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30 Jahre Tschernobyl Sagt man uns heute die Wahrheit?

Eine vollständige Kernschmelze: Block 4, Kraftwerk Tschernobyl, 26.4.1986. Damals wurde die Gefahr für Bayern heruntergespielt. Und heute, nach 30 Jahren? Die wenigsten denken noch daran, wenn sie heimische Pilze verzehren oder Wild. Dabei ist die radioaktive Belastung nach wie vor vorhanden.

Stand: 10.03.2016

Warnschild Radioaktivität auf dem Boden | Bild: picture-alliance/dpa

Nur langsam kam vor 30 Jahren ans Licht, was in Tschernobyl geschehen war.

Lange beschwichtigten Politiker, in Bayern habe man nichts zu befürchten. Doch die Verunsicherung in der Bevölkerung war groß: Dürfen die Kinder noch draußen im Sandkasten spielen? Was ist mit unserem Obst und Gemüse? Was kann man noch essen? Klare, umfassende Antworten blieb der Staat damals schuldig. Wie ist das heute? Sind wir inzwischen besser informiert?

Zahlen und Fakten

Am 26.4.1986 kam es in Block 4 des Kraftwerks in Tschernobyl zu einer vollständigen Kernschmelze.

Die direkte Folge: Mehr als 350.000 Menschen wurden im Umkreis von Tschernobyl evakuiert.

Teile der riesigen Schadstoffwolke wurden vom Wind unter anderem bis nach Bayern getrieben – 1.300 Kilometer weit.

Der Regen wusch die Strahlenfracht aus der Atmosphäre, die Radioaktivität ging auf den Boden in Bayern über.

Die Belastung in Bayern ist unregelmäßig verteilt: Während es manche Landstriche sehr stark erwischt hat, gibt es nur wenige Kilometer daneben praktisch gar keine Belastung.

40 % der europäischen Landfläche wurde damals radioaktiv belastet.

Die Halbwertszeit von Cäsium liegt bei 30 Jahren. Insgesamt dauert es 300 Jahre, bis die Belastung von Tschernobyl komplett verschwunden ist.

Die Grenzwerte in Deutschland für radioaktive Belastung sind hoch angesetzt: Sie liegen bei 370 Becquerel pro Kilogramm bei Milch, Milchprodukten und Säuglingsnahrung und bei den übrigen Lebensmitteln bei 600 Becquerel pro Kilogramm. Selbst in Japan hat man niedrigere Grenzwerte, nämlich 100 Bq/kg. Das Umweltinstitut München fordert einen Grenzwert von 50 Bq/kg.

Die vergleichsweise laxen Grenzwerte der EU stammen noch aus einer Zeit vor Tschernobyl, wurden aber vor sieben Jahren nochmal bis 2020 verlängert.

Über 100 Messstellen stehen in Bayern, an denen Jäger des Bayerischen Jagdvereins (BJV) überprüfen können, ob und in welchem Ausmaß ihre erlegten Wildtiere radioaktiv verstrahlt sind.

Selbst 30 Jahre nach Tschernobyl gibt es Wildtiere in Bayern, die mit über 10.000 Becquerel pro Kilogramm belastet sind.

Für verstrahltes Wildbret, das nicht in den Handel kommen darf, werden den Jägern Ausgleichszahlungen vom Staat gewährt. In den letzten fünf Jahren kam dabei eine Summe von 3,6 Millionen Euro zusammen.

Eine Million Kinder wurden von 1984 bis 1991 untersucht, mit dem Ergebnis, dass es nach Tschernobyl zu 2.700 zusätzlichen Fehlbildungen in Bayern kam.

Die KIKK-Studie besagt, dass Kinder in der Nähe von Kernkraftwerken häufiger an Krebs erkranken: in einem Umkreis von fünf Kilometern erkranken doppelt so viele Kinder an Leukämie.

Nach dem Unglück in Tschernobyl wurde in Deutschland kein weiteres Kernkraftwerk mehr gebaut.

Im Jahr 2000 beschloss die damalige rot-grüne Bundesregierung den Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie. 2025 soll das letzte der 16 Kernkraftwerke vom Netz gehen.

Pilze immer noch belastet

Damals wurde dann vor allem Treibhausware gekauft – möglichst nicht aus Deutschland. Pilze wurden gemieden, genau wie Wild. Heute sind die Verbraucher sorgloser. Und das, obwohl sich die Strahlenbelastung im Boden nach dieser Zeit gerade einmal halbiert hat. Pilze aus bayerischen Wäldern können also nach wie vor deutlich belastet sein. Hier einige Tipps:

Welche Pilze kann man essen?

Pilzimporte werden überwacht, die Händler müssen dafür eine Messbescheinigung vorlegen.

