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Alles sauber? Das schmutzige Geschäft mit unseren “Perlen“

Hinter unseren bürgerlichen Fassaden blüht ein Schwarzmarkt: Putzfrauen haben unsere Schlüssel und machen bei uns sauber. Doch sauber ist daran eigentlich nichts. Unsere „Perlen“ arbeiten meist schwarz, sind oft illegal hier - und dadurch wehrlos. Doch wie könnte man das ändern?

Stand: 04.03.2016

Putzfrau mit Putzutensilien | Bild: BR

Ein schlechtes Gewissen, das haben die wenigsten, die eine Putzfrau illegal bei sich beschäftigen. Warum auch? Schließlich bezahlen sie ja anständig! Dafür schließen die Haushaltshilfen eine wichtige gesellschaftliche Versorgungslücke – sowohl bei der Hausarbeit als auch bei der Altenpflege. Klingt nach einem fairen Geschäft? Keinesfalls. Der Alltag der Frauen, die größtenteils aus Osteuropa kommen, sieht anders aus.

Isoliert. Illegal. Wehrlos.

Abgesehen davon, dass sie häufig ihre Familie in der Heimat zurücklassen mussten, viele von ihnen in Deutschland nicht einmal einen Arzt aufsuchen können, wenn sie krank sind und oft zu mehreren in winzigen Zimmerchen ohne Intimsphäre hausen, blieben nicht vielen der schwarzarbeitenden Putzfrauen schlechte Erfahrungen mit ihren Auftraggebern erspart. Sie werden über den Tisch gezogen, putzen ohne Pausen und im Akkord, bekommen den Lohn für ihre Arbeit nicht oder er wird willkürlich gekürzt – mit fadenscheinigen Begründungen. Und es passiert noch Schlimmeres: Die Frauen werden sogar körperlich und psychisch misshandelt und gedemütigt. Die Angst entdeckt zu werden ist ihr ständiger Begleiter – und sie macht sie wehrlos, ausbeutbar und erpressbar.

Zahlen und Fakten

4 Millionen Haushalte in Deutschland beschäftigen eine Haushaltshilfe.

Über 90 % der beschäftigten Haushaltshilfen arbeiten schwarz.

Der Stundenlohn im Privathaushalt für Putzkräfte liegt durchschnittlich bei 12 Euro.

Im Jahr 2003 waren 303.000 Minijobs im Haushalt vergeben. 2015 sind es gerade mal 40.000 mehr.

Vorstöße des Staats

Zumindest die Illegalität ist für viele in den letzten Jahren Dank der von der EU gewährten vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit weggefallen. Die Arbeitsverhältnisse bleiben schwierig. Denn auch wenn sich die Stundenlöhne erstmal gut anhören - es ist Schwarzarbeit, man ist damit weder renten- noch krankenversichert.

Doch es gab und gibt Ansätze, dieses Problem zu lösen:

Die staatlichen Regelungen

In Deutschland hat der Staat Anreize zur Legalisierung von Putzfrauen geschaffen - mit dem Gesetz zur Förderung von Familien und haushaltsnahen Dienstleistungen. Seit 2009 können 20 % der Kosten für Haushaltshilfen von der Steuer abgesetzt werden.

Besonders gefördert werden darüber hinaus Minijobs im Privathaushalt. Die Arbeitgeber zahlen niedrigere Pauschalabgaben zur Sozialversicherung als bei gewerblichen Minijobs. Die Haushaltshilfen haben Anspruch auf Urlaubsgeld und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, können in die Rentenkasse einzahlen und sind unfallversichert.

Das Arbeitsministerium sieht weiter keinen Handlungsbedarf. Die staatlichen Anreize zur Legalisierung von Haushaltshilfen seien ausreichend, um Putzfrauen zu guten Bedingungen einzustellen – und auch, was die Selbständigen betrifft, sieht das Arbeitsministerium überhaupt kein Problem.

Die Probleme

Wer fair bezahlen will, muss mit Kosten von knapp 30 Euro pro Stunde für eine Putzkraft kalkulieren – und das leisten sich die meisten Haushalte nicht mehr.

Das Minijob-Modell ist auf jeden Fall gut für die Haushalte, denn sie sind dadurch auf der sicheren Seite. Die Putzfrauen sind zwar über einen Minijob unfallversichert, aber krankenversichert sind sie nicht. Und da sie von einem 450-Euro-Job nicht leben können, wird nebenbei weiter schwarz geputzt.

Online findet man mittlerweile eine ganze Reihe Portale, die mit fairen Arbeitsbedingungen für die Putzleute werben. Auch hier gilt der Steuervorteil für haushaltnahe Dienstleistungen. Für die Vermittlung kassieren die Plattformen eine Provision von der Reinigungskraft, die selbständig ist und ein Gewerbe angemeldet haben muss. Das lohnt sich scheinbar für alle – nur für die Reinigungskräfte meist nicht. Denn am Ende bleibt größtenteils nicht einmal der tarifliche Mindestlohn übrig.

Egal ob schwarz im Privathaushalt, als Minijobber oder selbständig mit Gewerbeschein: Putzkräfte haben es schwer auf ihre Kosten zu kommen.

Das Zuschussmodell – die Lösung?

Genau da setzt ein Modell an, das funktionieren könnte. Erprobt ist das Ganze in Belgien und Frankreich. Es ist ein staatliches Zuschussmodell: Die Haushalte bezahlen ihre gewohnten „Schwarzmarktpreise“ für Putzfrauen, der Staat schießt den Beitrag für die Sozialabgaben zu. Und zwar in Form von Gutscheinen, die an jeden Haushalt verteilt werden.  Heidi Holzhauser, Expertin für Chancengleichheit am Arbeitsplatz von der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg, glaubt, etwa 20 Gutscheine pro Monat zu je 8 Euro müssten ausreichend sein. Eingelöst werden können diese Gutscheine dann ausschließlich bei Dienstleistungsunternehmen, die nachweisen können, dass sie ihre Leute durchwegs sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das kann sich nicht lohnen für den Staat? Doch.

"Es hat sich wirklich gezeigt, dass alle profitieren. Und genau das zeigt diese Machbarkeitsstudie, die im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchgeführt wurde. Hier wurde wirklich volkswirtschaftlich dieser Nutzen eben auch noch mal gegenübergestellt und gezeigt, dass jeder Euro, der hier investiert wird in solche Gutscheine, das Vier- bis Sechsfache unter Umständen sogar das Achtfache an Output hat. Weil wir Beschäftigung schaffen und sehr viele zusätzliche Steuereinnahmen und Beitragseinnahmen generieren."

Heidi Holzhauser


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