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Gefährliches Gerede Gerüchte über Flüchtlinge

Gerüchte über vermeintlich kriminelle Flüchtlinge kursieren derzeit in ganz Deutschland. Sie sind oft nicht nur absurd, sondern vor allem brandgefährlich. Medienpädagogin Dr. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung und Karolin Schwarz von hoaxmap erklären, wie Gerüchte entstehen und wodurch man sie entkräften kann.

Stand: 13.07.2016

Abstruse Gerüchte über Flüchtlinge kursieren derzeit in ganz Deutschland | Bild: BR

Flüchtlinge plündern angeblich Supermärkte. Frei erfunden. Sie schlachten Ziegen aus Streichelzoos. Eine Lüge. Die Männer bekommen Bordellgutscheine vom Staat gezahlt. Alles falsch. Abstruse Gerüchte wie diese geistern derzeit durch soziale Medien und sind fast an jeder Ecke zu hören. Egal wie abstrus die Schauermärchen über Flüchtlinge auch klingen, sie verbreiten sich rasant.

Woher aber kommt die Bereitschaft in der breiten Bevölkerung, die absonderlichsten Geschichten einfach zu glauben ohne sie zu hinterfragen? Dr. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung Berlin hat für dieses Phänomen eine Erklärung. Passe der Inhalt dieser "Nachrichten" dazu, wie man sowieso schon über etwas denke, tendiere man dazu, die Information als wahr zu erachten.

"Man hat sie ja auch schon oft gehört und Wiederholung hat so einen wahrheitgebenden Effekt. Wiederholen heißt auch überzeugen - und dann verbreitet man die Gerüchte schnell, statt dass man sie überprüft."

Dr. Sabine Schiffer, Medienpädagogin vom Institut für Medienverantwortung

"Hoaxmap" entlarvt Gerüchte über Flüchtlinge

Auch der Leipziger Unternehmensberaterin Karolin Schwarz kamen während ihrer Arbeit in einem Flüchtlingsheim immer wieder wilde Gerüchte über die Bewohner zu Ohren. Die schiere Masse der Gerüchte war für Schwarz der Auslöser dafür, aktiv etwas gegen die Falschmeldungen zu unternehmen. Kurzerhand entwickelte sie eine Online-Landkarte, die hoaxmap. Eine Auflistung, in der Falschmeldungen über Flüchtlinge dargestellt und gleichzeitig durch Polizeimeldungen oder Presseberichte widerlegt werden.

"Was wir gemacht haben, war eben die Widerlegungen der vielen Gerüchte zu sammeln, die es gab und auf einer Karte darzustellen und dadurch zu zeigen, dass das ein überregionales Phänomen ist, dass damit Stimmung gemacht wird, dass da nicht mit Fakten gearbeitet wird, sondern es mutwillig verbreitet wird."

Karolin Schwarz, Erfinderin der 'hoaxmap'

Gezielte Stimmungsmache gegen Flüchtlinge

Es seien Privatleute, vor allem aber politische Akteure und rechte Gruppierungen, die mit Falschmeldungen gezielt Stimmung gegen Flüchtlinge machen, meint Schwarz. Gerade dort, wo besonders viele Asylsuchende leben, hätten Gerüchte Hochkonjunktur, wie etwa in Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Für Medienpädagogin Dr. Schiffer ist das wenig verwunderlich. Gerüchte hätten eine soziale Funktion. Sie würden Gruppen, die über eine bestimmte Sachlage - zum Beispiel Flüchtlinge - das Gleiche denken, zusammenhalten.

"Vor allen Dingen haben sie (Gerüchte) aber auch einen abgrenzenden Charakter. Sie dienen dazu, die anderen nicht als Menschen wahrzunehmen. Die Geflüchteten, die da kommen, werden dadurch in den Topf des Verdachts geworfen und damit grenzt man sich von der einen Gruppe von Menschen vollkommen ab und suggeriert, die anderen wären darin vereint."