Als Pilzsammler kann man seine Funde zur Messung ins Umweltinstitut einschicken.

Nicht alle Pilzarten sind gleich stark belastet. Den Maronenröhrling beispielsweise sollte man besser im Wald stehen lassen.

Die Belastung der Pilze ist bayernweit sehr unterschiedlich. Auf der interaktiven Pilzkarte vom Münchner Umweltinstitut kann man die Belastung ablesen:

Cäsium 137

Es gibt eine natürliche Radioaktivität. Cäsium 137 kommt allerdings in der Umwelt nicht vor. Es ist ein künstliches Nuklid, das nur bei der Kernspaltung entsteht. Deshalb müsste der gemessene Wert in Lebensmitteln eigentlich bei 0 liegen. Wegen Tschernobyl tut er das aber oft nicht.

Wildtiere teilweise stark belastet

Auch das bayerische Wild ist nach wie vor belastet. Der Grund hierfür: Schwarz- und Rotwild fressen die verstrahlten Pilze. Die Wildschweine sind von allen Waldtieren mit Abstand am höchsten belastet, denn ihre Leibspeise ist der sogenannte Hirschtrüffel, in dem das Cäsium sehr konzentriert vorhanden sein kann. Jedes geschossene Wildschwein muss zwingend einer Strahlenuntersuchung unterzogen werden, um festzustellen, ob das Fleisch unbelastet und unbedenklich ist. Ohne Messbescheinigung darf das Fleisch nicht in den Handel gelangen. Die Jäger bekommen mittlerweile Ausgleichszahlungen für die erlegten verstrahlten Tiere. Im Sommer sind die Chancen auf weniger verstrahltes Wildfleisch höher, denn dann fressen die Tiere vor allem Mais von den Feldern. Doch wie viele der Wildschweine sind verstrahlt? Die Zahlen dazu werden in den Messstationen gesammelt, sie werden jedoch nicht veröffentlicht.

Was passiert, wenn ich belastete Nahrung zu mir nehme?

Das Problem ist: Es gibt keinen Schwellenwert bei Radioaktivität. Zellen können also bei jeder Strahlung unter Umständen geschädigt werden – und dann kommt es auf das Abwehrsystem jedes einzelnen Menschen an. Das greift ein und versucht diese Zellen zu reparieren. Gelingt das nicht, kann Krebs entstehen. 

Krebsrate erhöht?

Wie sieht es aus mit der Krebsrate in Bayern? Ist sie seit Tschernobyl gestiegen? Gerade Schilddrüsenkrebs wird als Folge radioaktiver Belastung angesehen. Doch genau feststellen, ob und wie stark die Krebsrate in Deutschland seit 1986 angestiegen ist, kann man nicht. Es gibt kein umfassendes deutsches Krebsregister. Erst seit 2002 werden die Daten beim Robert-Koch-Institut gesammelt, in Bayern gibt es zumindest seit 1998 ein landesweites Krebsregister. Für Kinderkrebserkrankungen besteht seit 1980 ein lückenloses Register.

Dennoch trifft man in Krebsforen und Vereinigungen häufig auf Betroffene, die ihre Erkrankung definitiv mit der Reaktorkatastrophe von 1986 in Zusammenhang bringen.

Hauptgefahr: radioaktives Jod

Die Hauptgefahr an der radioaktiven Wolke, die nach einem Reaktorunfall entsteht, ist das radioaktive Jod. Es verflüchtigt sich zwar schnell, ist jedoch hoch aggressiv und lagert sich in die Schilddrüse ein.

Krank durch Atomkraftwerke?

Die Nuklearkatastrophe ist das eine. Das andere sind die Atomkraftwerke selbst. Mit der Niedrigstrahlung, die von ihnen ausgeht, beschäftig sich die KIKK-Studie. Diese hatte sich zur Aufgabe gemacht, zu klären, ob Kinder in der Nähe von Kernkraftwerken häufiger an Krebs erkranken – vor allem an Leukämie. Nach 10 Jahren kam man zu folgendem Ergebnis: Je näher ein Kleinkind an einem Atomkraftwerk wohnt, desto größer ist die Gefahr, an Leukämie zu erkranken. Das wurde an allen AKWs in Deutschland festgestellt. Die Studie, die vom Bundesumweltministerium über das Bundesamt für Strahlenschutz finanziert wurde, wollte am Ende dennoch niemand so recht anerkennen.

Ein Fazit?

30 Jahre liegt Tschernobyl nun zurück. Noch immer sind weite Teile des Bodens verstrahlt, ist Wild oft nicht zum Verzehr geeignet, das wirkliche Ausmaß der gesundheitlichen Folgen nicht aufgeklärt. Und selbst wenn bis 2022 alle AKWs abgestellt werden sollen: der radioaktive Müll wird uns weiter belasten.


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