BR Fernsehen - Kontrovers


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Fahrerlose Autos Auch eine Frage der Moral

Der erste tödliche Unfall mit einem selbstfahrenden Auto in den USA zeigt: Die neue Technik ist auch eine Frage der Moral. Aktuell laufen Tests mit ausschließlich computergesteuerten Fahrzeugen auf Bayerns Autobahnen. Irgendwann sollen diese Autos auch in dicht besiedelten Regionen fahren. Wer programmiert den Computer nach welchen Kriterien für Gefahrensituationen? Denn mit selbstfahrenden Autos kommen schwer zu lösende Fragen auf uns zu. Nicht nur die Autobauer sind gefragt.

Von: Patrick Lerch

Stand: 12.09.2016

Sie sind längst Realität auf bayerischen Autobahnen: selbstfahrende Autos zu Testzwecken. Audi, Daimler, BMW und alle anderen großen Hersteller tüfteln an selbstfahrenden Autos und fahren sie bereits im Testbetrieb. Allen gemeinsam ist ein großes Ziel: Im Stadtverkehr unterwegs zu sein. Denn dort ist das Unfallrisiko höher als auf Autobahnen.

Im Stadtverkehr wird's schwierig

Welche Entscheidung soll ein autonomes Auto im Falle eines Unfalls treffen?

Es gibt viele offene Fragen: Wie verhält sich ein autonomes Fahrzeug in einer Gefahrensituation? Was macht das Auto, wenn plötzlich ein kleines Mädchen vor ihm auf die Straße läuft? Was, wenn der Fahrer das Kind nur verschonen kann, indem er ausweicht, aber dadurch zum Beispiel einen Senioren gefährdet? Ist ein junges Leben mehr wert als ein älteres?

"Die Maschine darf nie beurteilen, ob der Rentner mehr oder weniger wert ist als die junge Dame. Das wäre absolut fatal. Ich halte nichts von solchen Entscheidungen. Das Auto könnte mithilfe seiner Kameras und anderer Systeme auch die Gesundheit beurteilen, Alter, Reichtum, Schönheit, usw. Ganz viele Faktoren einbeziehen. Und wir merken, es wird sofort unanständig und unappetitlich."

 Wirtschafts- und Informations-Ethiker Oliver Bendel, Fachhochschule Nordwestschweiz

Haftungsfragen sind entscheidend

Anzeige: Auto-Pilot beim selbstfahrenden Fahrzeug

Selbstständig fahrende Autos, die eines Tages eigenständige Entscheidungen treffen – vielleicht sogar über Leben und Tod. In einem Strategiepapier vom 23. Mai 2016 möchte Verkehrsminister Alexander Dobrindt die gesetzgeberischen und ordnungspolitischen Voraussetzungen für autonome Autos schaffen. Im Kern zielt das Maßnahmenpaket auf rechtliche Klarheit: Autofahrer sollen bei der ordnungsgemäßen Benutzung von autonomen Fahrzeugen zumindest teilweise von Sorgfaltspflichten - und damit ihrer rechtlichen Verantwortung - befreit werden. Ein Fahrer soll dann nicht haften, wenn er den Autopiloten wie vorgeschrieben nutzt und bei einem Unfall nicht rechtzeitig einschreiten konnte.

Gesucht: eine Ethik-Kommission

Verkehrsminister Alexander Dobrindt plant eine Ethik-Kommission für autonome Autos

Aber Dobrindt möchte auch ethische Fragen klären lassen. Noch im September 2016 plant er die Einsetzung einer Ethik-Kommission, die Leitlinien für Algorithmen entwickeln soll, nach denen Autos in Risikosituationen reagieren. Zwei Grundsätze gibt er vor: Sachschaden müsse immer vor Personenschaden gehen und es sollen keine Sonderrechte für vermeintlich wichtigere Menschen wie den Top-Manager oder den Minister gelten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Die geplante Kommission hätte aber immer noch moralisch kaum lösbare Aufgaben zu klären. Denn die Gefahrensituationen sind konkret.

"Wir stehen vor der größten Mobilitätsrevolution seit Jahrzehnten: dem automatisierten und vernetzten Fahren. Und da wollen wir wieder ganz führend mit dabei sein."

Verkehrsminister Alexander Dobrindt

Wenn selbstfahrende Autos wirklich die größte Revolution seit der Erfindung des Automobils werden sollen, müssen sich nicht nur Politiker und Automobilbauer, sondern auch die Gesellschaft über einige grundlegende Fragen Gedanken machen.


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