BR Fernsehen - Lebenslinien


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Lebenslinien - der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati und seine Depression Nach dem Spiel

Babak Rafati hat iranische Wurzeln und macht sich in Deutschland als erster Bundesliga-Schiedsrichter mit Migrationshintergrund einen Namen. Schon als Kind hat er gelernt, dass er stark und ohne Fehler sein muss, um geliebt und anerkannt zu werden. In der Welt des Fußballs zerbricht er fast an diesem Anspruch.

Stand: 20.10.2015

Babak Rafati kommt in Hannover zur Welt. Als er vier Jahre alt ist, kehren seine Eltern in ihre Heimat Iran zurück. Sein Vater ist ein warmherziger Lebenskünstler - die Mutter eher kühl und sehr ehrgeizig. Als die Eltern sich trennen, geht der Vater nach Hannover und holt - auf Babaks Wunsch - den achtjährigen Sohn zu sich.

Filminfo

Originalitel: Babak Rafati - Nach dem Spiel (D, 2015)
Regie: Angelika Lizius
Redaktion: Christiane von Hahn
Länge: 45 Minuten
16:9, VT-UT, stereo

Babak will sich nun einen Platz in der deutschen Gesellschaft erobern. In seiner Freizeit spielt er Fußball. Für die erträumte Profikarriere reicht sein Talent nicht – aber er ergreift die Chance einer Ausbildung zum Schiedsrichter. Gleichzeitig lernt er Bankkaufmann und steigt später bis zum Leiter einer Sparkassenfiliale auf.

Seine Frau Rouja hat Babak Rafati die Kraft gegeben, seine Krankheit behandeln zu lassen.

Auch als Schiedsrichter ist Babak erfolgreich. Seit 2005 pfeift er in der 1. Bundesliga, drei Jahre später sogar international als FIFA-Schiedsrichter. Die Welt des Fußballs bestärkt seinen Perfektionsanspruch und sein Selbstbild des starken Mannes. 2010 beginnen Babaks Probleme. Die Schiedsrichter-Kommission bekommt eine neue Führung und Babak vermisst deren Rückendeckung. Er trifft gravierende Fehlentscheidungen, wird wochenlang für die 1. Bundesliga gesperrt. Der Druck steigt.

Spieler wählen ihn im Kicker wiederholt zum schlechtesten Bundesliga Schiedsrichter, die Fans beschimpfen ihn - und von seinen Chefs fühlt er sich im Stich gelassen. Er hat Probleme mit der Achillessehne, ignoriert aber die Signale seines Körpers und geht über Schmerzgrenzen. Auf einem Lehrgang erfährt er beiläufig, dass er als FIFA Schiedsrichter abgesetzt wurde. Er fühlt sich hintergangen, und hat panische Angst, Fehler zu machen. Lange Jahre war er Schiedsrichter aus Leidenschaft - jetzt empfindet er dieses Amt als existentielle Bedrohung.

Babak Rafati im Fußballstadion.

Am 19. November 2011 sieht Babak Rafati keinen anderen Ausweg als Selbstmord. Gerade noch rechtzeitig wird er gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Es folgt die wohl schwierigste Zeit seines Lebens. Erst nach sechs Wochen findet er einen Arzt, dem er vertraut. Er gesteht sich ein, in einer tiefen Depression zu stecken.

Nach und nach lernt er, Hilfe anzunehmen und sich selbst und seine Bedürfnisse wahrzunehmen. Schließlich erkennt Babak Rafati, dass er von seiner Umwelt auch geliebt wird, wenn er Schwäche zeigt. Heute hält er Vorträge über seinen Weg in die Depression und wie er den Weg heraus gefunden hat. Er will das Thema enttabuisieren und mit seinen Erfahrungen anderen helfen.

Hintergrund zu den Lebenlinien über Babak Rafati

Lebenslinien-Autorin Angelika Lizius

Im November 2011 erfuhr ich aus der Zeitung vom Selbstmordversuch Babak Rafatis - kurz vor einem Bundesligaspiel, das er leiten sollte. Meine ersten Gedanken waren, was für einen unglaublichen Druck Spieler, Trainer und auch Schiedsrichter in diesem Milliardengeschäft Fußball aushalten müssen, und dass es mich nicht wundert, wenn manche unter diesem Druck zusammenbrechen.

Als ich Babak Rafati dann nach seiner Genesung in einer Talkshow sah, war ich erstaunt, wie offen er über seine Depression sprach. Anschließend las ich sein Buch, in dem er nicht nur über seine Erlebnisse in der Fußballwelt berichtet, sondern auch sehr ehrlich über seine Kindheit, seine Wünsche und Ziele, und über die Abwärtsspirale schreibt, die im Suizidversuch endete.

Ich beschloss, bei ihm für einen Lebenslinien-Film anzufragen. Denn mir war klar, dass seine Erfahrungen sich auch auf die meisten anderen Berufsfelder übertragen lassen: Druck von außen, hoher Anspruch an sich selbst, Angst zu versagen, Gefühle von Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit - das kennen viele.

Die Dreharbeiten waren sehr intensiv. Babak Rafati kehrte mit uns an Orte zurück, an die er schmerzliche Erinnerungen hat – unterstützt von seiner Frau Rouja, seinem Vater und den Schwiegereltern, die bereit waren, bei unserem Filmprojekt mitzumachen.


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