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Andrei Mihailescu Guter Mann im Mittelfeld

Was passiert mit einem Menschen, der in einem paranoiden System etwas Falsches gesagt hat? Andrei Mihailescu, der als Jugendlicher aus Rumänien ausgewandert ist, hat einen Roman über das Leben in einer Diktatur geschrieben und erzählt darin eine Liebesgeschichte aus Zeiten der politischen Finsternis.

Von: Rudolf von Bitter

Stand: 19.11.2015

Wenn ich von der schönen Wolljacke eines anderen erzähle, habe ich dann schon gesagt, dass bei ihm die Heizung kaputt ist? Für die Vertreter des rumänischen Geheimdienstes war das offenbar so, denn der erfahrene Journalist Stefan Irimescu gerät wegen einer solchen Bemerkung in einem seiner Zeitungsartikel in die Mühlen der Securitate, der Geheimpolizei im Reich des Diktators Ceaușescu. Als er, noch halb benommen von der Folter, auf der Straße einer Gruppe Bauarbeiter begegnet, die des Diebstahls von Baumaterialien verdächtigt werden, schnappen die ihn sich, prügeln ihn krankenhausreif und nehmen ihn als ertappten Dieb. Doch er hat Glück: Raluca, die Architektin der betroffenen Baustelle, zugleich Gemahlin eines hohen Parteibonzen, bringt Stefan in ein Krankenhaus.

Andrei Mihailescu

Andrei Mihailescu erzählt eine Liebesgeschichte aus Zeiten der politischen Finsternis. Im Mittelpunkt Stefan, der von einem missgünstigen Spitzel als Volksverräter denunziert wird. Aber dann wird er gerettet, ausgerechnet von der Frau eines hohen Funktionärs, Raluca. Eine große Liebe, die am Ende scheitern muss, weil die Gesellschaft dafür keinen Raum lässt. Doch durch diese Geschichte hindurch schimmert etwas ganz anderes, Grundsätzliches. Nicht nur Stefan wird klar, in was für einem schrecklichen System er leben muss, auch Raluca dämmert, dass nicht alles gut ist im Reich, in dem sie und die ihren alle Vorteile genießen, die sich die Parteioberen zuschanzen.

Andrei Mihailescu im Gespräch mit Julia Benkert

Andrei Mihailescu lebt heute in Zürich, kam aber als 16-Jähriger mit seinem Vater aus Rumänien. Er engagierte sich in Menschenrechtsgruppen, um etwas zu tun für die Opfer und Ausgelieferten des diktatorischen Regimes, das dort bis zu Ceaușescus Ende geherrscht hat. In seiner Familie hatte man schon vorher Bekanntschaft mit dem Gefängnissystem Rumäniens gemacht. Als sein Großvater aus der Haft zurückkam, war nicht nur er verändert: auch die Familie, wo inzwischen die Großmutter das Familienoberhaupt war und darum eine andere Struktur vorherrschte.

Mit seinem Roman rührt er einerseits an die Geschichte seines Landes, in dem noch immer die Funktionäre von damals ihre Wirkung haben. Andererseits ist es eine spannende, von Anfang an mitreißende Liebesgeschichte

Das Buch

Andrei Mihailescu
Guter Mann im Mittelfeld
Nagel & Kimche Verlag
22,90 Euro


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