BR Fernsehen - Stolperstein


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Ich schaff' das schon ... Behinderte auf der Karriereleiter

Welchen Beruf kann ich trotz meiner Behinderung ausüben? Wie weit kann ich überhaupt kommen? Wo sind meine Grenzen? Fragen, die sich viele behinderte Menschen stellen. Stolperstein begleitet drei Menschen mit Handicap.

Von: Katrin Frink

Stand: 24.04.2012

Zwei Männer im Rollstuhl | Bild: picture-alliance/dpa

Marina Siebert

Marina wird zwei Monate zu früh geboren. Durch einen Sauerstoffmangel werden Teile des Gehirns zerstört, die für Bewegung und Motorik zuständig sind. Am Anfang erkennen die Ärzte und die Eltern die Situation nicht. Erst nach ein paar Monaten zeigt sich, dass Marina eine spastische Lähmung hat. Mittlerweile ist Marina Siebert 30 Jahre alt. Sie sitzt im Rollstuhl und kann gerade mal ein paar Finger bewegen. Um ihren Alltag zu bewältigen, braucht sie rund um die Uhr Hilfe. Vier Assistentinnen betreuen sie, holen sie aus dem Bett, füttern sie, kochen, waschen, putzen – eben alles was Marina selbst nicht kann.  

"Ich will arbeiten"

Marina hat gerade ihr Studium abgeschlossen. Jetzt ist die Diplom-Sozialpädagogin auf Jobsuche. Sie will unbedingt arbeiten, auch wenn ihr eine Anstellung keinen finanziellen Gewinn brächte. Das verdiente Geld fließt nämlich direkt in die Bezahlung der Assistenz. Zusätzlich wird sie wohl noch Sozialhilfe beantragen müssen.

"Ich kann mir zum Beispiel sehr gut Beratungsarbeiten vorstellen, wo die Klienten mich und nicht ich sie aufsuchen muss. Dort, wo ich eher an einem Arbeitsplatz arbeiten kann. Das geht ganz gut, denke ich."

Marina Siebert

Täglich sucht Marina Siebert nach Jobangeboten. Doch auf dem Arbeitsmarkt schaut es gerade schlecht aus. Außerdem müsste Marina immer von einer Assistentin begleitet werden. Marina gibt es nur im Doppelpack, das müsste ihr neuer Arbeitgeber akzeptieren. Aber wird er das? Wird sie trotz ihrer Einschränkungen einen Job finden?

"Das, was ich nicht kann, muss ich kompensieren durch besonders gute Leistungen auf anderem Gebiet. Ich versuche, meine körperlichen Defizite auszugleichen, damit ich durch gute Arbeit auf anderem Gebiet überzeuge."

Marina Siebert

"Ich muss meine körperlichen Defizite kompensieren"

Marina ist geistig fit, schon im Kindergarten und der Grundschule ist sie vielen Kindern überlegen. Nach dem Abitur an einem integrativen Gymnasium zieht sie nach Regensburg, um dort zu studieren. Die neue Umgebung, die fremden Leute, die riesige Hochschule - für Marina keine leichte Zeit. In der Uni legt sie die Prüfungen mündlich ab oder diktiert sie der Assistentin. Dennoch beendet sie ihr Studium mit der Note 1,6.

Das erste Vorstellungsgespräch

Marina hat sich auf mehrere Stellen beworben, auch beim Bezirk Oberpfalz. Sie hat ein Vorstellungsgespräch bekommen. Stolperstein begleitet sie dorthin, muss mit der Kamera aber draußen bleiben. Das Gespräch dauert fast eineinhalb Stunden und Marina hat danach ein gutes Gefühl. Jetzt heißt es aber erstmal abwarten. Sechs Wochen später hat Marina Siebert immer noch nichts gehört. Auf andere Bewerbungen hat sie mittlerweile Absagen bekommen.

"Man kann nicht gleich immer die Riesenschritte erwarten, das habe ich auch gelernt. Man kann Karriere nicht auf einmal machen, sondern es geht immer in kleinen Schritten vorwärts - und irgendwann ist man auch am Ziel."

Marina Siebert

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Danyela Demir

Danyela Demir hat auch gerade ihr Studium abgeschlossen. Sie hat Anglistik, Romanistik und Spanische Literaturwissenschaft in Augsburg studiert.  Bücher waren schon immer ihre große Leidenschaft. Doch Danyela Demir kann Bücher nicht einfach aufschlagen und lesen, sie ist blind. Dennoch will sie an der Universität Karriere machen: ihre Doktorarbeit schreiben, forschen, Studenten unterrichten. Doch schafft sie das als Blinde? Bekommt sie eine Chance? Und: Würden die Studenten sie akzeptieren?

