BR Fernsehen - Stolperstein


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Konduktive Förderung Mit jedem Schritt mehr Freiheit

„Ihr Kind wird mit seiner spastischen Lähmung nie gehen können!“ hörten Hanni und Peter von Quadt von einem Arzt. Doch sie gaben nicht auf. Sie hörten von der Konduktiven Methode in Ungarn und brachten sie nach Deutschland.

Von: Beatrice Sonhüter

Stand: 14.08.2017

Simon von Quadt ist 30 Jahre alt und führt ein selbstbestimmtes Leben. Doch kurz nach der Geburt sagte man seinen Eltern etwas ganz anderes.

"Die Prognose ist schlecht. Ihr Kind wird nie gehen können!"

Meinung eines Arztes über Simon von Quadt kurz nach dessen Geburt

Spastische Behinderung: Schicksal vorgezeichnet?

Simon erlitt während der Geburt einen Sauerstoffmangel. Die Folge: Eine Hirnschädigung, die zu Bewegungsstörungen, zu sogenannten spastischen Lähmungen führte. Bei ihm sind beide Arme und beide Beine von der Spastik betroffen, man nennt das Tetraspastik.

Kinder mit spastischen Lähmungen: Ist ein Leben nur mit Rollstuhl möglich?

Diese Kinder erwartet meist ein vorgezeichnetes Schicksal: Ein Leben im Rollstuhl, immer abhängig von Dritten, mit Endstation Behindertenheim. Dieses Schicksal zeichneten die Ärzte auch für Simon von Quadt. BR Fernsehen wurde auf Familie aufmerksam und begleitet seit 1994 die kleinen und großen Fortschritte von Simon.

Konduktive Förderung: Methode aus Ungarn

Simons Eltern lesen einen interessanten Artikel in der New York Times. Dieser berichtet über eine Fördermethode, die von András Petö aus Ungarn entwickelt wurde.

Mittelpunkt der Konduktiven Methode ist bis heute die Konduktorin.

András Petö war Arzt und Pädagoge. Er wollte die vorgezeichneten Lebenslinien dieser Kinder so nicht akzeptieren und gestaltete ein ganzheitliches Behandlungskonzept. Zentrale Figur dieser „konduktiven Förderung“, wie er sein Konzept nannte, ist die Konduktorin. Eine Fachkraft, die verschiedene Berufe in sich vereint: Sie ist Physiotherapeutin, Pädagogin, Logopädin.

Konduktive Förderung: Ganzheitliche Förderung

Konduktive Förderung nach Petö: Ausdauer, hartes Training und vielversprechende Erfolge

Die Idee ist einfach: Mit ganzheitlichen Fördermaßnahmen könnten Gehirnverletzungen, die zu Bewegungs-, Lern-oder Verhaltensstörungen führen, weitgehend überwunden werden. Die Inhalte dieses komplexen Fördersystems sind die gleichen wie in den traditionellen Therapien. Angestrebt wird eine Verbesserung der Grob- und Feinmotorik, Entwicklung der sinnlichen Wahrnehmungen, der Sprache und des Denkens, die Bewältigung von Alltagssituationen, zum Beispiel das Essen, An- und Ausziehen und die Hygiene. Darüber hinaus sind die allgemeine Wissensvermittlung und in der Gemeinschaft leben lernen weitere Ziele. Je früher damit begonnen wird, desto größer ist die Chance auf ein Leben, so normal wie möglich.

Peter von Quadt war begeistert von den Erzählungen seines Chefs und fing an zu recherchieren. Damals kein leichtes Unterfangen, denn in Zeiten ohne Internet waren Informationen aus Ungarn schwierig zu beschaffen. Peter von Quadt fuhr nach Budapest, um sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Das war Ende der 1980-er Jahre.

Erste eigene Schritte mit Stöcken oder Krücken.

Es waren vorwiegend nur ungarische Kinder und Jugendliche, die im Petö-Institut ganztägig behandelt wurden. Nur eine Hand voll ausländische Kinder hatten mit ihren Eltern  den Weg in die ungarische Hauptstadt gefunden ... durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Diese Kinder wurden in einer Gruppe zusammengefasst und in Englisch unterrichtet und gefördert. Was Peter von Quadt dort sah und hautnah miterleben konnte, verblüffte ihn, ließ ihn staunen.

