BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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In der Mitte der Gesellschaft? Zum „Internationalen Tag der Gehörlosen“

Eine Gesellschaft, die Inklusion lebt, muss den Mut haben, über neue Lebensformen nachzudenken und neue Wege finden, um Menschen zusammenzubringen – egal, ob in Kindergärten, Schulen, am Arbeitsplatz, in den Medien oder im alltäglichen öffentlichen Leben. Es ist für die Gesellschaft nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine große Chance. Was muss also getan werden, damit Hörbehinderte selbstverständlich Teil der Gesellschaft sind?

Stand: 21.09.2016

Hände im Kreis dahinter Himmel  | Bild: colourbox.com

Die Gesellschaft

Wie weit ist die Gesellschaft in Sachen Inklusion? Wie werden Hörbehinderte wahrgenommen? Hier die Meinung und Wahrnehmung unserer Protagonisten:

Zitate zur Gesellschaft

Prof. Dr. Anne Waldschmidt, Universitätsprofessorin für Soziologie und Politik der Rehabilitation „Disability Studies“

„Nicht die Beeinträchtigung an sich ist das Problem, sondern der Umgang mit Beeinträchtigungen und es ist vor allem ist Gesellschaft, die behindert.“

Jenny Sailer, gehörlose Mutter zweier hörender Kinder

„Die Gesellschaft weiß nicht viel über uns Gehörlose. Sie sind zu wenig darüber aufgeklärt oder informiert. Für Hörende ist vieles unbekannt und neu, wenn es zum Beispiel um den Umgang mit Gehörlosen geht oder was Gehörlosenkultur betrifft. Darüber wissen viele nichts.“

Andre Sailer, gehörloser Vater zweier hörender Kinder

„Hörende haben einen Blick auf uns, der oft mit Mitleid verbunden ist. Das ist ganz typisch. Es gibt auch welche, die etwas über uns wissen und unsere Situation kennen. Aber meistens ist es das Mitleid.“

Caroline Link, Regisseurin

„Die Gehörlosen und deren Kultur müssten sich in unsere Gesellschaft selbstverständlich einbringen. Und ich glaube, dass gehörlose Personen in einem gewissem Maße es auch selber tun müssten. Ich glaube nicht, dass da irgendeine Broschüre vom Gesundheitsamt oder so was wesentlich beiträgt. Also ich würde gar nicht so gerne von einer Behinderung sprechen. Ich würde mir wünschen, dass es immer mehr gehörlose Menschen gibt, die an sich als Personen, sich so ins Leben drängen, in unsere Welt drängen, dass man an sie nicht mehr vorbeikommt. Also dass man sie sozusagen in normalen Berufen, im Alltag als selbstverständlich wahrnimmt.“

Hubert Hüppe, Politiker, ehemals Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

„Wir haben - leider gilt das nicht nur für die Gruppe von Menschen mit Behinderung - ein sehr getrenntes System. Auch ein sehr teures System im Übrigen für Menschen mit Behinderungen. Aber dieses Sondersystem bleibt ein Sondersystem und führt oft dazu, dass Menschen ausgesondert bleiben in dieser Gesellschaft. Das Prinzip der Inklusion ist, dass die Unterstützung dem Menschen folgt. Und dass der Mensch nicht dieser Unterstützung folgen muss und dadurch von Anderen getrennt wird. Also nicht er muss dem nachrennen, sondern eigentlich muss die Unterstützung dem Menschen folgen. Und das Prinzip ist längst noch nicht im Kopf.“

Die Bildung

Inklusion in Kindergärten und Schulen ist ein großes Thema. Ganz gleich, ob ein Kind hörend, gehörlos, schwerhörig oder CI-Träger ist – alle sollen einen Weg der gemeinsamen Kommunikation finden und ganz selbstverständlich den sozialen Umgang miteinander lernen. Nur: Wie sieht es in der Realität aus?

Zitate zur Bildung

Juliane Nicklisch, Erzieherin in der inklusiven Kindertagesstätte Sinneswandel in Berlin

„Normalerweise wird ja immer unterteilt in Kindergärten oder Schulen für Schwerhörige, Hörende, Gehörlose oder auch Mehrfachbehinderte. In unsere Einrichtung – so habe ich das Gefühl -  kann jeder kommen und das Zusammensein klappt.“

Hubert Hüppe, Politiker, ehemals Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

„Wir haben seit der UN-Behindertenrechtskonvention den Anspruch, dass Menschen mit Behinderungen auch gehörlose Menschen überall teilnehmen können. Also dass sie auch in Regelschulen gehen dürfen, dass sie auch an Regel-Unis gehen dürfen, dass sie natürlich auch möglichst in den ersten Arbeitsmarkt gelangen. Und deswegen ist es auch notwendig eben das, was dafür notwendig ist, zur Verfügung zu stellen.“

Prof. Dr. Anne Waldschmidt, Universitätsprofessorin für Soziologie und Politik der Rehabilitation „Disability Studies“

