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Schulunterricht Geschichte wird immer mehr Geschichte

Der Geschichtsunterricht an den Schulen ist deutschlandweit seit Jahren auf dem Rückzug. Mit Folgen, die weit über das Auswendigwissen von Jahreszahlen hinausgehen. Die Freie Universität Berlin hat Schüler befragt: 60 Prozent der Neunt- und Zehntklässler können nicht einmal zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden. Wie gut bereitet Schule auf eine Gesellschaft vor, in der Populismus und Falschinformation ein immer größeres Problem werden?

Von: Christian Stücken

Stand: 07.12.2016

2016, ein Jahr das eingehen wird in die Geschichtsbücher - mit Fragen, die weit in die Zukunft reichen: War die Flüchtlingskrise eine neue Völkerwanderung? Bedeutet der Brexit das Ende von Europa? Warum haben Populisten so große Erfolge? Diese Überlegungen spiegeln unsere Zeit wider, in der Geschichte geschrieben wird, wie Heinz-Peter Meidinger überzeugt ist. Er unterrichtet seit Jahren das Fach Geschichte, doch inzwischen können viele seiner Schüler die historische Bedeutung all dieser Ereignisse gar nicht mehr begreifen.

"Man muss die Realität sehen, und die Realität zeigt, dass wir in der Gefahr sind, eine geschichtsvergessene Generation heranzubilden."

Heinz-Peter Meidinger, Deutscher Philologenverband

Geschichtswissen? Fehlanzeige!

Erschreckende Zahlen aus einer Studie aus dem Jahr 2012.

Schüler wissen immer weniger über Geschichte und Politik. Das ergab eine Studie im Jahre 2012. Nur 40 Prozent der Schüler können zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden. Nur 50 Prozent der Schüler halten Hitlers NS-Staat für eine Diktatur. Seit dem Pisa-Schock sind Sprachen und Naturwissenschaften an den Schulen besonders wichtig geworden, das Fach Geschichte dagegen befindet sich im Niedergang. Dabei wäre es wichtiger denn je. Denn weltweit treten Populisten auf, versprechen einfache wie radikale Lösungen. Und Viele sind dafür empfänglich - gerade Jugendliche.

Die zentralen Ergebnisse der Studie "Später Sieg der Diktaturen?"

Ohne Kenntnisse keine Kompetenzen

"Die Jugendlichen, die jetzt im Schulsystem sind, sind die Entscheidungsträger von morgen. Das heißt, das sind die, die in der zukünftigen Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Wenn wir in der Gesellschaft Personen haben, die Verantwortung übernehmen, aber über elementare geschichtliche Vorgänge keine Kenntnis mehr haben, dann wird mir tatsächlich Angst und Bang."

Heinz-Peter Meidinger, Deutscher Philologenverband

David Denniger ist Geschichtslehrer am Gymnasium. In der 10. Klasse gibt es pro Woche eine Stunde Geschichtsunterricht, in der Oberstufe zwei. Zu wenig, meint er - vor allem, wenn die Schüler mit großen Lücken im Grundwissen kommen.

"Dieses nachzuholen in der 11., 12. Klasse, das schaffen wir nicht in zwei Stunden in der Woche. Und die Themen ohne dieses Grundwissen zu behandeln ist ein gewisses Stückwerk und führt eigentlich ins Nichts."

David Denniger, Geschichtslehrer am Gymnasium

Ergebnisse - eine Auswahl

  • Nur etwa die Hälfte der für die Studie befragten Schüler ordnet den NS-Staat zweifelsfrei als Diktatur ein. In Bezug auf die DDR vermag dies sogar nur etwas mehr als ein Drittel. Die anderen waren sich nicht sicher, wie sie die beiden Systeme einordnen sollen oder bewerten sie ausdrücklich nicht als Diktaturen.
  • Nur rund die Hälfte der Befragten schätzt die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung als demokratisch ein. Lediglich rund sechzig Prozent halten das wiedervereinigte Deutschland für eine Demokratie. Ein Viertel weiß nicht, dass im heutigen Deutschland freie Wahlen durchgeführt werden.
  • Insgesamt vertreten rund vierzig Prozent der Schüler die Ansicht, dass es zwischen Nationalsozialismus, der DDR sowie der Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung kaum Unterschiede gebe. Diese Schülergruppe ist der Auffassung, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Selbstbestimmung seien in allen vier Systemen etwa gleich ausgeprägt.
  • Schüler mit Eltern, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind oder bei denen mindestens ein Elternteil aus dem Ausland stammt, sehen den Nationalsozialismus und die DDR positiver als ihre Altersgenossen, deren Eltern in der BRD groß geworden sind. Die alte Bundesrepublik und das wiedervereinigte Deutschland sehen sie hingegen negativer als sie.

