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Übersetzen als Beruf Taube Dolmetscher

Taube Dolmetscher – geht das? Was vor zehn Jahren noch unvorstellbar war, wird langsam selbstverständlicher: 2010 haben die ersten Tauben Dolmetscher ihr weiterbildendes Studium am Institut für Gebärdensprache in Hamburg absolviert. Wie sieht ihr Arbeitsalltag heute aus und in welchen Bereichen werden sie eingesetzt?

Stand: 12.10.2017

Rafael-Evitan Grombelka liegt das Übersetzen. Er trifft gerne neue Menschen und dolmetscht für Gehörlose aus anderen Ländern. Nach einiger Überlegung entschloss er sich, die Ausbildung an der Universität in Hamburg zu machen. Katja Fischer war bereits Dozentin an der Hochschule Magdeburg in der Dolmetscherausbildung, als sie sich in Hamburg einschrieb. Christine Weinmeister arbeitete schon länger als Dolmetscherin und Übersetzerin, wollte aber mit der Uni-Ausbildung ihre Arbeit professionalisieren und einen offiziellen Titel erreichen.

Einsatzbereiche

Trauung mit Dolmetscher-Einsatz

Taube Dolmetscher kommen bei verschiedensten Anlässen zum Einsatz: bei internationalen Kongressen, bei Behördengängen für Gehörlose mit Migrationshintergrund, vor Gericht oder bei der Polizei, aber auch bei privaten Anlässen wie etwa standesamtliche Hochzeiten. Auch im Bereich Medien oder für Textübersetzungen werden die Dienste der tauben Dolmetscher sehr häufig in Anspruch genommen – derzeit ihr größtes Einsatzgebiet. Gemischte Teams aus tauben und hörenden Dolmetschern sind auftragsabhängig noch eher selten, aus Kundensicht aber eine tolle Erfahrung.

Bedarf und Nachfrage

Doch wie  ist die Auftragslage von tauben Dolmetschern? Der Bedarf ist groß. Wäre groß - muss man wohl sagen, denn die Einsätze werden von den Kostenträgern häufig nicht finanziert. Im medizinischen Bereich werden die Dolmetscher von den Krankenkassen bezahlt, was im Normalfall gut funktioniert. Es ist die Doppelbesetzung, die bei der Kostenübernahme oft Probleme verursacht. Komplett selbst bezahlt werden müssen Dolmetscher bei privaten Feiern.  In einer Umfrage unter hörenden und tauben Gebärdendolmetschern sowie deren Kunden, ausgeführt vom  Kompetenzzentrum für Gebärdensprache und Gestik in Aachen (SignGes), stellte sich heraus, dass hörende Dolmetscher im Schnitt 21 Stunden pro Woche arbeiten. Taube Dolmetscher sind hingegen nur 5 Stunden pro Monat beschäftigt. Davon kann natürlich keiner leben.

"Der Einsatz von tauben Dolmetschern ist noch nicht so verbreitet, das wird sich mit der Zeit noch entwickeln. Im Moment arbeiten sie hauptsächlich nebenberuflich. Ich denke das wird sich noch verändern und in Zukunft werden auch taube Dolmetscher mehr Stunden arbeiten als jetzt."

Ege Karar, Dolmetscher und Wissenschaftler

Qualifikation und Teamarbeit

Eine Umfrage des Kompetenzzentrum für Gebärdensprache und Gestik SignGes (RWTH Aachen) hat 2016 u.a. gezeigt, dass die Teamarbeit von tauben und hörenden Dolmetschern noch nicht richtig funktioniert. Das liegt auch am unterschiedlichen Aufbau der Ausbildungen. Hörende Gebärdensprachdolmetscher absolvieren ein vierjähriges Vollzeitstudium. Taube Dolmetscher absolvieren eine berufsbegleitende zweijährige Weiterbildung mit Wochenend- und Blockseminaren. Zwei ganz unterschiedliche Modelle.

Ergebnisse der Umfrage „Gebärdensprachdolmetscher“ des Kompetenzzentrums für Gebärdensprache und Gestik SignGes (RWTH Aachen) von 2016

Wer wurde befragt?

Insgesamt haben an der Umfrage rund 220 hörende Gebärdensprachdolmetscher und 12 taube Dolmetscher teilgenommen. Außerdem wurden 249 Kunden befragt.

Welche Abschlüsse haben die tauben Dolmetscher?

73 % der befragten tauben Dolmetscher haben Abitur oder Fachabitur.
Zwei Drittel haben bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung.
Einige von ihnen haben studiert.
45% der Absolventen haben nach dem weiterbildenden Studium auch die staatliche Prüfung gemacht.

In welchen Bereichen werden Taube Dolmetscher eingesetzt?

Am häufigsten sind taube Dolmetscher im Bereich „Medien“ im Einsatz, z.B. Videoproduktionen.
Das zweite Tätigkeitsfeld ist bei Behörden, z.B. für Migranten, die kein Deutsch verstehen.
Ein weiterer Bereich ist bei Gericht.
Und natürlich das Übersetzen von Texten in Gebärdensprache.  

Thomas Zander im Gespräch mit Prof. Dr. Christian Rathmann

2008 wurde der weiterbildende Studiengang zum Tauben Gebärdensprachdolmetscher von Prof. Dr. Christian Rathmann entwickelt. Wie war die Motivation damals und was hat sich bis heute verändert?

Ein Blick zu den Nachbarn: Finnland

Aus Finnland kam vor wenigen Tagen eine aus Sicht der Taubengemeinschaft alarmierende Nachricht: Ab 2018 stellt die finnische Sozialversicherung die Kostenübernahme für taube Dolmetscher ein. Damit entfällt für taube Dolmetscher die berufliche Perspektive. Trotz massiver Proteste hält die finnische Regierung an ihrer Reform fest, nur noch die Kosten für staatlich zugelassene Dolmetscher zu tragen, die in einem Ausschreibungsverfahren für vier Jahre ermittelt wurden.

Wünsche für die Zukunft

Katja Fischer

„Ich wünsche mir für die Zukunft, dass taube Dolmetscher ganz selbstverständlich eingesetzt werden. Es werden immer mehr, aber von einer flächendeckenden Verbreitung kann man noch nicht sprechen. Außerdem wünsche ich mir, dass die Gebärdensprachgemeinschaft taube Dolmetscher einfordert und die hörenden Dolmetscher sie für gemeinsame Termine ganz selbstverständlich anfragen. Bei diesen beiden Punkten besteht noch Verbesserungsbedarf.“

Christine Weinmeister 

„Mir ist die Weiterbildung von uns tauben Dolmetschern sehr wichtig. Nur weil wir taub sind, heißt das nicht, dass wir schon alles können. Auch wir müssen uns kontinuierlich weiterbilden. Das ist sehr wichtig auch im Hinblick auf die Qualität. Es gibt ständig neue Erkenntnisse und Entwicklungen, da dürfen wir nicht stehen bleiben.“

Rafael-Evitan Grombelka

„Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die tauben Gebärdensprachdolmetscher in Deutschland selbstverständlich werden. Ich wünsche mir, dass taube und hörende Dolmetscher nicht zwei Gruppen sind, so wie jetzt, sondern zu einer Gruppe zusammenwachsen. Außerdem hoffe ich, dass die Gebärdensprachgemeinschaft versteht, was taube Dolmetscher sind und warum wir sie brauchen.“


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