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Chancengleichheit Ist Bildung in Deutschland Glückssache?

Eltern arbeitslos, arm und bildungsfern: Wer diesen Hintergrund hat, wird es zu 94 Prozent nicht aufs Gymnasium schaffen. Auch wenn Chancengleichheit zu unseren demokratischen Grundsätzen gehört, ist die Herkunft immer noch entscheidend.

Stand: 06.02.2017

Suat Yilmaz, Talentscout an der Westfälischen Hochschule und Publizist. Das war so nicht vorgesehen: Geboren in einem Dorf in Ostanatolien, Vater Schlosser, Mutter Hausfrau. In den 70ern nach Deutschland, ein Leben mit fünf Geschwistern auf 60 Quadratmetern. Der entscheidende Satz kam vom Rektor seiner Hauptschule: "Mach keine Kasperei, du schaffst das schon." Der Rektor traut dem türkischen Gastarbeitersohn zu, das Abitur zu schaffen.

"Ich dachte nur: Wow. Ein deutscher Beamter, ein Rektor einer Schule, glaubt an mich. Das ist so wichtig."

Suat Yilmaz, Autor und Talentscout

Yilmaz ist sich aber auch bewusst: Das war Zufall. "Wenn der zwei Monate krank gewesen wär und nicht da gewesen wäre, wer weiß, wie meine Biografie verlaufen wäre."

Statistik

Von 100 Akademikerkindern gehen 77 an eine Universität, von 100 Arbeiterkindern sind es nur 23. Das hat eine Erhebung des Deutschen Studentenwerks von 2012 ergeben.

Abdullah Karaca ist ebenfalls Arbeiterkind: Der Vater Werkzeugmacher, die Mutter gelernte Schneiderin - in Deutschland dann erst mal Tellerwäscher und Putzfrau. Im Berufsberatungsgespräch an der Hauptschule hat Karaca damals über seinen Traum gesprochen, Abitur zu machen:

"Da wurde mir gesagt: 'Der Zug ist abgefahren für Sie.' Dann musst du erst mal selber diese Kraft aufbringen oder - wie in meinem Fall - die Kraft von Freunden und Familie holen, die dann sagen: Doch, es gibt Wege."

Abdullah Karaca, Regisseur am Münchner Volkstheater

Hauptschule, besondere zehnte Klasse, Abitur an der Fachoberschule, Regiestudium in Hamburg. Heute leitet Karaca stellvertretend die Oberammergauer Passionsspiele und arbeitet als Regisseur am Münchner Volkstheater.

Alle Talente erkennen

Suat Yilmaz wurde schon unzählige Male die Frage gestellt: Was ist denn Talent? Der Talentscout stellt dann meist die umgekehrte Frage: Was ist denn kein Talent? "Warum trauen wir uns nicht, jungen Menschen Talent zu unterstellen?" Talente sehen, die durch unser reguläres Bewertungsraster fallen, und mit jungen Menschen individuell arbeiten, darin sieht Yilmaz eine Lösung.

Bei Abdullah Karaca war es eine Lehrerin, die ihm Druck gemacht hat: "Du hast was drauf, du kannst was, aber du bist faul." Sie fragte nach, was denn sein Problem sei. Da wollte es Karaca ihr und sich selbst beweisen.

"Es ist unheimlich wichtig, dass man solche Menschen hat, die sagen: 'Doch, ich glaub an dich.'"

Abdullah Karaca, Regisseur am Münchner Volkstheater

Karacas Vater wünschte sich, dass sein Sohn studiert - bei den Hausaufgaben helfen konnte er ihm nicht. Das übernahm die ältere Schwester.

Besser geschulte Lehrer

Viele Eltern wollen ihre Kinder unterstützen, können aber nicht. Yilmaz weiß, dass die Familien für die Lernbereitschaft der Kinder enorm wichtig sind. Nur: Der familiäre Kontext lässt sich von außen meist schwer ändern.

Dafür sollten die Lehrer als Schlüsselfiguren ernster genommen werden: mehr Lehrkräfte, die besser geschult werden, aber auch bezahlt und mehr Anerkennung bekommen.

"Wir müssen die Lehrerinnen und Lehrer anschauen, die erfolgreich Biografien verändern, Zukunft gestalten. Das sind unsere 'role models', die müssen wir vermehren."

Suat Yilmaz, Autor und Talentscout

Wichtig ist auch, dass sich die Lehrer für die Lebensumstände der Kinder interessieren. So wie bei Suat Yilmaz zum Beispiel: ein Zimmer, fünf Geschwister. - Er macht immer dann Hausaufgaben, wenn der Vater beim Arbeiten ist - im Schlafzimmer der Eltern, an seinem Plastiktisch.

Individuelle Bewertung soll Schulnoten ergänzen

Yilmaz kennt viele solche Fälle. Ein Mädchen zum Beispiel, das sich um Geschwister und Haushalt kümmern muss, und erst nachts zu den Hausaufgaben kommt. Und trotzdem ein 2,6er-Abitur schafft.

Die Eltern von Chensuai Sui sind Ingenieure - bevor sie von Peking nach Deutschland kommen und ihre Abschlüsse wertlos sind. Da ist Sui zwölf Jahre alt. Heute arbeitet die studierte Mathematikerin bei der Allianz Versicherung. Sie hatte Talent - UND Glück: Eine befreundete Lehrerin empfahl sie fürs Gymnasium. Und die Lehrerin von der Auffangschule für Migrantenkinder gab ihr noch ein Jahr lang Deutsch-Nachhilfe. Auch am Gymnasium hatte sie Glück:

"Meine damalige Deutschlehrerin wollte mir wohl die Blamage ersparen und hat mir zum Beispiel anfangs auf Klausuren gar keine Note gegeben. Die wäre dann wahrscheinlich eine Sechs gewesen. So bin ich gestartet."

Chensuai Sui, Aktuarin bei der Allianz Versicherung

Als sie dann bundesweite Mathe-Olympiaden gewann, wurden die ersten Unternehmen auf die Schülerin aufmerksam. Bildung darf keine Frage des Glücks sein. Schulnoten allein werden jungen Talenten nicht gerecht. Aber wir sind auf Talente angewiesen:

"Glauben Sie, dass wir eine Million topausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland bekommen?"
Der Talentscout Suat Yilmaz ist sich sicher: "Wenn wir es nicht schaffen, die wenigen Kinder und Jugendlichen, die wir haben, voranzubringen, zu Maschinenbauern zu machen, zu Krankenschwestern, Ingenieuren, Bäckern oder Elektrikern, wird unsere Gesellschaft irgendwann ausbluten."

Es geht um mehr als um Einzelschicksale - es geht um die Zukunft unserer Gesellschaft.

Autorin des Filmbeitrags: Agnes Popp


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