Thema Nationalsozialismus im Eiltempo

Vieles wird im Geschichtsunterricht mal eben schnell abgehandelt, und manches eben gar nicht mehr. Für die Zeit des Nationalsozialismus sieht der Lehrplan in der Oberstufe acht Stunden vor: Hitlers Außenpolitik, der Erste und der Zweite Weltkrieg tauchen gar nicht mehr auf. Am Ende bleibt bei vielen Schülern nicht mal mehr hängen, dass die NS-Zeit eine Diktatur war.

"Das ist natürlich für Populisten wie von der AFD ein gefundenes Fressen, die auf komplexe Probleme ganz, ganz einfache Antworten haben. Und mir wäre es lieber, wenn wir mehr in die Tiefe gehen könnten und diese komplexen Probleme auch umfangreich im Geschichtsunterricht behandeln."

David Denninger, Geschichtslehrer

Mehr Begeisterungskraft statt mehr Zeit

Ludwig Unger, Bayerisches Kultusministerium

Das Kultusministerium sieht keine Möglichkeit für mehr Geschichtsunterricht in den Lehrplänen. Stattdessen fordert man von den Lehrern mehr Begeisterungskraft. So ist Ludwig Unger vom Bayerischen Kultusministerium der Ansicht, viel zentraler als die Zeit sei die Frage, ob die Lehrer Feuer und Flamme für ihr Fach wären und andere damit anstecken könnten. Gelinge es ihnen vielleicht sogar, dass mancher nachher sagen würde, er hätte das Fach so stark gefunden, dass er es möglicherweise studieren wolle?

Ist unsere Demokratie in Gefahr?

Doch überall sind die Populisten auf dem Vormarsch. Für den Geschichts-Professor Martin Schulze Wessel geht es längst nicht mehr darum, mehr Studenten auszubilden. Es geht darum, ein gesundes Misstrauen zu entwickeln, um unsere Demokratie zu bewahren.

"Wenn beispielsweise von Populisten gesagt wird, das Wort 'völkisch' kann man doch wieder benutzen, weil es von dem 'Volk' kommt, und eine bloße Adjektivbíldung davon ist, dann leuchtet das dem historisch nicht Gebildeten zunächst einmal ein. Der historisch Gebildete weiß, dass es bei diesem Adjektiv immer darum gegangen ist, andere auszugrenzen, dass es einen rassistischen Hintergrund hat."

Prof. Martin Schulze Wessel, LMU München

Es sind geschichtsträchtige Jahre. Zeit, eine Antwort darauf finden ...

Die Studie "Später Sieg der Diktaturen?"

Die Ergebnisse der Studie wurden unter dem bezeichnenden Titel "Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen" veröffentlicht. Ursprünglich hieß das Projekt noch "Kenntnisse, Bilder, Deutungen - das zeitgeschichtliche Bewusstsein Jugendlicher in Deutschland".
Finanziert wurde es vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, den beteiligten Bundesländern sowie dem Forschungsverbund SED-Staat.
Der Forschungsverbund untersucht seit seiner Gründung 1992 die Geschichte der DDR im Zusammenhang mit der deutschen Nachkriegsgeschichte sowie den Transformationsprozess nach der Wiedervereinigung.
Schon die Vorgängeruntersuchung von 2007 hatte für Wirbel gesorgt: Schüler in Ost und West wurden nach ihrem Wissen über die DDR befragt. Mit unter anderem folgenden Ergebnissen: Im Westen interessierten sich die Schüler kaum für die DDR, im Osten war das Bild bei vielen beschönigend verklärt.


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