BR Fernsehen - Kontrovers


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Die Akte Duogynon Verzweifelter Kampf um Aufklärung

Die Suche nach Antworten begann vor mehr als 40 Jahren. Hat eine Tablette, die werdende Mütter in den 60er- und 70er-Jahren nahmen, zu Missbildungen bei ungeborenen Kindern geführt? Was wusste der Hersteller von möglichen Risiken? Jetzt sind brisante Dokumente aufgetaucht …

Stand: 20.01.2016

Seit vielen Jahren kämpft der Pfrontener Andre Sommer um Gerechtigkeit: Er kam mit schweren Missbildungen auf die Welt. Verantwortlich dafür ist seiner Meinung nach das Hormonpräparat "Duogynon", das der Pharamkonzern Schering (heute Bayer) in den 1960er-Jahren auf den Markt brachte. Es wurde damals unter anderem als Schwangerschaftstest eingesetzt. Sommer und Hunderte weitere mutmaßliche "Duogynon"-Opfer sind der Überzeugung, dass der Konzern von der Gefahr durch das Medikament wusste, es aber dennoch nicht vom Markt nahm.

Jetzt sind brisante Dokumente aufgetaucht, die die Frage nach der Schuld wieder aufwerfen. Es sind Tausende Unterlagen - 20 Ordner mit internen Schreiben der Firma Schering. Aus den Papieren geht hervor, dass Schering Duogynon auf den Markt gebracht hat, ohne es in Tierversuchen zu testen. Damals war das noch nicht vorgeschrieben. Trotzdem hielt ein Anwalt des Pharma-Konzerns diese Dokumente schon vor Jahren für "Dynamit in den Händen Anspruchsberechtigter".

Mit Schmerzensgeldklage gescheitert

Andre Sommer kam 1976 mit Missbildungen an Geschlechtsteilen und einer Blase außerhalb des Körpers zur Welt. Seine Mutter hatte das hoch dosierte Hormonpräparat 1975 während der Schwangerschaft als Schwangerschaftstest eingenommen. In Großbritannien war das Präparat zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr als Schwangerschaftstest zugelassen. Sommer und viele weitere mutmaßliche Duogynon-Opfer sehen Parallelen zum Contergan-Fall und sind davon überzeugt, dass Bayer - damals noch Schering - von der Gefahr durch das Medikament wusste, das umsatzstarke Mittel dennoch nicht vom Markt nahm.

Die Bundesregierung teilte auf eine Anfrage der Grünen im Juli 2010 mit, dass ihr kein eindeutiger wissenschaftlicher Beleg dafür vorliege, dass die Einnahme des Hormonpräparats zu Fehlbildungen der Neugeborenen geführt habe. Genaue Zahlen über Geschädigte lägen nicht vor, da die Krankenkassen die Daten in den 70er-Jahren nicht zentral erfasst hätten

2012 reichte der damals 36-jährige Lehrer aus Pfronten, stellvertretend für Hunderte von Betroffenen, eine Haftungsklage gegen Bayer ein. Sommer wollte damit 50.000 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz für die mutmaßlichen Duogynon-Opfer erreichen. Das Berliner Landgericht wies seine Klage jedoch ab mit der Begründung, die Ansprüche Sommers seien verjährt.

Gefahr von Missbildungen war offenbar bekannt

Offenbar erkannte Schering die Gefahr von Missbildungen schon Ende der 60er Jahre: Den Dokumenten zufolge führte das Unternehmen 1969 Versuche mit schwangeren Ratten durch, denen Duogynon verabreicht wurde. Bei zwei Föten traten Fehlbildungen auf: Herzfehler, Hirnschäden. Selbst Schering kam dabei zu dem Ergebnis: Ein Zusammenhang mit Duogynon kann nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

"Man hätte das damals schon vom Markt nehmen müssen, und weitere Tierversuche anstrengen müssen. Stattdessen hat man es auf dem Markt belassen und gegen jede Vernunft weiter verkauft, nur um Profit zu machen."

Andre Sommer

1975 schreibt ein Schering-Wissenschaftler aus England an die Zentrale in Berlin, dass bei Frauen, die einen hormonellen Schwangerschaftstest gemacht hätten, ein Risiko von 5:1 bestehe, ein missgebildetes Kind zu bekommen.“ Der Schering-Mitarbeiter empfiehlt, ernstlich daran zu denken, das "Podukt zurückzuziehen." Doch Schering tut das nicht. Sie vertreibt Duogynon weltweit.

Als Medienberichte zunehmen und die Staatsanwaltschaft zu ermitteln beginnt, überprüft der Konzern intern alle Berichte und mündlichen Äußerungen zum Fall Duogynon, dass sie nicht, wie es heißt, zu nachteiligen Missdeutungen im Falle eines Strafverfahrens führen können.

"Anscheinend hat der Vorstand dann kalte Füße bekommen und wollte versuchen, möglichste viele Unterlagen eventuell ja … zu unterdrücken weiß ich nicht, aber auf jeden Fall so durchzuforsten, dass man ihnen auf jeden Fall nicht unbedingt etwas nachweisen könnte."

Andre Sommer

Weltweiter Vertrieb des Hormonpräparates trotz bekannter Nebenwirkungen

Auch Andre Sommers Rechtsanwalt Jörg Heynemann liegen die Dokumente vor. Und eines findet er besonders interessant: 1978 versuchte Schering offenbar, Duogynon auch in Korea einzuführen. Dabei ließ der der Konzern die Gefahr abklären, dass auftretende Missbildungen möglicherweise auf Duogynon zurückzuführen sind. Der Schering-Vertreter sollte in Korea herausfinden, ob es eine "Nebenwirkungsbehörde" gibt - und vor allem: Gibt es eine Meldepflicht?

"Dass so ein Markt unter solchen Gesichtspunkten geprüft wird! Das war 1978, als die Nebenwirkung schon längst bekannt war. Das zeigt für mich einen Grad an Menschenverachtung, der ist kaum noch zu überbieten."

Jörg Heynemann, Rechtsanwalt von Andre Sommer

Sollten Abgeordnete in Großbritannien gekauft werden?

Unter den Dokumenten befindet sich auch eine Liste mit britischen Abgeordneten. Sie alle wollten sich in England einer Abstimmung gegen Duogynon anschließen.

"Und bei dem einen Abgeordneten stand dann 'totally uncorrupt' - absolut nicht korrupt. Das heißt, dass die anderen im Umkehrschluss wahrscheinlich schon bestechlich sind! Solche Listen überhaupt zu erstellen ...! Dass das wirklich so ist, wie man das nur aus Krimis kennt - das hätte ich nicht gedacht."

Jörg Heynemann, Rechtsanwalt

Andre Sommers Kampf geht in die nächste Runde

Die Firma Bayer sagt zu den aufgetauchten Dokumenten:

Es wurden bereits in den siebziger und achtziger Jahren umfangreiche Untersuchungen und Gutachten namhafter Experten zur Aufklärung möglicher Ursachen unter anderem in Deutschland, England und in den USA durchgeführt, ohne dass sich daraus Hinweise auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Primodos/Duogynon und den seinerzeit gemeldeten Fällen ergaben. Es sind keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt, die die Gültigkeit der damaligen Bewertung in Frage stellen würden.

Doch in England gibt es jetzt eine Untersuchungskommission, die den Fall neu aufrollt. Andre Sommer hofft, dass es dann auch in Deutschland weiter geht. Für ihn und die Betroffenen ist die Geschichte eben nicht verjährt.


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