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Frühkindlicher Spracherwerb Gehörlose Kinder - hörende Eltern

Experten betonen immer wieder: Für die optimale Entwicklung eines Kindes ist es wichtig, möglichst früh mindestens eine Sprache vollständig zu begreifen. Aber: 90 % aller hörgeschädigten Kinder haben hörende Eltern. Die meisten von ihnen können bei der Geburt ihrer Kinder keine Gebärdensprache …

Stand: 24.02.2016

Frühkindlicher Spracherwerb | Bild: BR

Sprache ist das wichtigste Mittel zur Verständigung und für die gesamte Entwicklung von hoher Bedeutung. Sie ist der Weg zur Welt. Bei gehörlosen Kindern gehörloser Eltern ist das unproblematisch: In diesen Familien ist selbstverständlich die Gebärdensprache die Erst- oder Muttersprache.  Aber wie ist das bei gehörlosen Kindern hörender Eltern? Wie kann es in diesen Familien gelingen, einen vollständigen Spracherwerb und erfolgreiche Kommunikation zu organisieren?

Ein Beispiel

Claudia und Hendrik Witt haben drei Kinder – die beiden Söhne sind gehörlos bzw. stark schwerhörig, die Tochter ist wie die Eltern hörend. Irgendwann stand der Entschluss der Eltern fest:  Sie wollten „ein Kind nicht reparieren“, entschieden sich somit gegen ein Cochlea Implantat, haben Gebärdensprachkurse besucht und nutzten fortan DGS als gemeinsames Kommunikationsmittel in der Familie. Doch der Weg dahin war steinig: Die Eltern waren zunächst überfordert, beherrschten die Gebärdensprache nicht, Auseinandersetzungen mit Institutionen folgten, es kam zum Burnout des Vaters und schließlich zu einem Umzug der kompletten Familie in ein anderes Bundesland.

Und wie stehen die Witts heute da? Ihr ältester Sohn Max trägt Hörgeräte und besucht eine Schwerhörigenschule, in der er vor allem lautsprachlich unterrichtet wird. Er will gerne zu den hörenden Kindern gehören und kämpft sehr hart für dieses Ziel. Der kleinere Bruder Elias besucht an der gleichen Schule eine Gehörlosenklasse, in der die Lehrer gebärden. Er selbst trägt mittlerweile ein Cochlea Implantat, weil er es unbedingt wollte. Darüber ist er sehr glücklich. Die hörende Schwester Hannah wächst zweisprachig auf. Die Eltern haben mittlerweile drei Jahre lang DGS-Kurse besucht und unterrichten mittlerweile selbst. Heute geht es der Familie wieder gut -  „100 % besser als noch vor 2, 3 Jahren“, sagen die Eltern.

Und was sagt die Wissenschaft dazu?

Dr. Claudia Becker

Dr. Claudia Becker, Professorin für Gebärdensprachpädagogik am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt- Universität Berlin kennt die Herausforderungen für den Spracherwerb.  Sie setzt auf bilinguale Sprachbildung bei hörgeschädigten Kindern – die ist in der UN-Behindertenrechtskonvention auch längst anerkannt und viele Experten fordern schon lange die Zweisprachigkeit für Kinder mit Hörbehinderung. Doch: 80% aller Einrichtungen für „Hörgeschädigte“ in Deutschland bieten keine gebärdensprachliche Förderung an.

Die wichtigsten Feststellungen von Dr. Claudia Becker

Gehörlose Kinder gehörloser Eltern haben mit der Gebärdensprache eine vollständige Erstsprache und so ist ihre Entwicklung mit hörenden Kindern hörender Eltern vergleichbar.

Wenn ein Kind bis zum 3./4. Lebensjahr durch eine Hörschädigung weder  Lautsprache versteht noch in Gebärdensprache kommuniziert, kann das eine Verzögerung der Sprachentwicklung zur Folge haben. 

Ohne gemeinsame Sprache ist der Erziehungsstil der Eltern oft direktiver, Erklärungen von Verboten aber auch Lob fallen häufig weg. Letztlich ist deshalb eine gelingende Kommunikation eine wichtige Basis für die Entwicklung von Selbstbewusstsein.

Ebenfalls gut für das Selbstbewusstsein des Kindes ist es, wenn die hörenden Eltern die Gebärdensprache erlernen. Das signalisiert: Wir sind bereit, gemeinsam mit dir Barrieren aus dem Weg zu räumen.

Bei CI-Kindern hörender Eltern kann der Erstspracherwerb mehr Zeit in Anspruch nehmen, bzw. rund die Hälfte der Kinder weisen starke Sprachentwicklungsstörungen auf.

Wichtig: Auch wenn das Kind eine CI-Operation bekommt, muss schon zuvor schnell eine gute Kommunikationsbasis geschaffen werden – auf die einsetzende Lautsprachentwicklung zu warten ist dabei nicht angezeigt.

Einzig auf die Lautsprache zu setzen und sich dabei auf die neuesten technologischen Fortschritte zu stützen, hieße eine Wette um die Zukunft des Kindes einzugehen.

Bester Weg: eine bilinguale Förderung des Kindes, d.h. ein Nebeneinander von laut- und gebärdensprachlicher Förderung.  Das ist wie bei hörenden Kindern, die bilingual aufwachsen – auch sie haben später sprachliche Vorteile.

Bei hörgeschädigten Kinder ist die bilinguale Frühförderung zudem wie ein Sicherheitsnetz für den Erstspracherwerb.

Ein früher Zugang zur Gebärdensprache stört auch den Erwerb der Lautsprache als zweite Erst- oder als Zweitsprache nach CI-Versorgung nicht, sondern kann ihn sogar unterstützen.

"Ich wurde nach der Diagnose immer damit konfrontiert, es gibt zwei Welten: es gibt die Welt der Hörenden und es gibt die Welt der Gehörlosen und – es wurde nicht so deutlich gesagt, aber schon in die Richtung, dass man sich vielleicht entscheiden muss, zu welcher Welt man dazu gehört. Ich finde, mein Sohn soll sich überhaupt nicht entscheiden müssen, weil es gibt eigentlich für ihn nicht zwei Welten. Es gibt eine Welt, das ist seine Welt und er ist gehörlos mit CI und das ist einfach seine Welt. Und er soll die Möglichkeit haben, sowohl mit Hörenden als auch mit Gehörlosen zu kommunizieren und dazu gehört natürlich auch die Gebärdensprache."

Bettina Kurth


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