BR Fernsehen - Sehen statt Hören


16

„Totenstille“ Gehörlos im Tatort

Wenn sich hörende Filmemacher in der Welt der Gehörlosen bewegen, dann übernehmen fast immer Hörende die Rollen Gehörloser. Nicht so beim Tatort: Hier werden in einer neuen Folge alle gehörlosen Rollen wirklich von gehörlosen Darstellern gespielt. Auch die Hauptrolle. Gedreht wird in Saarbrücken – und „Sehen statt Hören“ war dabei.

Stand: 12.10.2015

Tatort Vorspann | Bild: ARD

Benjamin Piwko, Kassandra Wedel und Jessica Jaksa spielen im Saarbrücker Tatort mit. Doch wie hat ihre Zusammenarbeit mit der sonst hörenden Crew am Filmset funktioniert? Klar habe es Schwierigkeiten in der Kommunikation gegeben – doch dank einer Dolmetscherin mussten die Schauspieler nicht ständig von den Lippen ablesen, sondern konnten sich voll und ganz auf ihre Rollen konzentrieren, berichtet Benjamin Piwko.

Diskussionsbedarf

Am Set

Dafür sorgten andere Dinge für Diskussionsbedarf: So gab es Passagen, die textlich geändert werden mussten, da man sie nicht 1:1 in Gebärdensprache umsetzen konnte. Und auch sonst stellte sich die Crew des Tatorts noch vor Drehbeginn eine gehörlose Beraterin zur Seite: Die Bloggerin Julia Probst versuchte, dem hörenden Team die Tür in die Gehörlosenwelt zu öffnen. Dabei war ihr vor allem die Vielfältigkeit wichtig – und sie plädierte vehement dafür, dass „echte“ Gehörlose die Rollen spielen. Was dann auch umgesetzt wurde.

Julia Probst

"Bei dem Film „Verstehen Sie die Béliers?“ wurden zwei Hauptrollen – die des Vaters und der Mutter - von Hörenden gespielt. Ich habe mich sehr darüber gewundert und dachte mir: „Hallo, in Frankreich gibt es so gute Schauspieler, wie Emmanuelle Laborit zum Beispiel. Sie hätte das super gespielt. Warum hat man nicht sie genommen?! Mich regt es auf, dass hörende Schauspieler gehörlosen Schauspielern die Rollen wegnehmen. Sie haben auch ein Recht darauf. Wir haben in der Gehörlosenwelt viele gute Schauspieler. Sie sollten auch die Chance haben."

Julia Probst

Keine Übersetzung

Das wirklich Besondere an diesem Tatort ist aber, dass die Gebärdensprache nicht untertitelt oder anderweitig übersetzt wird. Denn Christian Bauer, verantwortlicher Redakteur beim Saarländischen Rundfunk, will eines: Einen Film über die Kommunikation der zwei Welten drehen. Wenn ein hörender Tatort-Zuseher  den Inhalt der Unterhaltung genau wissen will, muss er sich eben die Untertitel über den Videotext  dazuschalten.

Christain Bauer mit Dolmetscherin

"Ich möchte nicht, wenn gebärdet wird, dass die Blicke des hörenden Zuschauers auf den Boden des Bildes gehen und man nicht mehr auf den Gebärden ist. Das heißt, ich will, dass das hörende Publikum die Gebärden auch wirklich sieht und deshalb werden wir nicht voicen und wir werden nicht untertiteln, sondern wir werden über kleine Text-Einblendungen Hinweise darauf  geben, worum es geht, und ansonsten ist es einfach mal umgekehrt: da sind die gehörlosen Zuschauer einfach im Vorteil und verstehen mehr."

Christian Bauer

Fragen an die drei gehörlosen SchauspielerInnen

Gab es denn irgendeine ungewöhnliche oder lustige Situation, wo vielleicht Missverständnisse passiert sind?

„Natürlich. Es gab eine Spielszene, bei der ich mich in einer Ecke am Boden zusammenkrümmen, traurig und zornig sein sollte. Ich sollte mich richtig in die Ecke drücken. Dann wurden die Aufnahmen gestoppt. Das habe ich aber nicht mitbekommen und hockte weiter angespannt in der Ecke. Keiner gab mir Bescheid. Alle quatschten schon fröhlich weiter und vergaßen mich. Sie fragten sich, warum ich noch weiter in meiner Position ausharrte. Ich konnte ja nicht nach hinten sehen. Irgendwann berührte mich jemand und sagte „fertig, Entschuldigung“. Alle lachten darüber und ich dachte „Mensch, ich habe gerade meine ganze Energie da reingesetzt“. Das war schon lustig als das passiert ist.“ Benjamin Piwko

Du spielst ja als gehörlose Schauspielerin bei einem Tatort mit. Glaubst Du, dass die Hörenden dadurch einen besseren Einblick in die Welt der Gehörlosen bekommen?

„Für mich ist es natürlich eine tolle Chance, zu zeigen, dass man als Gehörlose schauspielern kann und selbst die Rollen spielen kann und dass nicht immer Hörende die Rollen kriegen. Ich denke, es ist wichtig, dass die Gesellschaft ihren Blick erweitert und sieht, dass wir schauspielern können und nicht nur das, sondern dass wir auch vieles mehr machen können. So sollen Gehörlose mehr wertgeschätzt und gleichberechtigt werden. Ich habe das Gefühl, es verändert sich auch schon. Es ist wie eine Evolution. Ja, ich glaube das wird kommen.“ Kassandra Wedel

Ist es für Gehörlose leichter, ihre Gestik und Mimik im Schauspiel einzusetzen?

„Ja, ich glaube schon, dass es für Gehörlose einfacher ist, sich über Mimik auszudrücken. Bei Hörenden ist es oft so, dass sie eine neutrale Mimik haben. Da sind Gehörlose viel ausdrucksstärker. Ich glaube nur, dass sich Gehörlose beim Drehen mehr zurückhalten müssen, dass die Mimik nicht zu stark ist, sondern eher so wie im Alltag. [...] Das muss etwas dezenter sein.“ Jessica Jaksa

„Totenstille“ ist bislang der Arbeitstitel für diesen Tatort. Sendetermin wird voraussichtlich der 24. Januar 2016 – natürlich im Ersten Programm.


16