BR Fernsehen - Sehen statt Hören


2

Nagman Ein jesidischer Flüchtling

Rund 1,2 Millionen Menschen sind seit 2014 nach Deutschland geflüchtet. Darunter auch mindestens 800 Gehörlose. Wir haben darüber berichtet. Nun trifft „Sehen statt Hören“ Nagman. Er ist 18 Jahre alt, gehörlos, Jeside – und erzählt seine Geschichte.

Stand: 16.05.2017

Familie Haso bei ihrer Ankunft auf Lesbos | Bild: BR

Die Verfolgung der Jesiden im Nordirak und in Syrien durch den „Islamischen Staat“ (IS) beherrscht immer wieder die Schlagzeilen. Nagman  und seine Familie waren in der besonders betroffenen Region Sindschar im Irak zuhause. Aus Angst vor Gewalt und Terror sind sie geflohen.   Heute lebt Nagman mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in Quickborn nahe Hamburg.

Die Religion der Jesiden

Lalisch

Die Religion ist schon 4000 Jahre alt. Die meisten Jesiden leben in den kurdischen Gebieten Syriens, der Türkei und im Irak. Sie glauben an Gott und an die Wiedergeburt. Das zentrale Heiligtum der Jesiden liegt im Norden Iraks,  in Lalisch, ca. 60 km von Mossul entfernt. Jeden Herbst versammeln sich die Gläubigen zum Wallfahrtsfest. Der Glaube wird vererbt. Wenn Mutter und Vater Jesiden sind wird das Kind automatisch als Jeside geboren.

Die Flucht

Nagmans Familie im Rettungsboot

Etwa einen Monat nach Kriegsbeginn hat sich Nagmans gesamte Familie auf den Weg gemacht, um in die Türkei zu fliehen. Dafür mussten sie die Berge überwinden – zu Fuß. Gestartet sind sie zu zehnt in einem Auto – und sie waren nur eine Familie von Zehntausenden, die ihr Leben retten wollten.

"Die Straßen waren voller Autos. Alle wollten nur noch weg. Wir mussten uns einen Weg bahnen, um vorwärts zu kommen. Die Häuser standen verlassen, weil alle auf der Flucht waren."

Nagman

Wie leben Jesiden im Irak?

Nagmans Heimatort

Im Irak gibt es weder Sicherheit geschweige denn Wohlstand. Für Jesiden noch weniger als für die anderen Bevölkerungsgruppen. Die meisten Jesiden müssen als Tagelöhner ihr Geld verdienen, sind also täglich auf der Suche nach Arbeit, die sie jedoch längst nicht immer finden. Die restlichen Tage sitzen sie arbeitslos zuhause, das im Winter sehr kalt ist, weil es an Öl für die Heizungen fehlt. Die Straßen in den Gebieten der Jesiden sind kaputt. Auch in der Schule gibt es nicht genügend Sitzplätze, sodass die Kinder stehen müssen. Im August 2014 marschieren Terror-Truppen des IS in die Region Sindschar ein. Die radikalen Islamisten verfolgen hier besonders die Jesiden – aufgrund ihrer Religion. Männer werden getötet. Frauen verschleppt und vergewaltigt.

Die Flucht war in der Türkei noch nicht zu Ende: Mit dem Boot floh die Familie weiter nach Griechenland. Drei Stunden Fahrt über das offene Meer. Nagman fühlte sich dabei stark und ruhig. Gelandet sind sie schließlich auf der Insel Lesbos.

"Die anderen aus meiner Familie hatten Angst und waren verunsichert. Durch die Wellen hat das Boot ziemlich geschwankt."

Nagman

In Deutschland – raus aus der Perspektivlosigkeit

Nagman in der Schule

Als Nagman schließlich in Deutschland ankam, war er 16 Jahre alt. Zu alt für die Schule. Doch ohne Schulabschluss hatte der Jugendliche keine Perspektive in Deutschland Fuß zu fassen und sich zu integrieren. Für gehörlose Migranten wurden damals keine Ausbildungsvorbereitungskurse in Hamburg angeboten. Im Herbst 2016 hat sich das geändert: Nagman besucht nun die Berufliche Schule in der Uferstraße, lernt dort mit hörenden, schwerhörigen und gehörlosen Schülern aus fünf Ländern in einer inklusiven Klasse Deutsch und die Gebärdensprache. Eine Herausforderung – auch für die Schule und deren Lehrkräfte, die nur zum Teil gehörlos sind. Doch diese Herausforderung wurde schon jetzt gut gemeistert.

Nagmans bisherige Schulbildung

Nagman besucht die sogenannte Alphabetisierungsklasse, in der alle sind, die bisher noch keine Schule besucht haben. Oder die dort  keinen ausreichenden Unterricht erhalten haben, um schreiben und lesen zu können. Nagman hat ab seinem sechsten Lebensjahr eine Schule besucht. Durch seine Gehörlosigkeit wurde es ab der vierten Klasse schwer für ihn – und so durfte er die Schule nicht mehr besuchen. Zuhause hatte er dann mit den Unterlagen eines hörenden Freundes weitergelernt – doch nach der vierten Klasse war endgültig Schluss.

Wie geht es Nagman in seiner jetzigen Situation?

Er hat in Hamburg schon mehr Kontakte als er im Irak je hatte. Denn hier kann er viel mehr gebärden als in seiner Heimat. Um seine Gebärdensprache weiter zu verbessern, besucht er jeden Donnerstag den Kommunikationskurs im Hamburger Gehörlosenzentrum, der von der Gruppe „Deaf Refugees Welcome“ angeboten wird. Ganz individuell wird dabei auf die gehörlosen Flüchtlinge eingegangen, es gibt speziell zugeschnittene Unterrichtsmethoden – und viel Geduld. Für dieses Engagement erhielt die Gruppe gerade einen Preis.

Unterstützung für den Alltag

Nagman beim Fußballunterricht

Die Familie von Nagman erhält noch weitere Unterstützung: Regelmäßig schaut das Ehepaar Klüger vorbei – im Auftrag der Diakonie. Dabei helfen sie der Familie, den Alltag zu bewältigen – zum Beispiel die Post zu erledigen oder Arzttermine zu koordinieren. Unter anderem haben sie dafür gesorgt, dass Nagman ein Hörgerät bekommt, mit dem er zumindest Geräusche wahrnehmen kann. Und Nagman konnte auch zum Gehörlosenfußballverein Hamburg vermittelt werden, in dem 15 Flüchtlinge trainieren.

Anerkannt

Das Schönste für die Familie: Sie sind als Flüchtlinge anerkannt und dürfen damit zunächst für drei Jahre in Deutschland leben. Wenn sich bis dahin die Situation im Irak nicht geändert hat, können sie für immer bleiben.

"Ich finde gut, dass ich hier die Schule besuchen kann. Dass es hier keinen Krieg gibt, dass Frieden herrscht. Dass ich hingehen kann, wo ich möchte - zum Beispiel mit dem Zug wegfahren und mir etwas anschauen kann, das ist schön. Deutschland ist super!"

Nagman


2