Neue, ungewöhnliche Methode mit erstaunlichen Resultaten

Es gab in dem ganzen Institut keinen Rollstuhl; die Kinder versuchten auf 3-Punkt-Stöckchen oder Krücken einen Schritt vor den anderen zu machen, die Konduktorin begleitete unermüdlich mit Singen und Loben jedes Vorankommen. Eine Konduktorin für jedes Kind - das konnte Peter von Quadt kaum glauben. Die Kinder schienen nicht überfordert zu sein, im Gegenteil, ihre kleinen und großen Fortschritte schienen sie überaus glücklich zu machen. Natürlich gab es auch Tränen und Traurigkeit, aber die Grundstimmung war völlig anders, als das, was Peter aus Deutschland kannte.

Zuhause turnte Hanni, die Mutter, dreimal mit Simon unter Anleitung nach Vojta, an den Resttagen zuhause mit ihm alleine: Jedes Mal schrie Simon erbärmlich, denn diese Manualtherapie ist schmerzhaft. Die Beine und Arme werden bewegt, gedreht, gezogen, in die sogenannte „normale“ Stellung gebracht, und in dieser Position verharrt man dann über Minuten. Hanni war danach immer fertig, denn ihr Sohn verband sie jetzt nur noch mit den Schmerzen. Irgendwann wollte Simon überhaupt nicht mehr.

In den 1990er Jahren reiste Hanni von Quadt mit ihrem Sohn Simon regelmäßig nach Budapest.

Peter von Quadt verhandelte also mit der Institutsleitung und erreichte, dass sein Sohn für zwei Monate im Petö-Institut probeweise behandelt werden konnte. 1990 fuhr Hanni von Quadt zum ersten Mal mit Simon nach Budapest. Sie mieteten eine winzige, möblierte Wohnung. Jeden Tag brachte sie ihn ins Institut und sprach mit anderen Müttern. Sie erinnert sich noch gut, als nach der ersten Woche die Türen aufgehen und Simon heraus kommt.

"Im Petö-Institut verlässt jedes Kind am Ende des Tages den Therapieraum laufend. Als ich meinen Sohn abholen wollte, habe ich ihn zuerst nicht erkannt. Ich hatte meinen Sohn bis zu diesem Zeitpunkt nie aufrecht gesehen…"

Hanni von Quadt

Die Fortschritte, die Simon in Budapest macht, sind groß. Bereits 1990, beim ersten Aufenthalt, konnte Simon mit 3-Punkt-Stöckchen gehen. Seine Grob- und Feinmotorik hatte sich ebenfalls gebessert.

Konduktive Förderung in Ungarn: Wagnisse und Belastungen für Familien aus dem Ausland

Leben umgekrempelt: Hanni und Peter von Quadt beschlossen, die Konduktive Methode nach Deutschland zu bringen.

Von da an fuhren Hanni, machmal auch Peter, jedes Jahr zweimal nach Budapest. Der jeweils andere kümmerte sich dann in dieser Zeit um die Tochter. Es waren harte Zeiten für die Familie, Hanni hatte auch immer ein schlechtes Gewissen ihrer Tochter gegenüber. Und auch finanziell waren diese Auslandsaufenthalte kostspielig, denn die Krankenkasse zahlte keinen Pfennig für die Therapie. Als Simon 1993 wieder einmal aus Ungarn zurück kommt und zuhause von seinem Arzt untersucht wird, stellt dieser lapidar fest:

"Frau von Quadt, Sie wollen mir doch nicht sagen, dass das GEHEN ist, wie Simon sich ,fortbewegt‘!"

Meinung eines behandelnden Arztes, Anfang der 90-er Jahre

Die Herausforderung: Die Konduktive Förderung nach Deutschland bringen

Professorin Dr. phil. Karin S. Weber forschte in den 1990er Jahren über die Konduktive Förderung und deren Nutzen.

Da reicht es den von Quadts. Von diesem Tage an, ändert sich das Leben der Familie komplett. Peter von Quadt will nicht länger akzeptieren, dass die konduktive Förderung in Deutschland nicht angeboten wird, obwohl es in Norddeutschland einen erfolgreichen Modellversuch unter Professorin Dr. phil. Karin S. Weber gegeben hat.

