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7 Filme über die RAF Von Trauma-Arbeit bis Trash

Im Herbst 1977 traumatisierte der Terror der RAF die Bundesrepublik. Die Ereignisse waren seither auch immer wieder Stoff für den Film - mit den unterschiedlichsten Ergebnissen. Die 7 wichtigsten Filme über den Deutschen Herbst.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 27.09.2017

Szene aus "Baader" | Bild: picture-alliance.com

Der Herbst 1977 ging als Deutscher Herbst in die Geschichte ein. Die Bundesrepublik wurde schwer traumatisiert durch die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, durch die Entführung des Lufthansa-Flugzeugs "Landshut" und die vermeintlichen Selbstmorde von Andreas Baader, Gudrun Ensslin sowie Jan-Carl Raspe, der Führungsspitze der ersten Generation der RAF, die im Stammheimer Gefängnis einsaß. Schon ein Jahr später fanden die Ereignisse ihren Weg ins Kino. Der Anfang einer langen, intensiven und höchst unterschiedlichen Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Terror-Herbst im Film. Moritz Holfelder stellt die interessantesten Filme vor – die in ihren besten Momenten auch zum Nachdenken über sich selbst anregen.

Ein Film als Zeitdokument – "Deutschland im Herbst" von Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Edgar Reitz, Katja Rupé u.a. (1978)

Der Episodenfilm kam 1978 in die Kinos, als direkte Reaktion auf den Deutschen Herbst. Die insgesamt elf Regisseure sahen es als ihre politische Aufgabe, sich mit der bundesdeutschen Gesellschaft und dem RAF-Terrorismus auseinanderzusetzen und eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Wie bei allen Werken, die durch die Zusammenarbeit von mehreren Regisseuren entstehen, sind die einzelnen Teile in ihrer Qualität und Ausrichtung höchst unterschiedlich. Sehenswert ist "Deutschland im Herbst" aber allein schon wegen der Episode von und mit Rainer Werner Fassbinder: Er sitzt nackt und verzweifelt in seiner Münchner Wohnung vor dem Kühlschrank, zwischendurch spricht er mit seiner Mutter Liselotte Eder über die Demokratie, das Gesetz und den Widerstand. Er sagt: "Ist das Schlimme an den Terroristen nicht vielleicht sogar, dass sie Gründe fürs Morden haben, die wir verstehen könnten?"

Unterschiedliche Lebenswege – "Die bleierne Zeit" von Margarethe von Trotta (1981)

Screenshot aus: "Die bleierne Zeit"

Zwei Schwestern. Die eine sitzt als Terroristin im Gefängnis, die andere arbeitet als feministische Journalistin. Ein Kammerspiel. Herausragend gespielt von Barbara Sukowa und Jutta Lampe. Der Film, der 1981 in Venedig den Goldenen Löwen gewann, orientiert sich an den Biografien der beiden Schwestern Christiane und Gudrun Ensslin. Der Titel "Die bleierne Zeit" bezieht sich auf die 50er-Jahre, auf die Nachkriegszeit also, in der die beiden Schwestern aufgewachsen sind. Auch wenn der Erzähl-Rhythmus sehr viel langsamer ist als in heutigen Filmen, fesselt der Film immer noch aufgrund seiner Intensität und der klugen Dialoge. "Die bleierne Zeit" stellt die wichtige Frage: Welchen Einfluss hat die politische und gesellschaftliche Vergangenheit unseres Landes auf das Individuum, und ab wann erscheint es richtig, im Widerstand die Mittel der Gewalt zu akzeptieren?

Umstrittener Gerichtsfilm – "Stammheim" von Reinhard Hauff (1986)

Screenashot aus "Stammheim"

Das zu großen Teilen nach den originalen Verhörprotokollen entstandene Drama (Drehbuch: Stefan Aust) beschreibt ganz nüchtern den Ablauf des Prozesses, bei dem in den Jahren 1975 bis 1977 Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe auf der Anklagebank saßen. Unter den inzwischen vielen Andreas-Baader-Darstellern ist der junge Ulrich Tukur bis heute einer der überzeugendsten, aber auch Therese Affolter als Ulrike Meinhof, Sabine Wegner als Gudrun Ensslin und Hans Kremer als Jan-Carl Raspe sind im Ensemble großartig. Das Besondere: Der Film ist konsequent ohne moralische Bewertungen inszeniert, was die Zuschauer 1986 bei der Berlinale extrem spaltete. So gab es zwar den Goldenen Bären für "Stammheim", allerdings gegen den Willen der italienischen Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida. Sie trat vors Publikum und verkündete: "I was against this film!"