„Die UN-Konvention legt darauf Wert, dass die Menschen mit Behinderung die Experten sein sollen. Und außerdem legt sie ihren Finger sozusagen in die wunde Stelle des deutschen Umgangs mit behinderten Menschen - insofern, als Deutschland in der Vergangenheit dazu geneigt hat, soziale Sicherheit, Unterstützung, Bildung unter der Bedingung von Segregation, also besonderen Einrichtungen, zu bieten. Also der ausgrenzende Ansatz, Sondereinrichtungen zu schaffen, ist ein sehr spezifisch deutscher.“

Die Arbeitswelt

Für den Arbeitsbereich gibt es verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten, auf die Hörbehinderte zurückgreifen können: Dolmetscher, Arbeitsassistenz, Telefonvermittlungsdienste usw.. Doch auch hier muss noch viel getan werden, bis Gehörlose die gleichen beruflichen Chancen haben wie ihre Kollegen.

Zitate zur Arbeitswelt

Andre Sailer, gehörloser Vater zweier Kinder

„Nach meiner abgeschlossen Ausbildung war es schwierig, einen Job zu bekommen. Ich habe so viele Bewerbungen geschrieben, wurde aber ständig abgelehnt. Zwar hatte ich einige Vorstellungsgespräche, aber nie klappte es. Also war ich gezwungen, mich weiterzubilden und kleine Umwege zu gehen. Bis ich endlich einen richtigen Arbeitsplatz bekam, hat es über zwei, drei Jahre gedauert. Bevor Gehörlose in die Arbeitswelt eintreten, sind sie in der Gehörlosenschule und können ohne Probleme miteinander kommunizieren. Dann müssen sie sich in der Welt der Hörenden immer wieder erklären. Gehörlosigkeit ist nicht selbstverständlich. Es braucht also viel Zeit, darüber aufzuklären, bis Kollegen verstehen, was Gehörlose brauchen. Das ist enormer Aufwand.“

Dr. Ulrich Hase,  Präsident Deutsche Gesellschaft der Hörgeschädigten - Selbsthilfe und Fachverbände e.V. und  Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung in Schleswig-Holstein

„Ich sehe das Problem, wenn Gehörlose schon einen Beruf haben und dann weiterkommen wollen, sich weiterentwickeln möchten. Ob sie das genauso schaffen wie Hörende, um damit langfristig einen sicheren Job zu haben, also über Fortbildungen, Karrieremöglichkeiten, Aufstiegschancen usw.. Da sind Gehörlose absolut benachteiligt, währenddessen Hörende ihren Weg schneller gehen. Das hat für mich etwas mit Kommunikation zu tun, und zwar einer sehr weitreichenden Kommunikation. Da reichen Dolmetscher für bestimmte Situationen nicht aus.“

Das Privatleben

Was ist mit dem privaten Bereich? Hierfür soll das Bundesteilhabegesetz ein wichtiges Instrument sein. Die Erwartungen und Hoffnungen aller Behinderten sind groß. Und auch die Sorge ist groß, dass das geplante Gesetz nicht so umgesetzt wird, wie anfangs versprochen.

Zitate zum Privatleben

Ludwig Herb, Vertreter der deutschen Gehörlosenjugend, Dozent für die Deutsche Gebärdensprache

„Die Bundesregierung thematisiert zwar das Bundesteilhabegeld, überlegt aber noch, wer zahlen könnte.“

Ottmar Miles-Paul, Aktivist und Publizist, ehemals Landesbeauftragter für die Belange behinderter Menschen in Rheinland-Pfalz

„Wir wollen die 5 Milliarden, die versprochen waren. Und diese 5 Milliarden haben Schäuble, Gabriel und Konsorten uns geklaut. Wir wollen nicht hören, dass kein Geld für die Eingliederungshilfe, für die Unterstützung behinderter Menschen da ist, wenn solche Finanztricks dazu führen, dass wir wieder die Dummen sind. Für ein gutes Bundesteilhabegesetz - darum gilt es zu kämpfen, denn im Herbst soll der Gesetzentwurf  kommen und der muss gut sein.“

Hubert Hüppe, Politiker, ehemals Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

„Ich befürchte eben tatsächlich, dass die Menschen, die gehörlos sind, die großen Verlierer in diesem Prozess sind, weil einfach alle die Kosten scheuen. Und wenn ich jetzt mal sagen darf, mit welchem Elan andere Reformen [...] die wesentlich teurer waren [...] wie schnell das ging und mit welchen Geldsummen das ging, habe ich die Befürchtung, dass man nicht mit demselben Elan dieses Teilhabegesetz nach vorne bringt.“

Verena Bentele,  Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

„Ich bin da schon noch optimistisch, aber natürlich weiß ich auch, dass der Druck deutlich geringer ist auf die handelnden Personen, wenn eben keine 5 Milliarden mehr dranhängen, sondern wenn eben die kommunale Entlastung anders stattfindet. Ich weiß, dass wir natürlich sehr wachsam sein müssen, um nicht ein kleines Gesetzchen anstatt einem großen, guten Gesetz zu bekommen, das den Namen Reform auch verdient hat.“

Die Sprache

Wie sichtbar ist eigentlich Gebärdensprache im Alltag? Wie sieht es im Fernsehen mit Untertitel und Gebärdenspracheinblendungen aus? Welche Rolle spielen Medien bei der Darstellung von Themen rund um Behinderung?