Er geht zu seinem väterlichen Freund André Kostolany und sagt ihm, dass er aussteigen, seinen Job an den Nagel hängen wird, um sich ab sofort um die Etablierung der Konduktiven Methode in Deutschland zu kümmern. Hanni trägt seinen Entschluss mit, obwohl sie sich fragt, wovon die Familie ab jetzt leben soll? Finanziell wird es knapp bei den von Quadts ....

Fortschritt e.V.: Der Verein betreibt inzwischen 35 Einrichtungen.

Dennoch: Am 14.06.1994 gründet die Familie von Quadt gemeinsam mit anderen betroffenen Eltern den Verein Fortschritt e.V. in Niederpöcking am Starnberger See. Was jetzt kommt, war unbeschreiblich, erzählt Peter. Der Verein engagiert Konduktorinnen aus Budapest, mietet Räumlichkeiten an und kämpft bei allen bayerischen Ämtern und Behörden um Anerkennung der Methode.

Konduktive Förderung: Erfolgreich aber bis heute umstritten

Petö für Erwachsene: Simon von Quadt lebt in einer Wohngemenschaft, in der konduktive Förderung stattfindet.

Und dieser Kampf ist bis heute nicht endgültig entschieden: Die Mediziner sagen, dass die Konduktorinnen ihre Kompetenzen überschreiten würden. Das behaupten auch die Pädagogen aus ihrer Fachrichtung gesehen. Noch immer also ist der Beruf der Konduktorin bei uns nicht anerkannt. Er wird mittlerweile geduldet, aber in trockenen Tüchern ist das keinesfalls. Obwohl im In- wie im Ausland die Methode von Universitätsprofessoren der verschiedensten Fachrichtungen sehr positiv bewertet wird.

Ohne Konduktive Förderung wäre sein heutiges Leben so nicht möglich. Davon ist Simon von Quadt überzeugt.

Aus den kleinen Niederpöckinger Anfängen ist heute in Bayern ein Verein mit über 35 Einrichtungen geworden, über 400 Mitarbeiter betreuen täglich 1.700 Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene, vor allem nach Schlaganfällen. Inzwischen hat sich der Verein auch auf Bundesebene etabliert.

Leben für und mit der konduktiven Förderung

Lebensqualität, Eigenständigkeit, Selbstbestimmung: Ziele der Konduktiven Förderung.

Peter von Quadt arbeitet nun seit über 20 Jahren als Geschäftsführer und Vorstand des Vereins, und auch Hanni, seine Ehefrau, arbeitet seit Anbeginn mit. Simon lebte bis Ende letzten Jahres im Elternhaus. Dann wurde ein Traum für ihn wahr: Gemeinsam mit drei anderen jungen Männern zog er in die erste konduktive Wohngemeinschaft nach Starnberg. Jeden Tag geht er in die Pfennigparade, dort in eine konduktive Arbeitsgruppe, und führt ein selbständiges Leben. Jede Woche geht er auch in die Erwachsenengruppe in Niederpöcking zur konduktiven Therapie. Auch dafür kämpfte Peter von Quadt, denn Patienten nach Schlaganfall oder mit Parkinson verzeichnen große Erfolge mit diesem Behandlungskonzept.

Hanni und Peter von Quadt wollten auch anderen Eltern ermöglichen, ihre Kinder nach Petö fördern zu können.

Und Peter von Quadt? Eigentlich wollte der es seit diesem Jahr etwas langsamer angehen, aber Hanni sagt, das gelingt ihm überhaupt noch nicht. Nach wie vor bekleidet er beide Ämter und kämpft bei Ämtern, Behörden und Ministerien um die endgültige Anerkennung seines Vereines.

Auch Hanni von Quadt kümmert sich immer noch jeden Tag im Verein um Alles. Aber auch verstärkt um ihr gerade geborenes Enkelkind und ihre Tochter, die ebenfalls im Verein Fortschritt mitarbeitet.

Die von Quadts haben für ihren Sohn Simon ihr Leben um 180 Grad gedreht ... „ja, ich hätte ein Leben haben können, mit finanzieller Sicherheit und einem gehobenen Wohlstand, wenn ich es nicht komplett vermasselt hätte“, sagt der 64-jährige Peter von Quadt heute. Aber es kam anders, und das sei auch gut so, davon ist Peter überzeugt.


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