um die Sicherheit des Wirkstoffes Glyphosat sind infolge von (emotionalen) Panikmachen seitens gegnerischer Aktivisten, die sich gegen die moderne Landwirtschaft aussprechen, entstanden."

Arbeitsgemeinschaft Glyphosat (AGG)

Die Europäische Bürgerinitiative gegen Glyphosat haben schon über 750.000 Menschen unterschrieben. Denn nicht nur Christine Vogt vom Umweltinstitut zweifelt an vielen Studienergebnissen. Sie kritisiert, dass viele Studien von den Herstellern selbst in Auftrag gegeben worden seien. Die ECHA hat keine eigenen Studien durchgeführt, sie beruft sich auf bereits bestehende.

"Die ECHA verlässt sich dabei auf geheime Pesitzidherstellerstudien, die zum Ergebnis kommen, dass Glyphosat nicht krebserregend ist. Und das Ziel, das dahinter steht, ist relativ eindeutig: Die Hersteller haben ein Interesse, dass Glyphosat am Markt erhalten bleibt."

Christine Vogt, Umweltinstitut München

Allein Monsanto setzt jedes Jahr mehrere Milliarden Dollar mit Glyphosatprodukten um. Kunden sind vor allem Landwirte. Sind sie jetzt verunsichert durch den Studien-Streit?

"Mit gesundem Menschenverstand kommt man wesentlich weiter als mit so halbwahren Studien."

Landwirt Christian Fuchsgruber

Er schafft es, nur wenig Glyphosat einzusetzen, hält das Unkraut stattdessen durch Fruchtwechsel in Schach. Das hat er sich einfach so auf seinem Feld ausgedacht – ohne 1.000 Studien.


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