Zitate zur Sprache

Malte Arkona, Fernsehmoderator

„Ich glaube, damit Gehörlose in die Mitte der Gesellschaft rücken, müssen zwei Seiten aufeinander zukommen – und zwar Gehörlose zum einen, aber natürlich auch die Hörenden. Es müssen alle etwas dazu beitragen. Es geht nicht, wenn nur eine Seite etwas tut. Hörende müssen Kurse machen, sich sicherlich etwas mehr interessieren als sie es im Moment tun. Denn in Deutschland werden zwei Sprachen, zwei deutsche Sprachen gesprochen; einmal die mit Ton und einmal die mit Gebärden und Gesten. Ich glaube, das ist den meisten gar nicht bewusst.“

Andreas Unruh               

"Es ist sicherlich ein Traum von allen Gehörlosen, wenn es so etwas wie Normalisierung im Umgang mit Gebärdensprache gäbe. Ich erwarte nicht, dass man perfekt gebärden kann. Es geht darum, sich ein wenig darauf einzustellen und es für selbstverständlich zu halten und vielleicht zumindest ein bisschen gebärden zu können – mehr oder weniger. Aber wichtig ist, dass es als normal erachtet wird. Das ist mein Wunsch. Aber es ist nicht so, dass die Gehörlosen nur darauf warten können. Sie müssen auch selber lernen und etwas dafür tun, mich eingeschlossen. Wir müssen auch aktiv und offen auf Hörende zugehen und in Kontakt treten."

Lutz Marmor, ARD-Koordinator für Barrierefreie Angebote

"Wir haben deutlich aufgeholt. Wir haben begonnen mit Anteilen von unter 50 Prozent. [...] Wir haben im Ersten zugesagt, dass wir alle Erstsendungen im Ersten untertiteln wollen. Es gibt ja auch Wiederholungen. Da wird es Zug um Zug gemacht. Aber bei den Erstsendungen ist es komplett – ich glaube 99 Prozent. (...) Beim NDR haben wir heute 70 Prozent und haben mal angefangen mit ich glaube 35 Prozent; und das in den letzten zwei, drei Jahren. Das sind schon relativ rasche Schritte."

Bernd Schneider, Medienbeauftrager der Deutschen Gesellschaft

"Wir sind mit der Untertitelquote der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sehr zufrieden. Diese ist deutlich nach oben gegangen. Die privaten liegen noch sehr weit zurück. Was die Qualität betrifft, so ist diese deutlich besser, da man sich im April dieses Jahres auf einheitliche Untertitelrichtlinien geeinigt hat. Das freut uns. Allerdings fordern wir zusätzlich 5 % Gebärdenspracheinblendung im Fernsehen. Das entspricht ca. eine Stunde pro Tag."

Lutz Marmor, ARD-Koordinator für Barrierefreie Angebote

"Bei der Gebärdensprache hat es ja zwischenzeitlich – das muss man auch so sagen – einen schlichten, schweren Fehler gegeben, als Phönix mal die Debatte geführt hat, wir schaffen das ab. Glauben Sie mir, ein bisschen haben wir schon auch Einfluss genommen, dass diese Entscheidung zurückgenommen wurde, weil das richtig ist. Hier stellt sich ja aber immer die Frage, wie macht man das, weil das ist ja direkt dann im Bild. Wir schalten den Videotext, den können sie zuschalten oder auch nicht. Und wenn Sie es dann wirklich direkt im Bild haben, muss man überlegen, ist es jetzt wirklich dauerhaft das Mittel der Wahl? Deshalb versuchen wir das ja im Netz zu machen, in der Mediathek. Da gibt es aber welche, die sind damit halt auch nicht zufrieden."

Bernd Schneider, Medienbeauftrager der Deutschen Gesellschaft

"Unsere Forderung nach Gebärdenspracheinblendungen besteht weiter. Die Sender wollen das zunehmend ins Internet verlagern und verstecken. Sie wollen es nicht gerne im Fernsehen zeigen. Warum, wissen wir nicht. Da müssen wir sie noch überzeugen, dass Gehörlose auch Gebärdensprache brauchen."

Hubert Hüppe, Politiker, ehemals Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

"Ich weiß nicht, warum man den Gebärdendolmetscher als so störend empfindet. Und wer ihn störend empfindet, der hat selbst Schuld – finde ich auch. Warum muss es nur auf Phönix sein. Das könnte doch gleich auf ARD und ZDF sein. Also, ich hätte keine Probleme damit und ich glaube [...] man würde sich daran gewöhnen."


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