BR Fernsehen - Kontrovers


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Die Story Gefährliche Pseudo-Medizin

Wer schwer krank ist, macht oft alles, was Ärzte oder selbsternannte Heiler empfehlen. Aber mysteriöse Chemikaliencocktails oder Aprikosenkerne gegen Krebs? Es kann lebensgefährlich sein, wenn Patienten auf Pseudo-Mediziner reinfallen.  Über das miese Geschäft mit der Hoffnung Kranker ...

Stand: 02.12.2015

MMS heißt das Mittel, das wahre Wunder wirken soll: eine Mischung aus Zitronensäure und Natriumchlorit. Die stark ätzende Chemikalie soll Krebs besiegen können. Susanne Reichardt hat sie genommen. Sie hat Brustkrebs, ist tief verzweifelt. Und sie vertraut ihrem Mann: Der hatte umgeschult auf Heilpraktiker. Drei Jahre lang gibt er seiner Frau homöopathische Mittel – ohne Erfolg. Dann empfiehlt der gelernte Fernsehtechniker ihr MMS. Susanne Reichardt erinnert sich:

"Also es riecht hundert Mal schlimmer als im Schwimmbad, richtig nach Chlor. Wie wenn man Domestos, diesen Sanitärreiniger, nehmen würde. Und es schmeckt auch furchtbar. Es kostete mich jedes Mal Überwindung es zu nehmen. Und komischerweise habe ich danach immer Bauchschmerzen gehabt."

Susanne Reichardt

Ihr Mann behauptet, er habe bereits Dutzende Krebs-Patienten erfolgreich behandelt. Inzwischen hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte MMS als "nicht zugelassen" eingestuft. Wer dafür wirbt oder MMS in Umlauf bringt, macht sich strafbar. Dennoch ist das Mittel weiterhin für jeden erhältlich – offiziell als Reinigungsmittel.

Abenteuerlich: Aprikosenkerne gegen Krebs

Ein anderer Fall: Die Mutter von Kathrin S. bekam in einer Klinik in Deutschland ein anderes dubioses Mittel gegen Krebs: Aprikosenkerne. Die sind als Medikament nicht zugelassen – aus gutem Grund, erklärt Dr. Jutta Hübner von der Deutschen Krebsgesellschaft:

"Was da drinsteckt, nennt sich chemisch Amygdalin. Das ist eine Substanz, die Blausäure freisetzt. Es ist gefährlich. Es kann das Leben des Patienten einmal gefährden, weil der Tumor weiterwächst, und zum anderen weil die Substanz selbst hochgiftig sein kann."

Dr. Jutta Hübner, Deutsche Krebsgesellschaft

Kontrovers liegen Belege vor, dass die Klinik sich über das Verbot des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte hinweggesetzt und über Wochen hinweg eine lebensbedrohliche Dosis solcher Aprikosenkerne in den Behandlungsplan aufgenommen hat - zur angeblichen Stärkung der Abwehrkräfte.

Die Mutter von Kathrin S. hat für Behandlungen viele tausend Euro bezahlt, privat, aus eigener Tasche.

Unsere Recherchen für die Kontrovers-Story ergeben: Zugelassene Ärzte können in Deutschland verbotene Mittel verabreichen. Und bleiben oft straffrei, erklärt Dr. Jutta Hübner von der Deutschen Krebsgesellschaft:

"Wenn etwas schief geht, können Patient und Behandler in eine juristische Auseinandersetzung gehen und die Frage ist, wie es ausgeht. In der Regel haben wir aber hier bei diesen alternativen Behandlungen gerade bei Patienten mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen die Situation, dass, wenn es schief geht, der Patient nicht mehr in der Lage ist, sich durchzusetzen. Ein ziemlich perfides System."

Dr. Jutta Hübner, Deutsche Krebsgesellschaft

Susanne Reichardt, der ihr Mann MMS gegeben hat, lässt sich inzwischen wieder von einem Schulmediziner behandeln, dem sie vertraut. Doch der Brustkrebs hat bereits gestreut.

Die Kontrovers-Story über lebensgefährliche Pseudo-Medizin.

Linktipp: Beitrag aus dem Mittagsmagazin vom 5.5.2014


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