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Dokumentarfilm Als Paul über das Meer kam

Paul Nkamani ist einer von vielen. Einer, der weg musste. Aus seinem Leben. Seinem Land Kamerun. Der Filmemacher und Grimmepreisträger Jakob Preuss lernt Paul Nkamani 2014 in einem illegalen Camp in Nador, Marokko kennen. Wer es bis hierher geschafft hat, hat eine lange Vorgeschichte.

Stand: 17.08.2017

Paul Nkmani hat sich jahrelang mithilfe von Schleppern - "Begleitern" heißt es im Film - über die Sahara bis an die Küste Marokkos durchgeschlagen. Jakob Preuss interessiert sich für die Gründe, warum Paul Nkamani sich gezwungen sah, seine Heimat zu verlassen.

"Ich will nur das Minimum und das ging zu Hause nicht. Die wirtschaftliche Lage zu Hause ist sehr schlecht. Wo es Jobs gibt, gibt es Tribalismus und Diskriminierung. Alles geht nach Clans. Wenn man nicht zu deren Clan gehört, deren Sekte letztlich, hat man es schwer. Mein Vater ist gestorben. Weißt du warum? Infolge einer Krankheit, weil ihm Medikamente fehlten. Er starb aus Mangel an Medikamenten! Stell dir vor, ich konnte nichts tun! Mein Vater war stolz auf mich. Ich war ein guter Schüler. Ich wurde sogar zum Jura- und Politikstudium zugelassen. Mein Traum war, Diplomat zu werden. Im zweiten Jahr bin ich nach einem Streik von der Uni geflogen. Es war unfair. Ich wurde bestraft, weil ich im Studentenrat war. Für mich gibt es kein Zurück."

Paul Nkamani

Preis der Freiheit

Wie hoch aber der Preis sein würde, den Weg nach Europa auf sich zu nehmen, wusste Paul Nkamani als er aufbrach noch nicht. Eines Tages ist Paul weg. Als Jakob Preuss während der Dreharbeiten eines Tages zum illegalen Camp kommt, ist er nicht mehr in seinem improvisierten Zelt. Er ist auf ein Schiff gestiegen. Ein Schleuser hat ihn abgeholt. Aber er meldet sich auch nach einigen Tagen nicht. Das schlechte Gefühl, das Jakob Preuss hat, bestätigt sich: Nach einigen Tagen findet Jakob Preuss Nachrichtenbilder im Internet und entdeckt Paul Nkamani innerhalb eines Berichts über ein gesunkenes Flüchtlingsboot mit vielen Toten. Paul lebt.

Jakob Preuss, Regisseur des Dokumentarfilms "Als Paul über das Meer kam" | Bild: Markus Ulrich

"Ich glaube, eine emotionale Nähe ist sehr stark entstanden als ich die Bilder von seiner Überfahrt entdeckt habe. Wir kennen alle die Bilder von den Schlauchbooten, die überall sind, aber das ist noch mal was völlig anderes, wenn man jemanden kennt, der da draufsitzt. Ich war, glaube ich, selten so schockiert und beeindruckt und bewegt von Nachrichtenbildern als ich die Bilder gefunden habe, wie Paul da von Bord geht."

Jakob Preuss, Regisseur

Tagebuch einer Begegnung

Pauls Weg führt - traumatisiert wie er ist - für 60 Tage in ein Abschiebegefängnis. Und Regisseur Jakob Preuss entscheidet sich von nun an, Paul Nkamani zu helfen. Auch seine Eltern nimmt er dabei in die gesellschaftliche Pflicht. Sie haben Paul Nkamani eine kleine Kellerwohnung in ihrem Haus in Berlin zur Verfügung gestellt und unterstützen ihn beim Deutschlernen. Paul Nkamani arbeitet heute in einem Altenheim in Berlin.

Jakob Preuss hat ein aufgeschlossenes und ehrliches Interesse an seinen Protagonisten. Er will genau wissen, was die Menschen umtreibt. Menschen, die den Weg der Flucht nehmen müssen, aber auch die, deren Arbeitsplatz an der Grenze ist. Preuss nimmt seine Zuschauer in den Arbeitsalltag der spanischen Guardia Civil in der Exklave Melilla mit, dokumentiert Kontroll- und Hilfseinsätze auf einem portugiesischen Patrouillenboot im Rahmen einer Frontex-Mission im Mittelmeer und die Schleierfahndung der deutschen Bundespolizei.

Gibt es ein Menschenrecht auf Migration?

Jakob Preuss' Film verfällt zu keinem Zeitpunkt in Betroffenheit oder anklagenden Ton. Er ist nicht auf der Suche nach Antworten, sondern er liefert die richtigen Fragen: "Gibt es ein Menschenrecht auf Migration?" ist eine solche Frage.

Für einen solchen Film braucht man Zeit, einen klugen Blick fürs Wesentliche und: eine Vision.

"Wenn man mal die Geschichte der Menschheit anschaut, alle 100 Jahre, und man zurückschaut, gibt es immer Dinge, die kommen einem wahnsinnig barbarisch vor oder man kann es sich kaum noch vorstellen, so etwas wie Feudalismus oder Sklaverei oder Hexenverbrennung. Und so glaube ich, dass man sich vielleicht in 100 oder 150 Jahren auch nicht mehr vorstellen kann 'wow, wenn du mit dem falschen Pass geboren wurdest, in Kamerun meinetwegen, dann musstest du durch die Wüste gehen, übers Meer, dich dann weiter durchschlagen und dann noch in Angst leben, ob du nicht wieder zurückgeschickt wirst'. Das ist eine solche Grund-Ungerechtigkeit meiner Ansicht nach. Da muss sich, glaube ich, viel ändern und da, ganz ehrlich, glaube ich dran. Ich sehe das nicht nur so John-Lennon-mäßig, so von wegen 'you can say I'm a dreamer', sondern ich glaube da dran!"

Jakob Preuss

Anhand von Paul Nkamanis Geschichte, starken Bildern und einer bewusst dosierten Mischung aus Sachlichkeit und Empathie entlarvt Preuss in seinem intensiven Filmwerk die Widersprüchlichkeit unserer Welt.

Weitere Informationen

Bundesweiter Filmstart: 31. August 2017

www.paulueberdasmeer.de

Autorin des Filmbeitrags: Michaela Wilhelm-Fischer


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