BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Pflege im Alter Höhere Zuzahlung für die Pflege gehörloser Eltern?

Wenn die eigenen Eltern im Pflegeheim leben, müssen unter Umständen auch die Kinder zuzahlen. Und wenn diese Eltern gehörlos sind, dann zahlen die Kinder auch mal mehr als für hörende Eltern. Oder? Zwei Töchter wollen sich das nicht gefallen lassen…

Stand: 13.03.2017

Pflege | Bild: picture-alliance/dpa

2013 zieht Eleonore Walte in ein Pflegeheim mit Gehörlosenwohngruppe. Sie fühlt sich sehr wohl dort.  Ihre Töchter Anja und Renate hatten lange gesucht, bis sie  diesen Platz für ihre Mutter  gefunden haben.  

Eleonore Walte mit ihren Töchtern Anja und Renate im Jahr 2013

Doch dann tauchte ein Problem auf. Dass Angehörige bei entsprechendem Einkommen einen Teil der Kosten von 3.000 Euro übernehmen müssen,  finden die Töchter von Frau Walte völlig  in Ordnung.  Nicht einverstanden sind sie mit  zusätzlichen Kosten von 460 Euro, die für sie nur deshalb fällig werden,  weil ihre Mutter gehörlos ist. 

Geweigert, geklagt – und gewonnen

Dafür gab das Heim auch einen Begründung: Pflegen und gebärden, das koste eben mehr Zeit. Und die sollten die Gehörlosen eben selbst bezahlen. Die Töchter weigerten sich zu zahlen.

"Für mich ist das ´ne Diskriminierung der Gehörlosen, wo Gehörlose mehr zahlen müssen, weil sie behindert sind und das – finde ich – geht gar nicht!"

Anja

Moderatorin Anke Klingemann vor dem Amtsgericht in Düsseldorf

Jetzt hat das Amtsgericht Düsseldorf ein erstes Urteil gefällt. Danach sind die Kosten für den Gebärdendolmetscher bei allen Arbeiten im Alten- und Pflegeheim vom Träger der Sozialleistungen zu bezahlen – und nicht mehr auf die Rechnung der Töchter zu setzen. Für diese Entscheidung haben Anja und Renate drei Jahre lang gekämpft. Eine harte Zeit für die Schwestern, mit vielen schlaflosen Nächten und Sorgen.

Wer übernimmt die Kosten?

In der Einrichtung, in die Eleonore Walte gezogen ist, gibt es eine Extra-Gruppe für Gehörlose.

Auch die Experten sind froh über das Gerichtsurteil. Nur fehlt ihnen die konkrete Aussage darüber, wer letztlich die Dolmetscherkosten übernehmen muss. Das Sozialamt? Die Pflegeversicherung? Die Einrichtung selbst sollte nach einhelliger Meinung auf dem Mehraufwand nicht sitzen bleiben – schließlich bedeutet es ein höheres Engagement, wenn ein Haus eine barrierefreie Versorgung sicherstellt. Es sei Sache der Sozialpolitik, den zuständigen Sozialleistungsträger zu benennen.

Beschwerde eingereicht – Ausgang noch offen

Und genau deswegen ist die Klage noch nicht vom Tisch: Die Gegenseite – in diesem Fall die Stadt Duisburg – hat Beschwerde gegen den Gerichtsbeschluss eingelegt. Derzeit wird vom Anwalt geprüft, ob die hinreichend Aussicht auf Erfolg hat. Auf diese Weise kann der Fall bis zum Oberlandesgerichtshof oder sogar zum Bundesgerichtshof gehen. Dann dauert es noch Jahre, bis letztendlich entschieden wird. Die beiden Töchter von Eleonore Walte wollen unbedingt gewinnen. Sie finden, dass das Recht auf ihrer Seite ist.

"Ja, wir kämpfen für die Gehörlosen, für unsere Mama, aber man muss auch schauen, was das für ein immenser Kostenaufwand ist. Ich hab´ keine Ahnung, wie das weiter gehen soll. Ich hoffe, ich bete für uns."

Anja Bosserhoff


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