Auf der Flucht – "Die innere Sicherheit" von Christian Petzold (2001)

Screenshot aus ""Die innere Sicherheit"

Der Clou dieses Familiendramas: Regisseur Christian Petzold erzählt vom Kampf der RAF aus der Sicht einer 15-Jährigen. Ein versteckt lebendes Terroristen-Paar bewohnt mit seiner Tochter eine Ferienwohnung in Portugal. Zu Beginn des Films hört man das Rauschen des Meeres und die Schreie der Möwen. Dann sieht man, wie sich Hauptdarstellerin Julia Hummer in einem Strandlokal eine Cola kauft. Urlaubsatmosphäre, denkt man. Erst allmählich wird klar, wie sehr sie darunter leidet, nicht das Leben einer normalen Jugendlichen führen zu können. Für ihre Eltern (Barbara Auer und Richy Müller) wird sie zum Sicherheitsrisiko. Petzold lässt jegliche Form einer Vorgeschichte außen vor – er konzentriert sich auf das Gefängnis der erzwungenen Isolation. Ganz prinzipiell geht es um die Frage eines selbstbestimmten Lebens. Petzold sagt: "Um die innere Sicherheit der Familie zu wahren, wendet Jeannes Vater regelrechte Verhörmethoden bei seiner Tochter an. Er verrät das, wofür er einmal gekämpft hat."

Zwei Seiten einer Medaille – "Black Box BRD" von Andres Veiel (2001)

Polizeibeamte stehen am Wrack der Herrhausen-Limousine in Bad Homburg

Der Dokumentarfilm besticht durch die Gegenüberstellung zweier vollkommen unterschiedlicher Leben, bei denen plötzlich gewisse Parallelitäten aufscheinen: Andres Veiel beleuchtet und hinterfragt die Lebenswege des Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und des RAF-Terroristen Wolfgang Grams anhand von Gesprächen mit Freunden, Familie und Kollegen. Der eine soll bei der Ermordung des anderen mitgewirkt haben. Herrhausen starb im November 1989 durch ein Bombenattentat der RAF. Wolfgang Grams, dem die Beteiligung nie nachgewiesen werden konnte, starb im Juli 1993 beim Versuch seiner Festnahme durch die Polizeieinheit GSG 9 in Bad Kleinen. Er wurde angeschossen, und beging danach angeblich Selbstmord. "Black Box BRD" setzt die Biografien von Herrhausen und Grams auf eine faszinierende Weise in Bezug. Sowohl die Witwe des Bankmanagers als auch die Eltern des Terroristen haben an dem Dokumentarfilm mitgewirkt.

Einem Mythos auf der Spur – "Baader" von Christopher Roth (2002)

Screenshot aus "Baader"

Ein Vexierspiel, das den Terroristen als eine Art ruppige Popfigur inszeniert. Der Regisseur mischt unbarmherzig Tatsachen mit Anekdoten und Fiktion. Ihm geht es nicht darum, den echten Andreas Baader begreiflich zu machen, was vermessen wäre, Roth möchte stattdessen die unzweifelhafte Anziehungskraft des charismatischen Rebellen in Bilder übersetzen. Frank Giering spielt den Baader wie einen sexy Revoluzzer und Laura Tonke als Gudrun Ensslin seine Muse. Im kruden Umgang mit der Geschichte kommt man der RAF vielleicht eher auf die Spur als mit dem vergeblichen Versuch historischer Genauigkeit. Wie schon bei Fassbinder wird eine Zusammenarbeit zwischen Staat und Terrorgruppe vorstellbar. Beide Seiten brauchen sich sogar, um ihr Verhalten zu legitimieren. So gibt es im Film ein direktes Treffen von Baader mit dem fiktiven Leiter des BKA.

Frankensteins RAF – "Ulrike's Brain" von Bruce LaBruce (2017)

Kein anderer Regisseur des zeitgenössischen Kinos vermischt auf so einzigartige Weise Trash und schwules Kunstkino. Mit dem Abstand von 40 Jahren auf den Deutschen Herbst macht es Sinn, geschichtliche Ereignisse wild zu kolportieren, um einen neuen Blick zu gewinnen. Bruce LaBruce bezieht sich auf B-Movies der 60er-Jahre (wie “They Saved Hitler’s Brain”) und erzählt von einem wissenschaftlichen Kongress, bei dem Doktor Julia Feifer mit Ulrike Meinhofs Gehirn auftaucht. Es liegt in einem Organtransport-Behälter – und sendet Signale aus, um die neue feministische Revolution zu starten. Gesucht wird der ideale weibliche Körper, in den “Ulrike's Brain” eingepflanzt werden kann. Die sowieso schon verrückte Geschichte kulminiert, wenn auf dem Kongress noch ein Forscher mit der Asche des ehemaligen Neonazi-Anführers Michael Kühnen auftaucht. Am Ende stehen sich zwei Frankensteinmonster gegenüber. RAF kontra Neonazis.


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