Danyela beißt sich durch

Danyelas Eltern kommen aus Aramäa, einem Gebiet im Südosten der Türkei. Doch Danyela wird in Augsburg geboren, fast blind. Anfangs kann sie noch Farben und Umrisse erkennen, hell und dunkel unterscheiden. Mit 12 Jahren verliert sie ihr Augenlicht durch eine bedrohliche Entzündung ganz. Sie macht den Realschulabschluss an einer Blindenschule und will dann auf ein Gymnasium. Doch kein Augsburger Gymnasium will sie aufnehmen. In München klappt  es schließlich. Jeden Tag nimmt sie den weiten Schulweg auf sich. Danyela macht das Abitur und fängt danach an zu studieren.

"Es ist schon sehr zeitaufwendig"

Als Danyela Demir ihr Studium beginnt, ist die Uni noch nicht auf Blinde vorbereitet. Sie hat es anfangs nicht leicht. Doch mittlerweile gibt es einen speziellen Arbeitsplatz in der Bibliothek. Hier verbringt Danyela besonders viel Zeit. Um ein Buch lesen zu können, muss sie jede Seite einzeln einscannen. Den Computer und den Scanner bedient sie mit einem Sprachprogramm. Nachdem das Buch gescannt ist, kann sie es mit der Blindenzeile ihres Computers lesen.

"Es ist sehr stressig, wenn man noch zehn Bücher lesen muss, man hat aber noch zwanzig da liegen, die man einscannen muss. Das kommt ab und zu schon mal vor. Das nervt sehr."

Danyela Demir

Der erste Lehrauftrag

Danyela Demir ist ihrem Ziel, an der Uni zu unterrichten, ein Stück weitergekommen. Thomas Stauder, der Leiter des Instituts für Romanistik, kennt Danyela noch aus Studienzeiten. Er hat ihr einen Lehrauftrag für ein Seminar gegeben.

"In den Prüfungen war sie überdurchschnittlich, das war schon die prinzipielle Voraussetzung, ihr den Lehrauftrag zu geben. Es hat mich schon beeindruckt, dass sie besser war als die meisten sehenden Studenten."

Dr. Thomas Stauder

Ihren Lebensunterhalt wird sie mit dem Seminar nicht finanzieren können, aber sie kann erproben, ob ihr das Unterrichten liegt  und wie sie bei den Studenten ankommt. Zwei Wochen später hat sie ihre erste Stunde. Stolperstein begleitet sie mit der Kamera. Es ist ein kleiner Kurs, gerade richtig für den Anfang.

"Ich hatte einen ganz guten Eindruck. Von der Struktur, vom Aufbau her, das Referat war sowieso gut. Ich hab auch das Gefühl, dass die Studenten mich fragen können, wenn sie was nicht verstehen. Das ist mir sehr wichtig, dass da eine gute Kommunikation ist. Ich habe das Gefühl, dass es eine sehr gute Atmosphäre ist und die Studenten mich akzeptieren."

Danyela Demir

"Es wird schwierig"

Jetzt will Danyela ihre Doktorarbeit schreiben, eine Betreuerin hat sie gefunden. Wenn sie den Doktortitel bekommt, wird sie sich irgendwo auf eine Stelle an einer deutschen Universität bewerben.

"Wenn ich in die Zukunft schaue, weiß ich schon, dass es sehr schwierig sein kann. Stellen fallen nicht vom Himmel. Das weiß ich, da bin ich sehr realistisch. Aber ich glaube daran, dass es irgendwie klappen wird. Ich denke, wenn man nicht an sich glaubt und nicht positiv denkt, dann braucht man nicht weiterzumachen."

Danyela Demir

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Dr. Oliver Semler

Oliver Semler kommt schon mit Brüchen auf die Welt. Insgesamt hat er 30 Brüche in seiner Kindheit. Er hat Osteogenesis Imperfecta, die sogenannte Glasknochenkrankheit. Das bedeutet, die Knochen sind vor allem im Kindesalter ungewöhnlich brüchig. Als Kind ist er oft im Krankenhaus, er erlebt die Medizin als etwas sehr Positives und beschließt schon mit zehn Jahren, Arzt zu werden. Mittlerweile ist er 36 Jahre alt und arbeitet als Kinderarzt in der Uniklinik Köln. Doch ein behinderter Arzt, der gerade mal 1,40 m groß ist? Kann er das Gleiche leisten wie seine Kollegen? Und akzeptieren ihn die Patienten?

