BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Fluch oder Segen? Cochleaimplantat

Das Cochleaimplantat – ist es ein Segen für Gehörlose oder doch eher ein Fluch? An kaum einem anderen Thema scheiden sich die Geister so, wie an dieser Hörprothese. Sie macht es möglich, dass taube Menschen hören können.

Stand: 27.08.2015

Eine Rettung für die einen. Doch es gibt auch viele gehörlose Menschen, die das Cochleaimplantat ablehnen. Warum? Sie befürchten, dass dadurch ihre Gemeinschaft, ja ihre Identität verloren geht. Ob diese Befürchtung berechtigt ist, damit beschäftigt sich Moderator Thomas Zander.

Melissa

Zunächst führt ihn sein Weg in die Hörgeschädigtenschule St. Josef in Schwäbisch Gmünd. Hier verständigt man sich in Lautsprache, nur manchmal kommen unterstützende Gebärden hinzu. 70 der insgesamt 270 Kinder tragen ein Cochleaimplantat, die übrigen sind mit Hörgeräten versorgt. Thomas Zander trifft hier Melissa Frucht, die an beiden Ohren ein Implantat trägt. Ihre gehörlosen Eltern Sabine und Andreas waren sich zunächst nicht einig, ob ihre Tochter operiert werden soll. Erst als die damals Dreijährige selbst den Wunsch nach einem Cochleaimplantat äußerte, war auch der kritische Vater überzeugt.

"Mein Wunsch nach dem Cochleaimplantat wurde damals im Kindergarten geweckt. Beim Spielen redeten alle durcheinander. Dabei beobachtete ich zwei Mädchen, die ein CI hatten, wie sie den Gesprächen folgen konnten. Ich wunderte mich darüber und wünschte mir auch, die anderen zu verstehen. Aber ich hörte ja nichts. Ich war taub. Und zuhause sah ich dann meinen Bruder, der mit unserer Oma telefonierte und sich mit ihr unterhielt. Das wollte ich auch!"

Melissa Frucht

Eine Selbsthilfegruppe

Familie Frucht

Gehörlose Eltern mit Cl-Kindern haben oft den Eindruck, nicht als vollwertiges Mitglied der Gehörlosengemeinschaft anerkannt zu sein. Zudem geben sie ihr Kind mit der Operation ein Stück weit ab – in eine Welt, in der sie selbst keine Erfahrung haben. Und dazu gehört Mut. Andreas Frucht gründete aus diesem Grund vor sechs Jahren eine Selbsthilfegruppe für gehörlose Eltern mi Cl-Kindern – damals war es die erste Gruppe dieser Art bundesweit.

Treffen der Selbsthilfegruppe

Moderator Thomas Zander besucht eines der Treffen, zu dem auch Rudi Sailer vom Deutschen Gehörlosenbund eingeladen war. Hier will der Moderator erfahren, welche Beweggründe die Eltern hatten, ihre Kinder der Operation zu unterziehen – und wie es den Kindern mit ihren Cochleaimplantaten geht.

"Das grundlegende und entscheidende Ergebnis ist, dass gehörlose Kinder von gehörlosen Eltern - wenn sie frühzeitig implantiert werden, das heißt etwa um das erste Lebensjahr herum, und wenn sie ein tägliches lautsprachliches Angebot haben - eine sehr, sehr gute Entwicklung in der Lautsprache erfahren und gleichzeitig auf Grund ihrer Eltern sehr kompetent im Gebrauch der Deutschen Gebärdensprache sind."

Prof. Annette Leonhardt, LMU München

Das CI-Zentrum Hannover

Thomas Zander beim Gebärdenschnupperkurs

Zuletzt besucht Thomas Zander noch das CI-Zentrum in Hannover. Hier bietet Andreas Frucht seit zwei Jahren einen Gebärdenschnupperkurs für hörende Eltern an. Schließlich kann das Cochleaimplantat immer mal ausfallen…

Falsche Prognose vor 20 Jahren...

Im CI-Zentrum in Hannover wurden vor mehr als 20 Jahren die ersten gehörlosen Kinder implantiert. Damals ging man davon aus, dass es bald keine Gehörlosen mehr geben würde, was die Gebärdensprach-Gemeinschaft in helle Aufruhr versetzte. Doch mittlerweile hat man in Hannover erkannt, dass die damalige Sicht falsch war. Das Cochleaimplantat kann die Taubheit nicht zum Verschwinden bringen und Gehörlose nicht zu Hörenden machen.


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