BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Hör- und Sehschädigung Taubblindheit

In Deutschland leben schätzungsweise 2.500  bis 6.000 Menschen, die stark hör- und sehgeschädigt sind – also taubblind. Sehen statt Hören will mehr über ihre Lebenssituation erfahren.

Stand: 22.03.2017

Ausbildung der Assistenten | Bild: BR

Inna Shevchuk ist 49 Jahre alt, gebürtige Ukrainerin, 2004 nach Deutschland gekommen – und sie ist neben ihrer Gehörlosigkeit stark sehbehindert.

Gehörlos wurde sie aufgrund eines Antibiotikums im Alter von sechs Monaten, ihre Sehbehinderung wurde erst im Kindergarten bemerkt. In der Dunkelheit sieht sie gar nichts. In ihrer Wohnung kommt  Inna Shevchuk  gut alleine zurecht. Doch sobald sie außerhalb ihrer vier Wände den Alltag bewältigen muss, ist sie auf Begleitung angewiesen.

Dafür gibt es Assistenten, die extra für die Bedürfnisse Taubblinder ausgebildet sind. Seit 2008 werden in Recklinghausen Taubblinden-Assistenten geschult. Mit dabei sind Hörende und Gehörlose. Die angehenden Assistenten lernen zum Beispiel, wie sie mit Taubblinden kommunizieren können. Der Hilfebedarf der einzelnen Taubblinden ist jedoch sehr unterschiedlich und so individuell, dass die Assistenz von Fall zu Fall neu konzipiert werden muss.

Rechtlicher Anspruch mit deutlichen Defiziten

Taubblinde haben einen rechtlichen Anspruch auf Assistenten: Bereits 2004 erklärte das Europäische Parlament, dass taubblinde Menschen dieselben Rechte wie alle EU-Bürger haben. In Europa sind geschätzt  etwa 150.000 Menschen betroffen. Trotzdem haben taubblinde Menschen in Deutschland noch ein großes Problem: Taubblindheit ist hier nicht als eigenständige Behinderung anerkannt – es gibt es kein eigenes Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis. Ein weiteres Problem liegt darin, dass der Bedarf an Assistenz-Stunden für Taubblinde in den Bewilligungsbescheiden häufig nicht angemessen zugesprochen wird.

Mangel an Assistenten

Nach wie vor gibt es zu wenig Taubblinden-Assistenten, der Beruf ist bislang nicht anerkannt und  so werden Assistenzleistungen  in vielen Ländern nicht von den Krankenkassen bezahlt. Viele Assistenten arbeiten deshalb ehrenamtlich. Und so gibt es immer wieder Situationen, in denen den Taubblinden kein Assistent zur Verfügung steht. Die Konsequenz daraus: Sie müssen zuhause bleiben und fühlen sich isoliert.

Demonstration

All diese Defizite haben die Taubblinden veranlasst für ihre Rechte in Berlin zu demonstrieren – Sehen statt Hören war vor Ort. Im Studio trifft Moderator Jürgen Stachlewitz Irmgard Reichstein von der „Stiftung taubblind leben“, die sehr anschaulich beschreibt,  wo es bei der Umsetzung dieser Rechte derzeit noch hakt und wie das Leben vieler Taubblinder in Deutschland aussieht.

"Ich fühle mich zu Hause gefangen und bin nervös. Wenn ich raus will, muss mich eine Assistenz begleiten. Ohne geht es nicht. Ich würde sonst auf Barrieren stoßen und könnte mich nicht frei bewegen. Würde ich in der Stadt alleine unterwegs sein, hätte ich Angst, würde mich nicht zurechtfinden; und dann dieser Autoverkehr oder wenn Blaulichter vorbeifahren. Das alles ist zu viel für mich und gefährlich. Wenn ich eine Assistenz an meiner Seite habe, bin ich viel ruhiger und alles ist normal. Die Assistenz übernimmt für mich das Sehen und so komme ich da hin, wo ich will und kann alles erledigen."

Inna Shevchuk

Nachtrag

Bis heute gibt es kein Merkzeichen "tbl" - trotzdem sich alle Beteiligten über die Notwendigkeit einig sind, wird die Einführung des Merkzeichens frühestens für 2015 in Aussicht gestellt.


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