"Mami, wie sieht der denn aus?"

Oliver Semler fällt in der Klinik auf. "Schau mal, der kleine Mann da". "Mami, wie sieht der denn aus?" Solche Reaktionen hört er immer wieder.

"Das ärgert mich nicht. Solche Reaktionen von Kindern sind etwas völlig Normales und auch in keiner Weise wertend. Ein bisschen ärgert es mich, wenn die Eltern den Kindern zuzischen: „ Psst, so etwas sagt man doch nicht.“ Da merkt man schon, welche Unsicherheit die Eltern mit einem behinderten Arzt haben."

Oliver Semler

Auch von Seiten der Kollegen gibt es Berührungsängste. Kommen neue Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger oder Zivis auf die Station, ist die Unsicherheit groß. Oliver Semler wird nie gefragt, was er hat und wie er damit klar kommt. Er geht von sich aus auf die Leute zu, klärt auf und nimmt  ihnen die Berührungsängste.

"Ich glaube, dass es für die Patienten und die Eltern eine sehr große Rolle spielt, und es spielt auch ein bisschen für die jungen Kollegen unter uns, die die Krankheit nicht so kennen, eine Rolle - zu sehen, wie Herr Semler hier arbeitet und das dann auch auf die Patienten zu projizieren, die die Erkrankung haben."

Dr. med Friederike Körber, Radiologin Kinderklinik Köln

Der einzige Arzt mit Glasknochen, der sie auch behandelt

Am Anfang arbeitet Oliver Semler auf einer Kinderkrebsstation im Saarland, dann wechselt er zur Uniklinik Köln. Hier baut er eine Ambulanz für Kinder mit Glasknochen mit auf. Weltweit ist er der einzige Arzt mit dieser Behinderung, der sie gleichzeitig auch behandelt.

Kinder und Eltern sehen, dass auch mit Glasknochen ein normales Leben möglich ist. Oliver Semler vermittelt den Eltern, dass sie ihre Kinder fördern und nicht ständig in „Watte packen“. Er behandelt Kinder aus ganz Deutschland. Sein Ziel ist es, mit speziellen Therapien die Knochen stabiler werden zu lassen. Die Kinder mit Glasknochen müssen bis zum Ende der Pubertät gut betreut werden, erst dann wird das Risiko der Brüche geringer.

Oliver Semler sucht die Herausforderung

Trotz des Handicaps hat Oliver Semler in seinem Beruf immer wieder besondere Herausforderungen gesucht. 2009 hat er vier Monate in Kanada geforscht, zuvor hat er als Arzt im Praktikum, oft unter schwierigen Bedingungen, in Südafrika und Australien gearbeitet. Er kann alle ärztlichen Aufgaben problemlos erfüllen. Nur bei ein paar Kleinigkeiten braucht er ein wenig Hilfe.

"Wenn es zum Beispiel darum geht, einen sehr großen, schweren Patienten vom Rollstuhl auf die Untersuchungsliege zu heben - das sind so Dinge, wo ich Unterstützung brauche."

Oliver Semler

Ein anderes Problem: Die Kinderklinik verteilt sich auf vier Gebäude. Beim Nachtdienst müssen die Ärzte möglichst schnell von A nach B. Oliver Semler ist für solche Fälle nicht einsetzbar, er könnte zu langsam sein.

"Die Forschung muss vorangetrieben werden"

Oliver Semler arbeitet oft auch nach Dienstschluss weiter. Sein Ziel ist es, die  Glasknochenkrankheit weiter zu erforschen.

"Für die Erforschung einer Erkrankung wie der Glasknochenkrankheit ist es einfach wichtig, dass Ärzte sich dafür begeistern. Das ist etwas, wofür man sich interessieren muss,  wo man dran bleiben muss. Weltweit gibt es wirklich nur einige wenige Ärzte, die daran forschen."

Oliver Semmler

Oliver Semler ist einer von ihnen. Als nächstes will er die Betreuung an der Uniklinik  noch weiter ausbauen, auch Erwachsene sollen behandelt werden. Er ist dort angekommen, wo er schon als Kind sein wollte. Oliver Semler hat immer mehr körperliche und psychische Kraft gebraucht, aber hat es trotz Handicap geschafft und sitzt heute genau an der richtigen Stelle.


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