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Wohnen Architektur für Geflüchtete

Nach dem Zuzug von Geflüchteten steht den Verwaltungen die größte Herausforderung noch bevor. Es gilt, für alle, die ein Bleiberecht bekommen, Wohnraum zu schaffen, in dem sie langfristig bleiben können. Und nicht nur für Geflüchtete wird bezahlbarer Wohnraum gebraucht. Noch viel mehr Wohnungen sind nötig für Menschen mit geringem Einkommen, die bereits in Deutschland wohnen, Arbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, Obdachlose, Menschen in Altersarmut. Die Zeit drängt.

Stand: 05.05.2017

Architekten an der Leibniz Universität Hannover haben nun das Buch "Zukunft: Wohnen. Migration als Impuls für die kooperative Stadt" herausgebracht. Es zeigt Visionen, wie zukünftiges Wohnen bezahlbar und menschenwürdig gestaltet werden kann. Entscheidend ist dabei, dass Menschen mit geringem Einkommen nicht in trostlose Siedlungen am Stadtrand gedrängt werden, denn dort fehlt den Menschen der Austausch, die Anbindung an das gesellschaftliche Leben, es fehlt an Perspektiven und Arbeit.

"Wohnen für alle"

Stelzenbau am Dantebad

Ganz im Sinne der Visionäre an der Universität Hannover hat die Stadt München im Stadtzentrum innerhalb nur eines Jahres ein vorbildliches Haus fertig gestellt. Der Clou: das Haus steht auf Stelzen über einem bestehenden Parkplatz am Dantebad, es ist Teil des Wohnungssofortprogramms "Wohnen für alle". In das Gebäude ziehen zur Hälfte anerkannte Geflüchtete und zur Hälfte andere Münchner mit Recht auf gefördertes Wohnen. Der Bauherr ist stolz auf das Projekt, es ist Vorbild für weitere Häuser.

"Es ist wirklich besonders wichtig, dass Integration in einem gewachsenen Viertel passiert. In einem Gewerbegebiet vor einer Stadt wird Integration meiner Meinung nach nie gelingen können, weil es diese Infrastruktur nicht gibt. Auch die Menschen sind nicht da, die die Integration vermitteln können. Also Integration muss immer dort stattfinden, wo schon Menschen sind, die die Integration eben dann auch begleiten."

Klaus-Michael Dengler, städtische Wohnungsbaugenossenschaft GEWOFAG

Eine neue Epoche der Architektur

Der Professor für Entwerfen und Gebäudelehre an der Leibniz Universität Hannover, Jörg Friedrich, meint, dass der Zuzug von Geflüchteten eine neue Architektur-Epoche auslösen kann. Hochwertiger und dabei kostengünstiger Wohnraum soll im Stadtzentrum entstehen. Eine Möglichkeit: das Verdichten von Städten. Zum Beispiel kann die Fakultät für Architektur in Hannover aufgestockt werden.

"Die Behauptung, dass in der Stadt kein Bauland zur Verfügung steht, ist nicht wahr, wir haben 100.000de Quadratmeter von Flachdächern, die alle in öffentlichem Besitz sind und die wir ohne Weiteres aufstocken können. Zum Beispiel auf die Architektur-Fakultät in Hannover können in kurzer Zeit zwei Stockwerke in Holzbauweise aufgesetzt werden. Dort können Studenten wohnen und arbeiten, unten können sie studieren. Auch Geflüchtete können hier wohnen und sich in die die Lehre einbinden. Das ist durch dieses Mischkonzept nicht nur eine architektonische, sondern auch ein soziale Mischung, die wir anstreben könnten und die realistisch ist."

Prof. Jörg Friedrich, Institut für Entwerfen und Gebäudelehre an der Leibniz Universität Hannover

Erst mal umdenken

Modell Hausboot

Die Studenten haben weitere Möglichkeiten entwickelt, preisgünstigen Wohnraum in der Stadt zu schaffen. Zunächst mussten sie jedoch umdenken: weg vom Entwerfen von Prestige-Gebäuden, hin zur Einfachheit mit ästhetischem Anspruch.
Das Ergebnis: Kleinsthäuser in Schrebergärten, Wohnraum auf Schiffen oder kompakte Häuser in Innenhöfen. All das sind Konzepte nicht nur für Geflüchtete - sondern allgemein für Menschen mit geringem Einkommen.

"Auch wenn es Low-budget-Wohnen werden soll, sind die Ansprüche hoch. Darin liegt die Herausforderung der Architektur, aus wenig viel zu machen. Das betrifft immer mehr Menschen. Es ist als Flüchtlingsprojekt gedacht, aber da können genauso gut sozial Schwächere drin leben oder Menschen, die finanziell nicht so gut dastehen."

Constantin Tibor Bruns, Architektur-Student an der Leibniz Universität Hannover

Grand Hotel Cosmopolis

In ihrem Buch stellen die Architekten auch das Grand Hotel Cosmopolis in Augsburg vor. Ein Altenheim, das fünf Jahre leer stand, wurde zu neuem Leben erweckt. Unter einem Dach befinden sich hier: ein Hotel, Wohnungen für Geflüchtete, eine Café-Bar, Ateliers, Werkstätten und Veranstaltungsräume. Die Finanzierung: Die Diakonie als Eigentümerin des sechsstöckigen Hauses vermietet an zwei Parteien. Die Regierung von Schwaben ist Mieterin einiger Hausbereiche, die von ihr als Asylunterkünfte geführt werden. Der gemeinnützige Verein Grandhotel Cosmopolis e. V. ist Mieter des übrigen Gebäudes. Was hier gelingt, ist ein ungezwungenes, produktives Miteinander von Geflüchteten und anderen Augsburgern.

Partizipation

Das Buch "Zukunft: Wohnen. Migration als Impuls für die kooperative Stadt"

Welche Arten der Finanzierung von günstigem Wohnraum sind noch denkbar? Das haben die Herausgeber des Buches "Zukunft: Wohnen" durchdacht. Ein Modell ist Partizipation. Die Bewohner bekommen eine Wohnung oder ein kleines Haus mit einer Grundausstattung und können sie je nach Bedarf und finanzieller Situation selber ausbauen.

"Wir glauben, dass die Partizipation auch eine Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilnahme ist, weil man in der Gesellschaft auch zeigen kann, dass man da ist. Man verschwindet nicht hinter einer anonymen Fassade, sondern gestaltet seine eigene Fassade und kann seine Individualität zeigen. Das ist uns ein ganz wichtiger Teil gewesen. Geflüchtete können zeigen, dass sie Teil der Gesellschaft und auch Teil der Wertschöpfungskette sind. Es ist ja nicht so, dass Geflüchtete nur Geld kosten, sie erwirtschaften auch Geld, wenn sie in der Gesellschaft integriert sind. Da gibt es verschiedenste Untersuchungen."

Peter Haslinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Entwerfen und Gebäudelehre an der Leibniz Universität Hannover

Es fehlt also nicht an Ideen. Sind sie alle realisierbar? Sicher nicht. Aber große Vorhaben sind die Früchte großer Visionen. Es gilt, sich von bürokratischen Hürden nicht aufhalten zu lassen. Nur so kann eine neue Architektur-Epoche beginnen. Wir brauchen Visionen, um eine lebenswerte Zukunft des Wohnens gestalten zu können.

Autorin des Filmbeitrags: Katharina Wysocka


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