BR Fernsehen - Sehen statt Hören


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Buchpräsentation „Mit fliegenden Händen“

Es trägt einen wunderschönen Titel – und widmet sich voll und ganz der Gebärdensprache: „Mit fliegenden Händen“ heißt ein neu erschienenes Buch. Sehen statt Hören stellt es vor - mitsamt den Autoren.

Stand: 30.11.2016

Buchvorstellung "Mit fliegenden Händen" | Bild: BR

Joachim Klenk und Matthias Schulz sind seit mehr als zwanzig Jahren Gehörlosenpfarrer und Krankenhausseelsorger – und somit sehr eng vertraut mit gehörlosen Menschen und deren Familien. Ihre Erfahrungen haben sie in dem Buch „Mit fliegenden Händen“ niedergeschrieben. Mit ihren Geschichten wollen die beiden Autoren besondere Einblicke und überraschende Perspektiven in die Erlebniswelt der Gehörlosen geben.

Zwei Auszüge aus dem Buch „Mit fliegenden Händen“

Im Gottesdienst

Der Pfarrer begrüßt die Gemeinde, er freue sich, nach seinem Urlaub wieder zurück zu sein und mit der Gemeinde diesen Gottesdienst zu feiern. Und wenn er sich so umsehe, habe er den Eindruck, dass kein gehörloser Gottesdienstbesucher da sei. Dann könne er dieses Mal auf die Gebärden verzichten. An dieser Stelle meldet sich eine gut hörende Dame energisch zu Wort. Sie bittet doch darum, dass der Pfarrer wie immer auch heute die Gebärden verwende. Der Pfarrer ist sichtlich überrascht. Wenn ich sonntags im Gottesdienst spreche und gebärde, sehe ich immer wieder, wie Gottesdienstbesucher gerührt sind und ihren Gefühlen auch einen eigenen Ausdruck verleihen wollen, indem sie versuchen, mitzugebärden, obwohl sie keine Gebärden gelernt haben. Am Ende des Gottesdienstes bedanken sich gehörlose Menschen, dass ich gebärdet habe, sie gut verstanden haben und so den Gottesdienst mitfeiern konnten. Inklusion aber will doch mehr. Inklusion zielt nicht nur darauf, Barrieren abzubauen, sondern auf Teilhabe aller Menschen – gleich welcher Zielgruppe. Inklusion öffnet sich für eine - auch gesellschaftliche - Veränderung des Bestehenden.

Im 18. Jahrhundert

Wir schreiben das Jahr 1780. Es ist ein heißer Sommer am Osmanischen Hof. Ein langer Gang im Gebäude der Verwaltungsbeamten schenkt Kühle. Die Türen zu den Gemächern der Beamten stehen offen. Haran ist ganz konzentriert in einen Text vertieft. Auf seinem Tisch liegen wichtige Dokumente, die der Wind leise hin und her wiegt. Haran steht als hoher Beamter seit mehr als zwei Jahrzehnten in Diensten der türkisch-osmanischen Sultane. Sie sind gekommen und gegangen - er ist geblieben. Und er kennt deren Vorliebe für die Sprache der Hände. Seit dem 16. Jahrhundert wird am Hof der Osmanen diese Kommunikation gepflegt. Haran arbeitet sehr gerne mit Kemal zusammen. Kemal ist gehörlos und beherrscht die Sprache der Hände wahrlich meisterlich. Kemal ist einer von vielen gehörlosen Mitarbeitenden. Sie gehören zu den wichtigen Kommunikatoren am Hof der Sultane. Denn Mauern haben Ohren, aber Hände kommunizieren lautlos.

Wie das Buch entstand

Wie schreibt man ein Buch – zu zweit? Eigentlich ganz einfach: Joachim Klenk und Matthias Schulz kennen sich seit Jahrzehnten und pflegen einen intensiven Austausch. Irgendwann hatten sie die Idee, zusammen ein Buch zu schreiben. Sie haben ihre Geschichten aufgeschrieben und sich gegenseitig zugeschickt, gelesen und kommentiert. Eines Tages saßen sie dann gemeinsam vor ihrem Werk und haben letzte Korrekturen vorgenommen.

Warum dieses Buch?

Doch was wollen die beiden mit ihrem Buch erreichen? Sie wollen die Gehörlosengeschichte, die positiven Entwicklungen, die interessanten Persönlichkeiten darin bekannt machen – sowohl bei den Hörenden als auch bei den Gehörlosen. Das Buch erzählt Geschichten aus dem 18. Jahrhundert genauso wie ganz aktuelle Begebenheiten. Da gibt es Geschichten zum Schmunzeln und welche, die betroffen machen. Und vieles davon ist kaum bekannt. Bis jetzt.

Meinungen zum Buch

„Ich fand, es waren sehr viele Dinge sehr interessant, sehr spannend. Es wird sehr lebendig erzählt und ich konnte mich auch mit dem ein oder anderen wirklich identifizieren.“

„Die Geschichten sind beeindruckend und vor allem auf Augenhöhe erzählt.  Nicht über Gehörlose, sondern mit Gehörlosen!“

„Die beiden haben sich aufgemacht ein Buch zu schreiben über die Gehörlosenkultur und deren Vielfalt. Unter die Geschichten und Informationen haben sie eine gute Portion Humor gemischt.“

„Also ich fand das ganz beeindruckend, dass die Gebärdensprache auch ganz viele Stärken hat, die wir mit der Lautsprache nicht haben.“


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