Dr. Sabine Schiffer

Falschmeldungen von höchster, offizieller Stelle

Angesichts der aufgeheizten Stimmung gegen Flüchtlinge, die durch Gerüchte befeuert  werde, sei es höchste Zeit, dass die Politik sachlich und faktisch gegen Gerüchte vorgehe, fordert Karolin Schwarz. Doch stattdessen muss sie immer wieder Gerüchte von Politikern wie Thomas de Maizière auf der hoaxmap verzeichnen. So brachte der Innenminister vergangenes Jahr das Gerücht in Umlauf, 30 Prozent der Asylsuchenden gäben sich als Syrer aus, seien in Wahrheit aber gar keine. Eine falsche und haltlose Behauptung, die weder vom Bundesinnenministerium noch vom Bundesamt für Migration oder Frontex belegt werden konnte.

Im Juni dann warf der Innenminister Ärzten vor, Flüchtlinge zu oft krankzuschreiben.

"Es kann nicht sein, dass 70 Prozent der Männer unter 40 Jahren vor einer Abschiebung für krank und nicht transportfähig erklärt werden. Dagegen spricht jede Erfahrung."

Bundesinnenminister Thomas de Maizière

Wenn aus bloßem Gerede reale Anschläge werden

Unbelegte Zahlen, die de Maizière offensichtlich selbst frei erfunden hatte.
Diese Gerüchte, gestreut von höchster, offizieller Stelle, sind brandgefährlich. Nicht nur, weil sie Ressentiments gegen Flüchtlinge schürten, die durch soziale Medien noch verstärkt würden, sagt Dr. Schiffer. Die Medienpädagogin sieht auch einen direkten Zusammenhang zwischen Gerüchten, also dem bloßen "Gerede", und realen Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte.

"Wir haben genügend Beispiele in der Geschichte. Wir hatten die Pogrome Anfang der 90er, wir hatten den Mediendiskurs davor, dann die 'volles Boot'-Thematik, heute haben wir die Obergrenzengeschichte. (...) Wenn man sich die Parolen von Attentätern anhört Anfang der 90er, die jungen Leute, die den Anschlag von Solingen verübt haben, die haben vor Gericht gesagt, die Alten reden ja nur, wir haben endlich mal was getan. Das heißt, das war eine Umsetzung."

Dr. Sabine Schiffer

Wie können Gerüchte entschärft werden?

Doch wie können die Gerüchte entschärft werden, wenn sie erst einmal in Umlauf gebracht sind? Mit Dementis alleine habe man keine Chance, sagt Dr. Schiffer. Auch, weil bei der Widerlegung oft außer Acht gelassen werde, dass das Unterbewusstsein die Verneinung gar nicht erkenne. Gerüchte könnten also durch eine Gegenrede nicht korrigiert werden. Zumal derjenige, der Gerüchte dementiere, die Schauermärchen zumindest in Teilen wiederholen müssen. Auch Karolin Schwarz ist der Ansicht, dass durch Dementis alleine die Verbreitung von Gerüchten nur befeuert werde. Zumal das Vertrauen in etablierte Medien und Polizei derzeit sehr gesunken und das Lügenpresse-Narrativ sehr stark sei. Widerlegungen würden als weiteres Werkzeug der Vertuschung wahrgenommen, sagt Schwarz. Trotzdem könne man Gerüchte nicht  unwidersprochen stehen lassen.

"Ich glaube, das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir gerade vor uns haben, das ist sowohl Seitens der Medien eine Sache als auch der Politik, die sich eben sehr klar positionieren muss und nicht noch selber Statistiken erfinden darf."

Karolin Schwarz

Um das Vertrauen in Medien und Politik wiederherzustellen, sei von ihnen mehr Transparenz gefordert. Außerdem brauche es eine bessere allgemeine Medienbildung der Bevölkerung, die es jedem Einzelnen möglich mache, Quellen richtig zu bewerten, sagt Dr. Schiffer. Gerade bei Gerüchten müsse man den Quellen nachgehen und auch der Frage, wer von den Falschmeldungen profitiere. So könnten Gerüchte entschärft und die aufgeheizte Stimmung gegen Flüchtlinge runtergekocht werden. Denn noch kann verhindert werden, dass aus dem bloßen Gerede reale Anschläge auf Flüchtlinge werden.

Weiterführende Informationen

Auf "hoaxmap" werden Gerüchte entlarvt
http://hoaxmap.org/

Institut für Medienverantwortung
https://www.medienverantwortung.de/

Autorin des Filmbeitrags: Michaela Paul


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